„A Blast“: Griechisches Katastrophenkino : Die Brandstifter sind unter uns

Regisseur Syllas Tzoumerkas dreht in seinem Psychokatastrophenfilm "A Blast" wild um sich und zerschlägt lustvoll eheliche und familiäre Harmonien. Aber erklärt er damit schon das massive griechische Sozial- und Politchaos?

von
Maria (Angeliki Papoulia) in einer Szene aus "A Blast".
Bloß raus hier: Maria (Angeliki Papoulia) bricht alle Brücken ab.Foto: Real Fiction

Maria hat drei Kinder, das älteste ist etwa zehn. Marias Eltern betreiben einen Mini-Markt und leben mit Maria, Marias Kindern und Marias Schwester in einem geräumigen Haus, ein Ferienhaus gibt es auch. Marias Mann Yannis fährt zur See. Bei Landgängen hat er Sex mit Prostituierten, unterwegs Sex mit einem Matrosen und zu Hause wilden Sex mit seiner Frau. Und wenn Yannis lange weg ist, schaut Maria manchmal, umgeben von vorsichtig herüberstarrenden Männern, Pornos in einem Internetcafé.

Eines Tages stellt Maria fest, dass die Eltern sich hoch verschuldet haben: 65 000 Euro sind es bei der Bank, 100 000 bei der Steuer. Maria ist wütend, zerrt ihre gelähmte Mutter aus dem Rollstuhl auf ein Sofa und schlägt sie auf den Hintern. An den Schaltern von Bank und Finanzamt versucht sie einen Zahlungsaufschub zu erwirken, aber ihr Vater, der sie dorthin begleitet, sucht nur Streit. Da beschließt Maria, abzuhauen aus ihrem Tochter-, Ehefrauen- und Mutterleben.

Die Kinder überlässt sie der Schwester, die inzwischen mit einem rechtsradikalen Müllmann zusammenlebt. Und den Vater, den sie für einen Nichtsnutz hält, verbannt Maria nach dem Selbstmord der Mutter für immer ins Ferienhaus. Der wiederum legt, nun selber wütend, nachts in einem Waldstück Feuer. In dessen Nähe soll ein Hotel entstehen, die Bauherren könnten von der Brandrodung profitieren. Vielleicht auch Maria, sofern nichts dazwischenkommt.

A Blast: eine einzige hektische Parallelmontage

Dies ist, in dürren Worten und ohne Gewähr, das erzählerische Material von „A Blast – Ausbruch“, dessen Titel auch mit „Feuersbrunst“ oder gar „Explosion“ angemessen übersetzt wäre. Erst das fragile eheliche und familiäre Idyll, dann seine zumindest regisseursseits lustvolle Zerschlagung: So ließe sich das turbulente Geschehen zusammenfassen, wenn Syllas Tzoumerkas es denn in seinem zweiten Spielfilm chronologisch ausgebreitet hätte. Tatsächlich aber funktioniert „A Blast“ wie eine einzige hektische Parallelmontage in 83 Minuten: Gegenwart, Rückblenden, alles eins.

Angeliki Papoulia, markantes Gesicht aus „Dogtooth“ und „Alps“, Kult-Titeln des neuen griechischen Kinos, tobt als Maria liebend, schlagend, schreiend, küssend durch nahezu jede Einstellung dieses Films, der sich – auch in seinem formalen Dekonstruktionsfuror – ein bisschen glatt als Beitrag zur Griechenlandkrise lesen ließe. Andererseits geht es der Familie, die immerhin zwei Häuser besitzt, nicht vollends katastrophal; auch werden durchaus Obermittelklassenfahrzeuge neueren Baujahrs bewegt, die sich im Schuldenfall veräußern ließen, ohne dass es gleich zu Selbstmord und Totschlag kommen muss.

Es wird eifrig hin- und hergeohrfeigt

Warum aber dann die psychische Totaldeformation nahezu aller Figuren? Möglich, dass es dem wild um sich filmenden Regisseur eher um die Ausstellung von verblüffend generationsübergreifender Unreife geht: Wie Kinder hauen die erwachsenen Schwestern aufeinander ein, eifrig wird auch zwischen Eltern und Kindern hin- und hergeohrfeigt, wenn nicht gerade die Alten sich wie trotzige Fünfjährige stumm in sich selbst zurückziehen. Erklärt sich etwa so das massive griechische Sozial- und Politchaos: In diesem Land wird niemand erwachsen?

Einen schön langsamen Dialog immerhin gibt es, der aus dem hysterischen Getöse herausragt. Maria fordert Yannis, eigentlich ein weiteres Kinderspiel, im Bett zum Liebesschwur: Liebst du mich? Immer und ewig? Mehr als jede andere? Egal was passiert? Egal was ich mache? Sogar wenn ich dich nicht mehr liebe?

Sehr selbstlos, ja, geradezu weise muss wohl sein, wer alle diese Fragen mit Ja beantworten kann. Und mit ein bisschen Restglück erwächst aus solchem Edelmut sogar in „A Blast“ noch ein Hoffnungsbild. Happy Ends allerdings sehen anders aus.

b-ware, fsk, Hackesche Höfe und Lichtblick (alle OmU)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben