Ahmad Mansour über Islam und Terror : Der Islam muss sich reformieren

Nach dem Massenmord von Orlando hieß es: Das hat nichts mit dem Islam zu tun. Aber solche Rede geht an der Realität vorbei. Religion kann für Kritik nicht tabu sein.

Ahmad Mansour
Gebete für die Opfer in Orlando. „One Pulse“ ist als Zeichen der Solidarität und Trauer gedacht. Im Pulse-Nightclub beging ein 29-jähriger Amerikaner mit afghanischen Wurzeln das größte Einzeltätermassaker in der Geschichte der USA.
Gebete für die Opfer in Orlando. „One Pulse“ ist als Zeichen der Solidarität und Trauer gedacht. Im Pulse-Nightclub beging ein...Foto: AFP

Da erfährt ein Vater, dass sein Sohn einen Massenmord begangen hat, in Orlando im US-Bundesstaat Florida. Er hat 49 junge Menschen ermordet, die nichts weiter taten als zu feiern. Über das Internet hatte sich der 29-jährige Sohn die Ideologie radikalislamischer Gruppen besorgt, sich damit vollgesogen und als legitimierende Droge für sein Attentat gebraucht. Auch das weiß der vor drei Jahrzehnten aus Afghanistan in die USA eingewanderte Vater. Ihm ist bekannt, dass der junge Mann in den vergangenen Jahren mehrmals vom FBI wegen Terrorverdachts vernommen wurde und dass er am Tag vor der Tat zum Beten in die kleine Gemeindemoschee gegangen war.

Der Kommentar des Vaters in TV-Interviews: Sein Sohn sei unauffällig gewesen, der Vater habe ihm das College finanziert, er habe alles bekommen, einen Job gehabt, von radikalen Tendenzen sei nichts zu bemerken gewesen. Die Tat des Sohns, der bei dem Attentat ums Leben kam, habe nichts mit dem Islam zu tun. Der Vater soll selbst Sympathien für die Taliban in seinem Herkunftsland haben.

Islamisten in Deutschland posten in den sozialen Medien Fotos des Täters und dazu die Sätze: „Ein psychisch Kranker und Schwuler greift eine Schwulen-Bar an, und plötzlich reden Politiker und Medien von islamistischem Anschlag. Entweder habt ihr paranoide Störungen oder ihr betreibt Propaganda à la Goebbels.“

US-Politiker trauen sich kaum auch das Wort "islamistisch" zu benutzen

So oder ähnlich sprechen wieder viele. In den USA sind Politiker und Öffentlichkeit übervorsichtig, auch nur das Wort „islamistisch“ zu verwenden, mit Ausnahme von Donald Trump und seinen Anhängern, die politisches Kapital aus dem Verbrechen schlagen wollen.

Es scheint eine reflexartige Reaktion zu sein, wo immer Attentate oder auch nur soziale Probleme im Kontext mit extremistischen Inhalten auftauchen, die sich auf den Islam beziehen, sofort das Gegenmantra zu beten: Das hat nichts mit dem Islam zu tun. Besonders der neuen Rechten, den AfD-Sympathisanten und anderen, wird das wie eine Verleugnung der Wirklichkeit erscheinen, eine kognitive Dissonanz, wie wir Psychologen sagen. Die Täter haben doch „Allahu akbar“ gerufen!? Und das soll nichts mit dem Islam zu tun haben? Wollt ihr uns für dumm verkaufen?

Das Entkoppeln von Tat und Konfession des Täters soll beruhigen, den sozialen Frieden sichern, den Generalverdacht gegen alle Muslime verhindern und vieles Richtige mehr. Dennoch führt diese Redeweise am zentralen Thema vorbei.

Denn die Attentäter, ob sie narzisstisch gestört, bipolar, entwurzelt und hasserfüllt, ungebildet oder hochgebildet sind, ob sie keine Väter hatten oder autoritäre Väter, berufen sich auf eine extreme Form des Islam. Auf das, was Salafisten, Wahhabiten, Anhänger des „Islamischen Staats“ oder Al Qaida sagen: auf eine strikte Auslegung des Koran, wonach jeder Buchstabe in Stein gemeißelt ist. Sie finden darin Frauenfeindlichkeit, Homophobie, Antisemitismus, starre Muster für Familie und Staat – das Gegenteil einer offenen, demokratischen Gesellschaft.

Umstritten: Der Islam und die Sexualität

Sie sind der extreme Ausdruck von etwas, das fast die gesamte muslimische Welt seit Jahrhunderten stagnieren lässt. Was man in einer Hinterhof-Moschee in Neukölln oder Wedding predigt, das ist den fundamentalistischen Ideen der Attentäter, die im Namen Allahs morden, oft allzu ähnlich. Unter Generalverdacht stellen sollte man die Muslime deshalb nicht. Sondern die Stagnation eines Denkens kritisieren, das jeden Buchstaben des Koran als von Allah diktiert begreift und den gesellschaftlichen Fortschritt brutal ausbremst, die Akzeptanz von Demokratie und Freiheit, der Gleichheit von Mann und Frau, der Homosexualität.

Immer wieder erklären Vertreter der muslimischen Verbände, der aktuelle politische Islam hätte nichts mit unserer Religion zu tun. Sie wollen nicht sehen, sie wollen nicht wissen. Das ist eine Tragödie, die so nicht weitergehen darf. Veraltete Ideologien, die aus Buchstabengläubigkeit abgeleitet werden, müssen in Frage gestellt werden dürfen, auch um den Terror zu beenden.

Nach dem Terror von Orlando gab es Berichte darüber, dass Homophobie und einengende Sexualmoral der frühen islamischen Welt fremd waren. Nach der Kölner Silvesternacht sprachen Experten von der Offenheit des Islam, wie frei der Prophet mit Sexualität umgegangen sei. Der Münsteraner Islamwissenschaftler Thomas Bauer hat erforscht, dass es aus der Zeit der klassisch-islamischen Epoche kaum Dokumente über Steinigungen wegen Ehebruchs gibt. In über tausend Jahren gab es „allenfalls zwei, drei, vier bezeugte Fälle“ und keinen einzigen Fall von Bestrafung wegen gleichgeschlechtlicher Handlungen. Die im Koran angedrohten drakonischen Strafen hätten vor allem den Charakter von Warnungen gehabt, nicht von Handlungsanweisungen, sagt Bauer.

Aber je freier die westliche Welt, je offener Homosexuelle leben, desto bedrohlicher wird dies für das heimliche Doppelleben in sexuellen Fragen, das viele Menschen in der islamischen Welt bisher tolerierten. Die Fassade stimmte, dahinter konnte so mancher machen, was er wollte. Jetzt stimmt die Fassade nicht mehr: In der ganzen westlichen Welt wird offen „gesündigt“, und die Leute feiern das auch noch! Zugleich ist der Westen „uns“ wirtschaftlich überlegen, hat „uns“ kolonial ausgebeutet, ist gegen unseren Glauben, unsere Werte. So lässt sich eine radikale Ideologie aus dem Koran zusammenschrauben, zur Waffe machen.

In Saudi-Arabien, Afghanistan und im Iran bezahlen Schwule mit ihrem Leben. Sie werden von Hausdächern gestoßen, an Baukränen erhängt. In allen muslimischen Ländern haben Homosexuelle enorme Schwierigkeiten. Muslimische Jugendliche in Deutschland haben Homosexuelle schon öfter offen beschimpft und attackiert. Viele lesbische oder schwule Jugendliche verlassen ihre Familien, auch in Europa, um woanders Schutz zu suchen.

Welche Rolle spielt Homophobie beim Attentäter von Orlando?

Bei der Tat von Orlando scheint die Homophobie ebenfalls eine Rolle zu spielen. Möglich, dass ein homosexueller Täter aus Angst und Selbsthass gemordet hat, der IS lieferte ihm einen Ausweg aus Scham und Verunsicherung, mit der Tat eines machohaften Helden, der für den Übervater Allah tötet. Das Tabuisieren sexueller Themen ist in allen patriarchalischen Gesellschaften ein Problem, auch in den muslimischen.

