Afghanische Regisseurin Saba Sahar : Wer wenn nicht sie

Sebastian Heidinger porträtiert die Polizistin und Filmmacherin Saba Sahar in "Traumfabrik Kabul". Eine Begegnung mit der afghanischen Regisseurin.

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Saba Sahar in Berlin. "Man muss Gewalt mit Gewalt beantworten, um zu zeigen, dass wir nicht das schwache Geschlecht sind", sagt sie. Auf einem ihrer Filmplakate sieht man sie in Großaufnahme mit gezückter Knarre.
Saba Sahar in Berlin. "Man muss Gewalt mit Gewalt beantworten, um zu zeigen, dass wir nicht das schwache Geschlecht sind", sagt...Foto: Dario Lehner

Saba Sahar empfängt zum Gespräch in Kreuzberg, im Büro der Produktionsfirma Bökamp und Kriegsheim. Bis kurz vor der Berlinale war gar nicht klar, ob sie ein Visum für die Ausreise aus Afghanistan bekommen würde, nun sitzt sie hier am Tisch, trinkt Tee, wirkt müde, aber konzentriert. Eine elegante Erscheinung. Kopftuch, Sonnenbrille, Hosenanzug. Gerade hat sie die Dokumentation „Traumfabrik Kabul“ zum ersten Mal gesehen, die der deutsche Regisseur Sebastian Heidinger über sie gedreht hat und die jetzt im Forum läuft. Der Film hat ihr gefallen, Regisseur und Produzenten sind erleichtert.

Schon die erste Szene lässt keinen Zweifel daran, dass man es hier mit einer außergewöhnlichen Frau zu tun hat. Sahar tritt bei einer Fortbildungsveranstaltung der Polizei von Kabul vors männlich besetzte Podium, stellt sich vor als Police-Officer mit 18 Dienstjahren, als Schauspielerin und als erste afghanische Filmemacherin überhaupt. Dann zeigt sie eines ihrer Werke, „The Rescue“ heißt es, die Rettung. Saba Sahar spielt die Hauptrolle selbst, man sieht sie durch den Wald flanieren, eine Frau läuft ihr auf einer Lichtung in die Arme, verfolgt von ein paar Kerlen, die offensichtlich nichts Gutes im Schilde führen. Sahar fackelt nicht lange und verdrischt sie alle.

Für eine Frau bleibt es schwierig, sich in der männerdominierten Gesellschaft zu bewegen

„Es ist eine männerdominierte Gesellschaft“, sagt Sahar. „Egal, ob man einem Beruf nachgeht oder nicht, ob man Polizistin ist oder Künstlerin, für eine Frau bleibt es schwierig, sich darin zu bewegen. Und das ist auch schon in den eigenen vier Wänden so.“ Das World Press Photo dieses Jahres kommt einem in den Sinn: eine junge Afghanin mit abgeschnittener Nase und abgeschnittenen Ohren. Wie viel Bewegungsfreiheit haben die Frauen in ihrer Heimat Kabul? „Der Handlungsspielraum ist extrem eingeschränkt“, antwortet Sahar, sie spricht schnell und engagiert, eine Dolmetscherin übersetzt ihr Dari. Das größte Problem sei, dass nur ein minimaler Prozentsatz der Frauen sich den Ehemann selbst aussuchen dürfe. Und dass ohne Erlaubnis des Mannes wiederum keine Frau studieren oder einen Beruf ausüben könne.

Sie kämpft dafür, dass sich das ändert, vor allem mit ihren Filmen. Auf einem Plakat sieht man sie in Großaufnahme mit gezückter Knarre, Dirty-Harry-Pose. Exploitation für den guten Zweck. Sie schlägt die Männer mit ihrem eigenen Machismo, „man muss Gewalt mit Gewalt beantworten, um zu zeigen, dass wir nicht das schwache Geschlecht sind“, glaubt Sahar. Aber das Ziel sei, natürlich, die Überwindung der Gewalt.

An manchen Stellen hätte man sich ein Vertiefen, Insistieren gewünscht

Regisseur Sebastian Heidinger („Drifter“) folgt seiner Protagonistin in „Traumfabrik Kabul“ als zurückgenommener Beobachter. An manchen Stellen hätte man sich ein Vertiefen, Insistieren gewünscht, aber auch so setzt sich das spannende Porträt einer gläubigen Muslimin und Frauenrechtlerin zusammen, deren Unbeirrbarkeit und Mut man nur Respekt zollen kann. Schon zu Beginn erwähnt Sahar eher beiläufig, dass unterwegs auf ihr Auto geschossen wurde, „aber nicht getroffen“. Leider Gottes, sagt sie im Gespräch, seien alle im Land an die Gefahr gewöhnt, „wir sind im Krieg geboren, aufgewachsen und wir arbeiten im Krieg.“

Sahar organisiert heute als Polizistin den Schutz des kulturellen Erbes ihrer Heimat, daneben betreibt sie ihre eigene Produktionsfirma. Ihre Filme sind sämtlich im Fernsehen gelaufen, aber es wird zunehmend schwierig, die Mittel für ihre Projekte aufzutreiben. Überall heißt es, das Geld sollte besser in die Sicherheit des Landes investiert werden. Saba Sahar, die als Schauspielerin in Kabul früh Film- und Theaterkarriere gemacht hat, kann sich noch an andere Zeiten erinnern, in den 80er Jahren, als die Kultur ihres Landes in Blüte stand, afghanische Filme auf internationalen Festivals liefen.

Auch die Männer reagieren meist positiv - gelegentlich gibt es Zwischenrufe

Heute zieht sie mit einem mobilen Kino durch die entlegensten afghanischen Provinzen, um auch die zu erreichen, die keinen Fernseher haben. Von Mut will sie nichts hören. Ihre Arbeit, sagt sie, sei ein Muss.

Meist sind die Reaktionen auf die Filme positiv, und wenn doch mal ein Mann aufsteht und ruft: „Willst du unsere Frauen aufstacheln?“, findet sich ein anderer, der Sahar zur Seite springt. Das gibt Hoffnung. Mittlerweile sind weitere Frauen ihrem Beispiel gefolgt, es gibt Regisseurinnen in Herat, Mazar und Kabul, wenige, aber immerhin. Sie habe „eine Kerze im Dunkeln angezündet“, sagt Saba Sahar.

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