Abschied von Frank Schirrmacher : Der Tod, die Worte - und ein Pfau

Der Trauergottesdienst für den verstorbenen "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher in der Heilandskirche in Potsdam-Sacrow.

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Kondolenzbuch für Frank Schirrmacher bei der "FAZ" in Berlin
Kondolenzbuch für Frank Schirrmacher bei der "FAZ" in BerlinFoto: dpa-bildfunk

Draußen, auf den Stufen der Sacrower Heilandskirche, mit Blick auf das Wasser der Havel, die Glienicker Brücke und einen tatsächlich zu Beginn vor der Kirche herumflanierenden Pfau, da sagt es plötzlich jemand leise, aber gut zu hören: „Es gibt wohl kaum einen schöneren Platz, um beerdigt zu werden.“ Man könnte allerdings genauso sagen, dass die Lage diese Ortes viel zu schön, zu heiter-lieblich und dem Leben zugewandt ist für einen Trauergottesdienst mit anschließender Beisetzung, es dieser Ort nur noch schwerer macht, den Tod eines Menschen begreifen zu können.
Zumal einen so frühen und plötzlichen, wie es der von „FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher war, der am Donnerstag vergangener Woche im Alter von 54 Jahren einem Herzinfarkt erlag. Schirrmacher hat unweit der Heilandskirche in Potsdam-Sacrow sein Haus und damit seinen privaten Lebensmittelpunkt gehabt, und so nehmen an diesem erst von düsteren Wolken, später von viel Sonne bestimmten Sonntagnachmittag seine Familie, Freunde und viele Kollegen von ihm Abschied. Wie auf einem Immendorf-Gemälde sei es manchmal in seinem Haus zugegangen, heißt es in einer der sechs Ansprachen und Abschiedsreden zu Ehren Schirrmachers. Und ein bisschen scheint es so auch bei dieser Trauerfeier zu sein, zeigt diese doch gut, in wie viele gesellschaftliche Bereiche Schirrmacher hineingestrahlt und -gewirkt hat.
Gekommen sind zahlreiche Prominente, aus der Politik wie aus der Kultur und dem Fernsehen, vor allem dem Öffentlich-rechtlichen. Zum Beispiel FDP-Chef Christian Lindner oder der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz; die Verleger Michael Krüger, Ulla Unseld-Berkéwicz und Alexander Fest; die Fernsehgrößen Thomas Gottschalk, Anne Will, Ulrich Wickert; auch Sascha Lobo und Ranga Yogeshwar. Und Marcel Reich-Ranickis Sohn Andrew, der aufmerksam und leise lächelnd registriert, wie Schirrmachers „FAZ“-Herausgeberkollege Berthold Kohler den Lieblingsimperativ seines Vaters zitiert: „Schluss jetzt!“.

Der Schock sitzt genauso tief wie am Tag der Todesnachricht

Kohlers Ansprache hat etwas von einer trotzigen Beschwörung wider den Tod. „Frank Schirrmacher ist tot, aber die „FAZ“ lebt, ruft er aus. Sie demonstriert aber genau wie die fünf folgenden Abschiedsreden, unter anderem die genauso sachliche wie wütende von Axel-Springer-Verlagschef Mathias Döpfner und die sehr bewegende von Schirrmachers Witwe Rebecca Casati, dass das Unbegreifliche dieses Todes immer noch sehr gegenwärtig ist. Der Schock sitzt genauso tief wie am Tag der Todesnachricht. Am härtesten drückt es vielleicht Döpfner aus, der auf Schirrmachers Entdecker Dolf Sternberger verweisend sagt, dass man den Tod durchaus als Feind betrachten, man sich nie mit ihm vertraut machen könne, er eben nicht zum Leben gehöre.

Es klingen dann aber, nicht zuletzt in den Reden von Frank Schirrmachers „FAZ“-Feuilleton-Kollegen Dirk Schümer und Edo Reents sowie Alexander Gorkow von der „SZ“ genauso die vielen Facetten an, die die Persönlichkeit, den Charakter von Schirrmacher ausgemacht haben mögen: sein Humor, das Kind, das immer nur leicht in ihm schlummerte, eine Unbefangenheit, die seinem ihm oft als strategisch interpretierten Umgang mit Menschen widersprach. Und natürlich Schirrmachers Tatendrang, die Lust, verblüffen zu wollen, noch Ungesagtes und Ungedachtes zu sagen und zu denken. Und sein Widerwille gegen das Zaudern, das Zaghafte, an den Bischof a. D. Wolfgang Huber erinnert, der diesen evangelischen Trauergottesdienst abhält. „Der Tod ist groß“, sagt Huber in seiner Predigt einmal – was in einem starken Kontrast zu dem Ausruf eines der Feuilletonkollegen von Schirrmacher steht: „Alles Worte, aber nur die haben wir ja zur Verfügung.“ Doch manchmal vermögen es gerade auch die Worte (und Gedanken), dem Tod zumindest etwas von seiner Größe zu nehmen.

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