• Ärzte am Rand des Nervenzusammenbruchs Tugsal Mogul blickt am Ballhaus Naunynstraße hinter die Schiebetüren des Großklinikalltags

Kultur : Ärzte am Rand des Nervenzusammenbruchs Tugsal Mogul blickt am Ballhaus Naunynstraße hinter die Schiebetüren des Großklinikalltags

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Zorn. Melek Erenay als Meral. Foto: Jule Sievert
Zorn. Melek Erenay als Meral. Foto: Jule Sievert

Ist das ein Krankenhaus oder eine Wellness-Oase? In der Lobby klimpert sich der Pianist durchs Programm aus Wohlfühlklassik, an den Wänden rauschen projizierte Wasserfälle: Naturdusche fürs Gemüt. Kein Gedanke an Krebs, Tod oder sonstige Unannehmlichkeiten des Ärzte- und Patientenalltags. Nazim Kurt (Nuri Sezer) wirkt fremd in dieser durchgestylten Kundenlounge. Dabei hat der Mann hier 40 Jahre lang Krankentransporte besorgt. Hat überstürzte Zwillingsgeburten begleitet und für Ärzte gedolmetscht. Genau wie seine Frau Sevda (Sema Poyraz). Die war Reinigungskraft, vielmehr aber die gute Seele der Klinik. Nebenbei hat sie durch ihre Übersetzungskünste in all den Jahren 15 Fehldiagnosen aufgedeckt. Die spezifischen Wehwehchen der türkischstämmigen Klientel erfordern schließlich besonderes Einfühlungsvermögen. Welcher deutsche Oberarzt weiß schon was mit „Morbus Bosporus“ anzufangen?

In seinem Stück „Das Summen der Montagswürmer“ am Ballhaus Naunynstraße blickt der Theatermacher Tugsal Mogul zusammen mit Antje Sachwitz hinter die Schiebetüren einer Großstadtklinik. Und hinter das Effizienzdiktat eines dringend behandlungsbedürftigen Gesundheitssystems. Womit er sich auskennt wie kein zweiter Künstler. Mogul, ausgebildeter Arzt und Schauspieler, arbeitet als Anästhesist und Notfallmediziner in Münster, wo er auch seine Gruppe „Theater Operation“ ins Leben gerufen hat. Mit der sind bereits großartige Arbeiten entstanden. Recherche- und erlebnisbasierte Stücke über Ärzte am Rande des Nervenzusammenbruchs, die als Heiler ohne Halt ihr Innerstes offenlegen („Halbstarke Halbgötter“). Oder über Komapatienten im Intensivdämmer, in deren Kopfkino sich erstaunliche Szenen abspielen („Somnia“). Diese Stücke, die auf medizinischen Fachkongressen und dem Heidelberger Stückemarkt gelaufen sind, treffen einen Nerv. Weil der Regisseur sich auf die neuralgischen Punkte des Alltags zwischen Desinfektion und Depression, Überforderung und Hoffnung versteht. Mogul zeigt, dass Medizin auch jenseits der Klinik eine Kunst für sich ist. Und Krankheit ein Thema, das nicht den Gesundheitspolitikern vorbehalten bleiben darf.

Was auch seine jüngste Inszenierung beweist, für deren Vorbereitung der Theatermacher sechs Wochen im Vivantes Klinikum am Urban gearbeitet hat. In jenem berühmt-berüchtigten Kiezkrankenhaus also, das der vormalige Leiter der Rettungsstelle den „Gully von Kreuzberg“ genannt hat. Auch die Schauspieler durften dort kurze Hospitanzen absolvieren. Entstanden ist kein Dokudrama, sondern ein furios verdichtetes Stück über die schöne neue Kassenwelt und ihre Verlierer. Gespiegelt in einer migrantischen Familiengeschichte, die drei Generationen umfasst und drei grundverschiedene Lebensentwürfe umfasst. Verständigung, vor allem fehlgehende, ist ein großes Thema dieser „Montagswürmer“. Sei es im Krankenhaus, wo die Ärzteschaft mit einem Großteil der Patienten nicht kommunizieren kann, oder innerhalb der Familie, wo die Gräben subtiler, aber nicht weniger schmerzhaft zutage treten.

Nazims und Sevdas Tochter Meral (Melek Erenay) ist leitende Oberärztin der Chirurgie, entfernt Wurmfortsätze im Akkord – und erregt sich in einer hochkomischen Tirade über die heimlich aufgebrezelten Ayses, denen nach durchknutschten Partywochenenden der Konflikt mit den Familienwerten auf den Magen schlägt. Worauf auch der Titel des Stücks anspielt. Enkelin Ela (Elmira Bahrami) hingegen ist Klinikmanagerin im Kostencontrolling-Wahn, die ihr Qualitätsoptimierungs-Kauderwelsch noch humanistisch verkauft: „Ich liebe Zahlen! Ich habe auch kein Problem damit, Patienten Nummern zu geben. Ich habe noch nie davon gehört, dass eine Nummer diskriminiert wurde!“

Zwischen OP-Monitor und Untersuchungszimmer (Bühne: Ariane Salzbrunn) prallen Perspektiven aufeinander, kollidieren private Befindlichkeiten mit einer Politik der Überforderung. Alles ganz unsentimental und zu Herzen gehend erzählt. Wie in jener Szene, in der die ausgemusterte Sevda bilanziert: „Und dann musste ich in Frührente. Das ist halt so. Die können mich doch nicht fürs Quatschen bezahlen. Ich rede gerne und viel. Entschuldigung.“ Toll gespielt von Sema Poyraz. Nuri Sezer ist bewegend als erkrankter Patriarch voll Stolz und Trotz. Überhaupt ist das Ensemble, vom Pianisten Tobias Schwencke bis zur altgedienten Krankenschwester (Margot Gödrös), staunenswert gut, die Inszenierung präzise wie ein EKG. Ein Fall von hochvitalem Theater. Patrick Wildermann

wieder 11. bis 15.10., 20 Uhr

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