Hat das alles „nichts mit dem Islam zu tun“? Als während des Gazakrieges 2014 tausende junger Muslime in Europa antisemitische Parolen riefen, als sie Synagogen und Juden attackierten, fiel dieser Satz auch. In den Medien war die Rede von den traditionell guten Verbindungen zwischen Muslimen und Juden im Nahen und Mittleren Osten und im Maghreb, von der gemeinsamen Geschichte, den Ähnlichkeit der Sprachen und Religionen. Das alles stimmt, aber es hilft nicht weiter in einer Gegenwart, in der Antisemitismus bei etwa 90 Prozent der Muslime weltweit zum Alltag gehört.

Ein Zusammenhang zwischen islamistischen Attentaten, die sich gegen Juden, Amerikaner, Homosexuelle richten, und „dem Islam“ wird weiter geleugnet. Es heißt dann gern, die Täter hätten den Islam falsch verstanden. Aber sie haben nur das, was fast alle in ihrem Umfeld sagen, in die scharfe Soße des Salafismus getunkt, es explosiver, destruktiver werden lassen. Leute, die Gewalt sonst ablehnen, posteten nach dem Massenmord in Orlando, da habe es mal „die Richtigen getroffen“.

Hexenverbrennungen hatten nichts mit dem Katholizismus zu tun?

Will unsere Gesellschaft differenzierter und kultivierter mit dem Problem des radikalisierten Islam umgehen, dann muss sie sich mit dem Problem des Reformstaus im „normalen“ Islam befassen. Es geht um unser Zusammenleben in der Demokratie, um die Ängste und die Polarisierung, die wir erleben – siehe die Erfolge der AfD in Deutschland, der Rechtspopulisten in Europa und den USA.

Kann man sagen, die Kreuzzüge, die Inquisition oder die Hexenverbrennungen hatten nichts mit dem Katholizismus zu tun? Es gab doch Millionen friedlicher Christen, die diese Auswüchse ablehnten! Nein, es gab Millionen von Christen, die in einer von Gewalt, Patriarchat und einer unmenschlichen Auslegung der Bibel geprägten Gesellschaft lebten. Davon hat sich das Christentum größtenteils befreit. Auch der Islam muss sich von falschem Verständnis befreien, will er sich auf einen barmherzigen Allah berufen.

Muslime, die den Islam vor Diskussionen und Kritik zu schützen versuchen, halten ihre Religion für schwach. Sie fürchten Debatten, denn sie könnten dazu führen, dass der Zusammenhang der Attentate von Paris, Brüssel oder Orlando mit dem weit verbreiteten rigiden, ahistorischen Verständnis von Islam und Koran deutlich wird. Es hilft auch nicht, wenn man im linken Spektrum die reaktionären Attentäter als Kämpfer gegen Imperialismus und Wirtschafts-Kolonialismus verharmlost oder verherrlicht. Das degradiert Muslime zu politischen Kuscheltieren eines falsch verstandenen Multikulturalismus.

Der Gedanke, ihre Religion sei für Kritik tabu, ist unter muslimischen Jugendlichen weit verbreitet. Er entstand aus einem kollektiven Minderwertigkeitskomplex und ist das Nebenprodukt jahrhundertelanger Unterdrückung des Individuums und seiner Sexualität, seiner Freiheit. Selbstentfaltung, kritisches Fragen, Individualität existieren kaum. Parallel dazu gab es die Erfahrung autoritärer Staatsform, des Kolonialismus und Rassismus sowie gescheiterter demokratischer und sozialistischer Experimente während des Kalten Krieges in der muslimischen Welt. Nun erscheint die Religion als die einzige Stärke, als unantastbare Basis für Identität, Bedeutung und „Reinheit“.

Doch Religion kann an rigiden Vorstellungen zerbrechen. Die eigene Religion stärken, das bedeutet vor allem, sich der Debatte zu stellen, über Sexualität, Gewalt, Erziehung, Autorität, Homophobie, Antisemitismus. Die Einsicht muss wachsen, dass im Islam weltweit Reformen gebraucht werden, auf dass er teilhat an der offenen Gesellschaft der Moderne. Keiner hilft uns, der das nicht sehen will.

Ahmad Mansour, 39, ist Psychologe und Programmdirektor bei der European Foundation for Democracy. Zuletzt erschien von ihm das Buch „Generation Allah“ (S. Fischer Verlag).

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