Abschied von der Volksbühne : Fritsch inszeniert sein Endspiel der Castorf-Ära

Mit einem sanften „Pfusch“ verabschiedet sich Regisseur Herbert Fritsch von der Volksbühne. Er verlässt das Theater - so wie Intendant Frank Castorf.

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Komische Drohung. Das Fritsch-Ensemble guckt in die Röhre, einige stehen schon im Abgrund. Foto: David Baltzer/bildbuehne.de
Komische Drohung. Das Fritsch-Ensemble guckt in die Röhre, einige stehen schon im Abgrund. Foto: David Baltzer/bildbuehne.deFoto: david baltzer / bildbuehne.de

Schon der Titel ist ja entwaffnend. „Pfusch“ – was soll da noch schiefgehen!

Die Wände des Zuschauerraums sind in der Berliner Volksbühne erst mal mit schwarzem Flitter behängt. Wie für ein pomp funèbre. Aber wer Herbert Fritsch nur ein wenig kennt, ahnt natürlich: Der „Pfusch“ wird irgendwie auch ein gewitzter Tusch werden, wie alle Fritsch-Inszenierungen, und gewiss kein schwerer Trauermarsch. Wenn’s denn ein Stück sein darf zum oft beschworenen, beschimpften, bejammerten Abgesang auf die längst Jahrhunderte überspannende Castorf-Ära, dann ein Begräbnis erster Klasse. Für eine schöne Leich’. Und überhaupt gilt: Unsere Toten leben länger!

Bei Herbert Fritsch sind sie 13 Gespenster. Ein Reigen, der aus einer riesigen schwarzen Röhre kommt, die als (später) rollendes Monster sich immer mal wieder der Rampe nähert, in den offenen leeren Bühnenhintergrund abdreht oder um sich selber kreiselt.

Die dreizehn vom „Pfusch“, erst kalkweiß, dann im Lichtwechsel immer buntere, in allerlei Fummel, Roben, Tutus gewandete, mit verlängerten Nasen und ungetümen Perücken versehene Damen und Herren, sie trippeln, hüpfen, springen genderübergreifend auf schwarzen Pumps daher und tragen Schleifchen im falschen Haar oder kleine Blütenkränze. So sind sie dem Theaterfundus entfahren, ewige Geister, und wenn sie als Diven oder Heroen auf zehn aus dem Orchestergraben auf- und abfahrenden Klavieren obenauf posieren und gar einzelne Laute ausstoßen, die sich bisweilen zu Jodelkoloraturen verbinden – dann sind sie: auch Phantome der Oper. Der Operette. Der ganzen menschlichen Komödie, Klamotte, Theaterweltuntergangsposse. Sind zugleich Kinder in einem anderen, ewigen (Kino-)Leben. „Les Enfants du Paradis“, Kinder des Olymps und Schauspielerparadieses.

„Wir schauen in die Röhre.“

Das kann man sich bei diesen Pfundspfuschern (Regie und Szenenbild Fritsch, Kostüme Victoria Behr) so oder ein bisschen anders hineindenken. Sinnierend, mitträumend. Es ist ein fast textfreies choreografisches Tanz-, Turn- und Musiktheater. Und weil es dann doch irgendwie ironisch melancholisch auch um den letzten Herbert im alten Gasthaus Zum Frank geht, sagen der, die, man aus dem superpräzis fritschig harmonierenden, individuell hinter den Maskeraden nicht so leicht identifizierbaren Ensemble: „Wir schauen in die Röhre.“

Doch ist die Botschaft hier keine selbstmitleidige. Wer wie ein Opfer mit einem Schreckenshuch über das große dunkle, metallisch klingende Rohr bäuchlings kopfüber abrutscht und eben noch unter die mächtige Walze zu geraten droht, springt sofort wieder auf mit einem Strahlelachen, in olympischer Siegerpose. Mal ums andere Mal wälzen sie das runde Riesending auch selber wie eine sinnlos befriedigende Last, jeder ein glücklicher Sisyphos. Und während ein Teil der wilden dreizehn mit sanftem, doch entschiedenem Irrsinn minutenlang auf die immerselben Tasten der pittoresk abgeranzten Klaviere haut, malt eine Spielerin mit Kreide versal auf die schwarze Röhrenwand das Wort „Schön“.

