Agententhriller : "Dame, König, As, Spion": Verwalter der Angst

Im Kino: Der Kalte-Kriegs-Thriller „Dame, König, As, Spion“ nach John le Carré zeigt einen Zustand kurz vor dem Stillstand, in den jederzeit die Gewalt einbrechen kann.

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Ein atemberaubend gewöhnlicher Mensch. Top-Agent Smiley (Gary Oldman) in seinem geheimen Ermittlungsbüro.
Ein atemberaubend gewöhnlicher Mensch. Top-Agent Smiley (Gary Oldman) in seinem geheimen Ermittlungsbüro.Foto: Studio Canal

Die Welt von „Dame, König, As, Spion“ ist eine Welt fast ohne Farben. Männer tragen übergroße Brillen und dunkle, eng geschnittene Anzüge, die Frauen sitzen in blassen Blusen hinter Schreibmaschinen. Alles scheint verlangsamt, die Menschen bewegen sich wie in Trance. Akten rumpeln in Paternosteraufzügen durchs Bild, vorbei an tristen Bürofluren und Eisenschränken voller Lochkarten. Gespeichertes Wissen, das Sicherheit suggeriert. Aber nichts ist sicher, eine kalte Angst hat den Ort durchtränkt und sich in die Gesichter gegraben. Raucher-Gesichter, Workaholic-Gesichter, Skeptiker-Gesichter. Ein Zustand kurz vor dem Stillstand, in den jederzeit plötzlich und präzise die Gewalt einbrechen kann.

Angst lässt sich nicht besiegen, man kann sie nur verwalten. Der „Circus“, die britische Geheimdienstzentrale am Cambridge Circus in London, ist der Hauptschauplatz von „Dame, König, As, Spion“. Eine Festung, die einem Versicherungshochhaus gleicht. Der schwedische Regisseur Tomas Alfredson hat mit den Mitteln des Setdesigns eine Ära rekonstruiert, die vor gut zwanzig Jahren untergegangen ist: den Kalten Krieg. Jede Teetasse auf einem Schreibtisch, selbst jeder Manschettenknopf passt in die Zeit um 1974, dem Jahr, in dem John le Carrés Romanvorlage erschien, der erste Teil seiner Trilogie um den britischen Agenten George Smiley und dessen schattenhaften sowjetischen Widersacher Karla.

Dienstreise von London-Paddington nach Cambridge

Mit der Retro-Eleganz von „Mad Men“ hat die Ausstattungsakribie von Alfredsons Film nichts zu tun. Glamourös ist hier nichts, alles scheint von einem Grauschleier überzogen. Selbst der Himmel wird niemals blau. James Bond mit seinen Jachten, Cocktails und Girls würde in dieser Angestelltenhölle, in der jede Dienstreise von London-Paddington nach Cambridge mit doppeltem Durchschlag beantragt werden muss, wie ein schlechter Witz wirken. Den Höhepunkt ihrer Ausgelassenheit erreichen die Männer vom MI6, dem Auslandsgeheimdienst Ihrer Majestät, wenn sie beim Betriebsfest in der Kantine mit Partyhütchen auf dem Kopf ein paar Pophits grölen. Und Smiley (Gary Oldman), der Held? Alles andere als ein Charismatiker. Bei Le Carré nennt ihn seine Frau einen „atemberaubend gewöhnlichen Menschen, der eine Menge Geld für wirklich miserable Anzüge ausgibt“. Kein Wunder, dass sie ihn bereits verlassen hat, als der Film einsetzt – für einen deutlich modebewussteren Kollegen (Colin Firth).

Niemandem zu vertrauen, nicht den eigenen Leuten und nicht einmal dem besten Freund, das gehört zu den Geboten der Geheimdienstler auf beiden Seiten. Der gefährlichste Feind steht immer schon hinter dir. Diese Atmosphäre aus Paranoia und Klaustrophobie verdichtet sich im Circus in einer Art Panic-Room, einem schallisolierten Konferenzzimmer, in dem Control (John Hurt), der Leiter des Dienstes, regelmäßig seine fünf Abteilungsleiter versammelt. Einer von ihnen muss ein Maulwurf sein, denn Informationen sind auf die andere Seite durchgesickert. Smiley wird aus dem Ruhestand zurückgeholt, um den Verräter zu finden. Das ist eigentlich schon der ganze Plot, aber weil die Kontrahenten wie Schachspieler agieren, mit verdeckten Zügen und Bauernopfern, wünscht sich der Zuschauer manchmal einen Faltplan, um ihrem Spiel durch alle Verästelungen folgen zu können.

Urplötzlich explodiert es

Regisseur Alfredson, international bekannt geworden mit dem Vampirfilm „So finster die Nacht“, arbeitet souverän mit den Motiven von Action und Entschleunigung. Manchmal schaut die Kamera Smiley einfach nur beim Denken zu oder folgt ihm bei einem Ausflug in ein Freibad, wo er in greisenhaft langsamen Schwimmzügen das Becken durchquert, die große Brille immer auf der Nase. Oldman, nominiert für einen Oscar als Bester Hauptdarsteller, ist ein Meister der Lakonie, der alle Züge einer Erregung oder Emotion aus seinem Körper- und Gesichtsspiel zu räumen vermag. Sein Smiley ist eher Melancholiker als – wie noch bei Alec Guinness in den BBC-Filmen der siebziger und achtziger Jahre – Haudegen. Und dann explodiert urplötzlich die Gewalt. Ein Agententreffen in einem Budapester Café geht grausam schief. Zurück bleibt als Kollateralschaden eine erschossene Mutter, die gerade dabei war, ihr Baby zu stillen. In Istanbul wird eine Diplomatin entführt. Karla dreht einen MI6-Mann um und schickt ihn als Todesengel zurück nach England.

Das Kino interessiert sich seit einiger Zeit wieder für die Spionagegeschichten des Kalten Krieges. Robert de Niro erzählte in „Der gute Hirte“ die Gründungsgeschichte des CIA und zeigte dabei eine ähnlich graue bürokratische Krake. Und gerade ist Leonardo DiCaprio in Clint Eastwoods Biopic „J. Edgar“ als paranoider, manisch Informationen hortender FBI-Diktator zu sehen. Um Seelendeutung wie bei Eastwood geht es in „Dame, König, As, Spion“ allerdings nicht. Smiley verachtet Ideologen. Als am Ende der Maulwurf und sein Jäger einander im Verhörraum gegenübersitzen, bekennt der Verräter, schon immer Kommunist gewesen zu sein. Und Smiley schweigt.

Ab 2. Februar in acht Berliner Kinos. OmU: Odeon und Hackesche Höfe.

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