70. Geburtstag von Keith Jarrett : Der Ganzkörper-Ekstatiker

Das Improvisationsgenie Keith Jarrett wird 70. Sein neues Soloalbum "Creation", Klavierkonzerte von Samuel Barber und Béla Bartók sowie eine Biografie von Wolfgang Sandner zeigen, dass der Jazzpianist noch immer auf der Höhe seiner Kunst ist.

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Versenkung: Keith Jarrett am Klavier.
Versenkung: Keith Jarrett am Klavier.Foto: Patrick Hinely Work/Play/ECM

Ende der Siebziger waren die Epigonen nicht mehr zu halten. Sie stürmten im Alleingang die Bühnen, sie erklommen die Klavierhocker der Bands, ja es gab kaum ein Schulkonzert, in dem nicht ein besonders romantischer Geist aus der Oberstufe versuchte, jene lyrische Ekstase herzustellen, auf die er sich wie kein Zweiter verstand. Sie schliffen die Töne an, sie schaukelten sich hinein in harmonische Muster, über denen sie ornamentale Glückseligkeiten verstreuten. Sie pflügten durch Blues- und Gospel-Vamps, und sie versanken in den Weiten pointillistischer Klanggemälde. Keith Jarrett war der einflussreichste Jazzpianist der Welt.

Fehlte nur, dass sie auch stöhnten und stampften und jauchzten wie er. Vielleicht hatten sie ihn nie live erlebt, vielleicht hatten sie vor dem Anbruch der Internetära tatsächlich nur seine Musik im Ohr. Dabei musste ihnen die lautstarke Begleitmusik seiner Aufnahmen schon damals das Bild eines Mannes eingeben, der sich dem Geschehen mit Haut und Haar überließ. Bis heute spielt Jarrett zeitweise im Stehen, duckt sich dann wieder tief in die Tastatur hinein, und windet Hals und Schultern unter dem längst zum grauen Igel zusammengeschmolzenen Afro mit reptilienartiger Beweglichkeit. Ein einziger Körper, dessen Verzückungen und Verrenkungen weder vom Kopf noch von den Fingern befehligt werden. Jarretts Solokonzerte leben aus einer Mischung von Konzentration und vegetativer Selbstvergessenheit, die sich auf der Grundlage eines aus allen stilistischen Himmelsrichtungen schöpfenden Vokabulars und in den Dienst eines Zusammenhangs stellte, in dem Mensch, Instrument und das, was im Moment zu ihnen spricht, eine unio mystica eingehen.

Unerreicht: Keith Jarretts Improvisationen

Doch alles, was den Epigonen gelang, war die Nachahmung eines Gestus. Wie viel Virtuosität sie auch investierten, es gelang nur Jarrett, die Spannung einer oft aus einem einzigen Motiv entwickelten Improvisation über 20, 30 Minuten aufrechtzuerhalten, während sie ganze Wundertüten voller Glitter ausschütten konnten. Als wäre eine musikalische Idee, und sei sie für sich genommen noch so lächerlich, nicht dadurch eine musikalische Idee, dass sie sich durch ihre sorgfältige Ausgestaltung definiert.

Selbst als 1991 eine autorisierte Transkription des „Köln Concert“ erschien, jener Jarrett verhassten, im Januar 1975 zu nächtlicher Unzeit todmüde auf einem verstimmten Stutzflügel erschaffenen dreisätzigen Suite mit einer vorbereiteten Zugabe, die ihm den Weg zu einem Millionenpublikum jenseits der Jazzgemeinde bereitete, wurde das Geheimnis seiner Musik nicht etwa gelüftet. Sie gab, wie alle folgenden Transkriptionen, zwar Einblicke in seine Harmonisierungsverfahren und die Figuren der rechten Hand. Aber weder Jarretts hymnische Innigkeit noch sein dramatisches Talent ließen sich imitieren. Schon das berühmte Bremen-Encore der „Solo Concerts Bremen/Lausanne“, die zwei Jahre nach Jarretts noch mit komponierten Themen arbeitenden ECM-Debüt „Facing You“ (1971) die Phase des freien Spiels einläutete, verweigert sich in den rhythmischen Überlagerungsgestalten des Mittelteils einer herkömmlichen Notation.

Ungewohnt: Das neue Album "Creation"

Wie lange ist das alles her. Wie sehr haben Keith Jarretts ausufernde Soloimprovisationen im Lauf von vier Jahrzehnten zu komprimierteren Formen gefunden. Welch schroffes Terrain, auf dem er zuweilen sogar die fraktalen Splitter seines großen Antipoden Cecil Taylor auflas, hat er dabei durchquert. Und in welchem Maß ist er sich zwischen der Tongischt von „Radiance“ (2006), der Euphorie von „Rio“ (2011) und den inbrünstig sanglichen Charakterstücken von „Creation“, die zu seinem 70. Geburtstag am 8. Mai erscheinen, treu geblieben. Zum ersten Mal dokumentieren sie nicht den Verlauf eines ganzen Konzerts, sondern Jarrett hat sie aus 2014 in Toronto, Paris, Tokio und Rom entstandenen Aufnahmen zu einer neunteiligen Folge montiert. Und wieder gewinnt er ihnen eine Bedeutung ab, die sich aus den im Prinzip einfachen Formgedanken der einzelnen Stücke nicht notwendig ergibt.

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