Adwoa Hackman - Porträt der Musikerin : Die Selbermacherin

Wenn sie Deutsch singt, vergisst man, dass es Deutsch ist. Die Soulmusikerin Adwoa Hackman bringt ihr zweites Album „Exil“ heraus.

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Musikerin Adwoa Hackman zog 2001 von München nach Berlin. Ihre Mutter ist Deutsche, der Vater kommt aus Ghana.
Musikerin Adwoa Hackman zog 2001 von München nach Berlin. Ihre Mutter ist Deutsche, der Vater kommt aus Ghana.Foto: John Amrhein

Exil? Nein. Sie lebt in keinem Exil. Keinem inneren, keinem äußeren, der Albumtitel „Exil“ ist nur das vieldeutige Wort, das von einem für das Cover als zu lang empfundenen Songtitel namens „Gefangen im Exil“ übrig blieb. Funktioniert aber, der Ein-Wort-Titel des gerade erschienenen Albums. Da denkt man gleich wunder was, wenn eine schöne schwarze Frau das Cover ziert. Dass sie irgendwo wegmusste, irgendwo anders hingehört als hier ins Selbstbedienungsrestaurant von Karstadt am Hermannplatz.

Ist aber gar nicht so. Adwoa Hackman lebt freiwillig hier in Berlin, schon seit 2001. Die 1974 in München geborene Tochter eines Ghanaers und einer Deutschen wohnt in der Nähe. Nicht, dass sie zu den Stammgästen im Kaufhauscafé gehört wie womöglich die rührende Dame mit der Filzkappe, die vorsichtig ein Tablett mit einer schwappenden Kaffeetasse an den Nebentisch balanciert. Aber getroffen hat Hackman sich hier vorher schon mal. Unter Mittagessenden mit Blick über Neuköllner und Kreuzberger Dächer. „Belebend anders“ sei es hier, findet sie.

Das passt eigentlich auch ganz gut auf ihre poppige Soul- oder soulige Popmusik, die sie nach ihrem Debüt „Tief wie das Meer“ von 2011 jetzt auf dem zweiten Album präsentiert. Am Dienstag startet die Sängerin ihre Record-Release- Tour mit einem Konzert in Berlin. Und gewiss wird sie da auch die von einer Aktustikgitarre, Percussion und Piano begleitete Nummer „Es geht vorwärts“ singen, die exemplarisch für die charismatische Gesangskunst von Adwoa Hackman steht. In einem Satz: Wenn sie Deutsch singt, vergisst man, dass es Deutsch ist. Erst nach anderthalb Minuten des Songs registrieren Ohren und Hirn, dass dieser geschmeidig modulierte Silbenbrei sich zu Worten wie „Motten“, „Licht“, „Motor“ und dann zu Sätzen zusammensetzt.

„Beim Diskutieren endest du meist im Philosophieren/Bevor ich durchdreh, sollt ich mich selber evakuieren/ Das ist subtiler Terror“, heißt es etwa im Uptempo-Eröffnungssong „S.O.S.“ – hört sich unsingbar an, schmiegt sich aber sanft ins Ohr. Die Härte, die dem Deutschen im Pop immer nachgesagt wird, sie schwindet unter den balladesken Melodiebögen, den weggesungenen, manchmal weggenäselten Konsonanten. Die Sprache in der Melodie zu verschleiern und so den Gesang zu stärken, das sei ihr Ansatz, sagt sie.

Dass sie seit Xavier Naidoo, Joy Denalane und Tim Bendzko längst nicht mehr die Einzige ist, die soulige Musik mit deutschen Texten kombiniert, ist, weiß Adwoa Hackman. Trotzdem sieht sie sich nicht als Teil einer Bewegung, die Deutschsoul heißt. Gesanglich gebe es da Parallelen, das schon, zumal gerade an ihren englischsprachigen Nummern gut zu hören ist, dass sie sich in ihrer Muttersprache Deutsch am wohlsten fühlt, aber sonst identifiziert sie sich nicht mit dieser Schublade. Und tatsächlich könnte ein mit Rockriffs angerauter Song wie „Eleonore“ auch einfach Gitarrenpop heißen, auch wenn Adwoa Hackman auf „Exil“ zudem Black-Music-Genres wie Reggae, Blues und Funk zitiert.