Manchmal seufzen sie auch, wie beseligt, dieses „Schön“. Denn alles ist wahr und gut, macht Mut, sogar die immer wieder mit verzückten Lachgrimassen und schweißtreibender Energie mit Fingern, Händen, Hintern erzeugte Monotonie und Kakophonie auf den Klavieren. Das schier nicht enden wollende, dröhnend anschwellende Tickticktick, Tacktacktack, das allenfalls mal zum Ticktackticktack wird. Eine rhythmische Teufelei, so, als hätte ein Haufen wahnwitziger Dilettanten einen Konzertsaal gehijackt und führe Minimal Music von Philip Glass auf diese Weise auf. Großer Pfusch eben. Und einer sagt: „Wir haben heute nur Achtel.“

Bisweilen schwebt aus dem Bühnenhimmel auch ein roter Riesenpfeil, senkt sich mahnend (menetekelnd?) auf die spielwitzigen Häupter, verschwindet wieder, und gegen Ende werden es der Pfeile zwei. Ein postsuprematistischer Anklang an Szenenbilder von Bob Wilson oder Achim Freyer, die gerade ihre Abschiedsbälle und Endspiele beim gleichfalls scheidenden Castorf-Kollegen Peymann am BE geben? Wer weiß. Man nickt, seufzt „schön“ (oder: hübsch, hübsch harmlos), denkt, gemischte Gesichter, bekannte Gefühle, so marthalert’s auch.

Zum richtigen Lachen gibt’s, anders als bei den früheren Fritsch-Flacs, eher wenig. Da muss der wunderbare Wolfram Koch schon aus tiefster Kehle/Seele ein paar Fantasielaute in einer kindisch verrückten Computersprechtonlage generieren und dazu in einem kleinen Seifenblasenbecherchen rühren (ohne je zu blasen), auf dass es ans Zwerchfell geht.

Am Ende vom „Pfusch“ wird dann wieder etwas gesagt. Ein Wort nur.

Und noch mal hat Wolfram Koch hier die Komikernummer. Dabei sind die Tutus abgelegt, das Ensemble trägt weißliche Slips, BHs und snoopyfliegerhaubenähnliche Badekappen und hat ein zuvor rätselhaft gähnendes Loch im Bühnenboden mithilfe von blauen Kunststoffwürfeln in ein wahrhaft künstliches Bassin verwandelt. In dem getaucht und gekrault wird, was hier ein paar Lacher bringt. Auch haben sie dazu ein eigenes Sprungbrett gezimmert, einen halben Meter über dem blaugewürfelten Abgrund. Aber wie Wolfram Koch darauf mit innerem Schlottern und äußerem, armwirbelnden Athletengetue sich dem kommenden Kopfsprung annähert und was dann im entscheidenden Moment passiert, das wollen wir bitte nicht vorab verraten. Es ist eines der magischen Momentchen. Und ist: schön. Akrobat schööön, wie der bezaubernde Charlie Rivel einst sagte.

Am Ende vom „Pfusch“ wird dann wieder etwas gesagt. Ein Wort nur. Doch das, nacheinander und je einzeln von allen. Mal schüchtern, mal wie beiseite gesprochen, dann wieder auftrumpfend oder verschämt, mit geknoteten Fingern; meistens allerdings, wie auch bei dem letzten der dreizehn, dem hühnenhaften Komi Mizrajim Togbonou, dessen schwarzes Gesicht ein komödiantisches Whitefacing demonstriert – meistens also: mit einem feinen kleinen Winken und einfach nur freundlich ausgesprochen das Wörtchen „tschüss“. Ein Mal klingt’s auch ein bisschen wie „ciao“ oder „tschaiß“. Das war’s schon, und in den Beifall hinein fällt der Eiserne Vorhang, öffnet sich nicht mehr. Stattdessen grollen im Hintergrund metallische Abbruchgeräusche. Sie sind noch mal: eine späte Botschaft.

Wieder am 26. 11., 9., 26., 31. 12.

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