Kultur : 6. Juni 1944

Zermürbungskrieg: Antony Beevor über die Landung der Alliierten in der Normandie

Boris Peter
Klappen auf. Amerikanische Soldaten an der Utah Beach. Foto: Ullstein
Klappen auf. Amerikanische Soldaten an der Utah Beach. Foto: UllsteinFoto: ullstein bild

Kein Ereignis wurde während der deutschen Besetzung großer Teile Europas von so vielen Menschen herbeigesehnt wie die Landung der Alliierten in Frankreich. In der Nacht auf den 6. Juni 1944 war es so weit: Eine gewaltige Armada von über 5000 Schiffen nahm Kurs auf die normannische Küste. Zur selben Zeit sprangen Fallschirmspringer über dem Hinterland ab. Die Konfusion unter den Deutschen war groß, zumal Mitglieder der Résistance unmittelbar zuvor Erdkabel und Telegrafendrähte gekappt hatten. Unterstützt von Luftangriffen und Schiffsartillerie stürmten amerikanische, britische und kanadische Soldaten am frühen Morgen fünf Strände der Normandie. Besonders blutig verliefen die Kämpfe an der Omaha Beach: Sobald die Klappen der Landungsboote heruntergelassen wurden, eröffneten deutsche Maschinengewehrschützen das Feuer.

Längst ist Omaha Beach eine amerikanische Legende und die Geschichte der Invasion wurde schon oft erzählt. Antony Beevor, der für sein Buch 30 Archive in sechs Ländern aufgesucht hat, bereichert gleichwohl die Geschichtschreibung des D-Day. Wie bereits in seinen Büchern „Stalingrad“ und „Berlin 1945“ gelingt es dem britischen Militärhistoriker, die Perspektiven der Befehlshaber und der einfachen Soldaten gleichermaßen zu berücksichtigen. Zu den stärksten Passagen des Buches zählt die Schilderung der angespannten Atmosphäre im Marinehauptquartier nördlich von Portsmouth, als der nervöse, Camel-kettenrauchende Oberkommandierende Dwight S. Eisenhower sich trotz widersprüchlicher Wetterprognosen dazu durchrang, die Landung für den 6. Juni anzuordnen.

Ebenso eindrücklich beschreibt Beevor die Rituale der Fallschirmspringer vor dem Einsatz, die ihre Schädel kahl rasierten, um die Behandlung von Kopfverletzungen zu erleichtern, und ihre sorgsam gehüteten Fotos in ihre Stahlhelme einklebten. Wenn der Autor weiter berichtet, wie sie vor dem Start der Transportmaschinen immer wieder austreten mussten und unmittelbar vor dem Absprung auf dem von Erbrochenem glatten Boden ausrutschten, wirken die Angehörigen der 82. und 101. US-Luftlandedivision nicht gerade heroisch. Und doch lässt dies den aufopferungsvollen Mut dieser Männer letztlich nur umso deutlicher hervortreten.

Vorausgegangen war dem D-Day ein spektakulärer Schachzug: Dass die Invasion erfolgen würde, war klar. Unklar war, wo sie erfolgen würde. Der „Plan Fortitude“ sollte die Deutschen in dem Glauben wiegen, dass die Landungen in der Normandie nur ein Ablenkungsmanöver seien, mit dem Ziel, die deutsche Reserve vom Pas-de-Calais, der engsten Stelle des Kanals, abzuziehen. Die wirkliche Invasion sei angeblich in der zweiten Julihälfte zwischen Boulogne und der Sommemündung vorgesehen. Daher stationierte man im Südosten Englands eine Phantomtruppe mit Flugzeugattrappen und aufblasbaren Panzern unter General George S. Patton, den der Kriegsgegner besonders fürchtete. Gleichzeitig gelang es dem britischen Geheimdienst, deutsche Agenten umzudrehen, die den Feind fortan mit falschen Informationen fütterten und so den Eindruck erweckten, der Hauptangriff sei später, im Raum Pas-de-Calais zu erwarten.

Während Generalfeldmarschall Erwin Rommel, der für die Verteidigung des „Atlantikwalls“ verantwortlich war, eine Landung in der Normandie für immer wahrscheinlicher hielt, ließ Hitler sich täuschen. Ohnehin war er fest davon überzeugt, dass man den Feind bereits an den Stränden vernichtend schlagen würde. Ein Trugschluss: Die Mühe und der Einfallsreichtum, welche man von alliierter Seite in die Eroberung der Küste investiert hatte, machten sich bezahlt.

Über die Phase danach hatte man sich jedoch weniger Gedanken gemacht: Was folgte, war ein Zermürbungskrieg, den der Historiker hinsichtlich seiner Intensität mit den Kämpfen an der Ostfront vergleicht. Hinter den hohen Hecken der Normandie konnten sich die deutschen Soldaten hervorragend verschanzen – die alliierten Angreifer kamen kaum noch voran. Offenbar hatte man den Widerstand der Wehrmacht unterschätzt. Zwar gehörten dem deutschen Heer einige aus Versehrten zusammengestellte Truppen an und ein Fünftel der in der Normandie stationierten 7. Armee bestand aus zwangsrekrutierten Polen und sowjetischen Kriegsgefangenen, sogenannten Beutegermanen. Doch von einem ganz anderen Kaliber als die schwächere Infanterie waren die Panzer- und Panzergrenadierdivisionen der Waffen- SS und des Heeres. Überhaupt zeichneten sich die meisten deutschen Einheiten durch Zähigkeit, Disziplin und beträchtliche Fronterfahrung aus, betont Beevor. Um angesichts des hartnäckigen Widerstands die eigenen Verluste gering zu halten, wurden einige Städte massiv aus der Luft bombardiert, bevor sie von den Soldaten befreit wurden.

Diese Zerstörung vieler Dörfer und Städte verbitterte wiederum viele Bewohner der Normandie. Manche meinten sogar, wie die Frau des damaligen Bürgermeisters von Montebourg, dass es ihnen unter den Deutschen besser ergangen sei. Zwar kam es während des Rückzugs immer häufiger zu Racheakten durch SS-Einheiten, doch traten die deutschen Soldaten in Nordfrankreich lange Zeit weniger brutal auf als in anderen besetzten Gebieten. Mit großer Mehrheit, konstatiert Beevor, seien die Alliierten von den Franzosen als Befreier begrüßt worden.

Das Verdienst des Verfassers liegt darin, dass er die Schattenseiten der Befreiung nicht ausblendet: Er berichtet darüber, dass nach Abzug der Deutschen 20 000 vermeintliche und tatsächliche Kollaborateure von Angehörigen der Résistance getötet wurden. Bedrückend war auch die demütigende Behandlung der Frauen, die sich auf eine Beziehung mit Deutschen eingelassen hatten. Bereits im Juni, am ersten Markttag, der auf die Eroberung von Carentan durch die 101. US-Luftlandedivision folgte, wurde ein Dutzend Frauen öffentlich kahl geschoren. Allein im Department La Manche wurden 621 Frauen wegen „collaboration sentimentale“ festgenommen.

Statt der veranschlagten drei Wochen dauerte die Schlacht zweieinhalb Monate. Dann war der Weg nach Paris und nach Deutschland frei. Die Verluste der französischen Zivilbevölkerung und der Kriegsparteien waren enorm, wie die vielen Soldatenfriedhöfe an der normannischen Küste bis heute bezeugen.

Am Ende seines fesselnden Buches greift Beevor die Frage auf, welche Folgen ein Scheitern des Unternehmens D-Day gehabt habe könnten. Was wäre beispielsweise geschehen, wenn die Landungsflotte in den großen Sturm Mitte Juni geraten wäre? „Die Nachkriegskarte Europas und die Geschichte unseres Kontinents“, vermutet der Autor, „nähmen sich dann wohl ganz anders aus“.









– Antony Beevor:
D-Day. Die Schlacht um die Normandie. C. Bertelsmann Verlag, München 2010. 672 Seiten, 28 Euro.

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