Label, Produktion, Booking, Pressearbeit - Adwoa Hackman macht alles selbst

In 14 selbst geschriebenen Songs versteht sich. Hackman, die mit 15 das erste Mal auf der Bühne stand und während ihrer Münchner Zeit auch mal Backing Vocals für Bette Midler bei „Wetten, dass ..?“ gesungen hat, ist eine Selbermacherin. „Ich bin nicht so der Schultyp, ich bin Autodidaktin.“ Ihr Gesangs- und Gitarrenstudium an der Jazz School München brach sie nach einem Jahr ab. Eine Stunde Harmonielehre, eine Stunde Rhythmik und dann schnell schnell zum Bandworkshop, das sei nicht ihre Auffassung von Musik. „Klar, Technik ist wichtig, aber das Gefühl und die Zeit, mich intensiv mit einem Song oder einem Instrument auseinanderzusetzen, sind mir wichtiger.“

Intensität kann wehtun. Das hat Hackman erlebt, nachdem sie zwei Jahre lang die Schlagzeugschule Drummer’s Focus in München besuchte und anschließen als Schlagzeugerin einer Covertanzband auf Tour ging. „Fünf Tage die Woche, vier bis fünf Sets à 45 Minuten, immer auf Klick, also auf Metronom gespielt.“ War ein gutes Training, nur dass sie sich bei dem Stress und dem Krach eine typische Schlagzeugerkrankheit eingefangen hat: Tinnitus. Da war erst mal Schluss mit Bandmusik. Und Gelegenheit 2001 nach Berlin zu gehen, eine Erzieherinnenausbildung zu machen und dann ganz leise mit Gitarre und Gesang wieder anzufangen.

Weil es ohne Musik bei einer Selbermacherin mit früh ausgeprägtem Geschmack, die sich als achtjähriges Mädchen als erstes Album „Thriller“ von Michael Jackson kaufte und später Stevie Wonder, Prince und Jimi Hendrix gleichermaßen verehrte, dann doch nicht geht. Weil Musik ein Zuhause ist und eine Zukunft. Auch in den Momenten, wo sich eine in Bielefeld und München aufgewachsene Afrodeutsche dann doch mal ein bisschen wie im Exil fühlt. „Die Schulzeit war nicht lustig“, sagt Adwoa Hackman knapp, „sie hat mich widerstandsfähiger gemacht“. In Berlin hat sie Freunde aus aller Herren Länder, auch ein Grund sich hier wohlzufühlen. Was Seelenverwandte in der Musikszene angeht, gefallen ihr allerdings London und New York, wo sie letztes Jahr ein paar Monate verbracht hat, besser. Da spüre sie viel mehr Hingabe als hier – sowohl beim Publikum als bei den Musikern. „Die sind einfach gewohnt, sehr viel zu arbeiten!“

Sie ist es auch. Weil sie nach dem ersten, klassisch mit Produzent herausgebrachtem Album nun bei „Exil“ alles selber macht. Sie hat eigens ein Label namens Sugarpie Records gegründet, Crowdfunding organisiert, um es fertigzustellen. Sie macht ihr eigenes Booking, ihre Pressetermine. Weil sie etwas aufbauen möchte. Weil es schwer ist, die Kontrolle über ein fertiges Album abzugeben, wie sie sagt. Und weil es interessante Effekte hat, wenn man die Fragen von Veranstaltern beantworten, sich quasi selber permanent erklären muss. „Es stärkt mich musikalisch, wenn ich für meine Kunst geradestehen muss“. Wie das so ist als Selbermacherin.

Record-Release-Konzert 14.4., 21 Uhr, Aufsturz, Oranienburger Str. 67, Mitte. „Exil“ ist bei Sugarpie Records erschienen.

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