Kultur : Abwurf der Kartoffelkäfer

Arbeiten der israelischen Künstlerin Dafna Kaffeman in der Galerie Lorch und Seidel Contemporary.

Michael Nungesser

In ihrer dritten Einzelausstellung der Galerie Lorch und Seidel Contemporary ist die israelische Künstlerin Dafna Kaffeman mit zwei Werkgruppen von 2010 bis 2013 vertreten: gestickte Assemblagen und Wandobjekte, beide höchst unterschiedlich. Während der erste visuelle Eindruck Leichtigkeit und Poesie als verbindendes Elemente dieser ganz wörtlich zu verstehenden Hand-Arbeiten vermittelt, ergibt ein näheres Einsehen Skepsis, das sich vor allem durch die hebräischen oder arabischen Texte der Assemblagen zu gespannter Aufmerksamkeit steigert.

Der den Alltag in Israel überschattende jüdisch-palästinensische Konflikt ist auch in der Kunst allgegenwärtig. Zentrales Material von Kaffemans Arbeiten ist über der Flamme gearbeitetes, kleinteiliges farbiges Glas – zerbrechlich, spitz, naturhaft, imitierend, wehrhaft –, ein ambivalentes Material. In den beiden Wandobjekten der Serie „Wolf (Hunters and Hunted)“ bedeckt das Glas stachelartig die schwarze Wolfssilhouette aus Silikon auf Aluminiumblech (je 10 000 Euro). Sie lässt das heimische Tier unheimlich erscheinen, gehetzt und zugleich gefährlich. In den drei Assemblagen (je 10 000 Euro) der Serie „Invasive Plants“ tauchen in Israel eingeführte, in Glas gegossene Pflanzen auf, aber auch Insekten, kombiniert mit Zitaten aus der Presse – alles auf Filz gestickt. Die begleitenden Serien von Zeichnungen (je 600 Euro) und Stickereien auf Reispapier (je 800 Euro) sind Vorstudien im Sinne von Naturbeobachtung und materieller Umsetzung. Die heftige Spannung erwächst aus den Gegensätzen, dem Filigranen und Dekorativen, dem Subtilen und Anmutigen der äußeren Erscheinung einerseits und der inhaltlichen Bedeutung andererseits, in der es um widerstrebende, teils explosive Entwicklungen in einem jungen Einwandererland geht. Die Zitate der Assemblagen beziehen sich auf korrupte Politiker wie den ehemaligen Außenminister Avigdor Lieberman, auf unmenschliche Verhör- und Foltermethoden des israelischen Inlandsgeheimdienstes sowie auf die in Selbstmordattentaten gipfelnde Gewalt.

„Brother, you can believe in stones, as long as you don’t throw them at me“ steht als Titel und Überschrift über dieser in Deutschland entstandenen Assemblage. Hier stehen einem Zitat, das den „Clash of Civilizations“ markiert, Bildelemente gegenüber, die illegale israelische Siedlungen andeuten oder deutsche Weltkriegserinnerungen verbildlichen wie den Abwurf von Kartoffelkäfern als vermeintlicher Kriegswaffe. Eine weit verbreitete Mischung aus Information und Propaganda, Vorurteilen und Misstrauen kennzeichnet die Situation im Nahen Osten und findet in den hybriden Werken von Dafna Kaffeman symbolischen Ausdruck. Ihre Kunst, getarnt als feingliedriges Poesiealbum, besitzt irritierende Widerhaken. Für sprachliche, botanische und politische Hilfestellung hält die Galerie Erläuterungen bereit, denn nichts ist so schön und einfach, wie es scheint. Michael Nungesser

Galerie Lorch+Seidel Contemporary, Tucholskystr. 38; bis 27. 7., Di-Fr 13–19 Uhr, Sa 12–18 Uhr

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