Akademie der Künste: Uncertain States : Warnschuss mit dem Fotoapparat

„Uncertain States“: Eine große Veranstaltungsreihe in der Akademie der Künste fragt, was Kunst in Umbruchsituationen antreibt.

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Stahlglas. Mona Hatoums Arbeit „Kapan iki“ von 2012.
Stahlglas. Mona Hatoums Arbeit „Kapan iki“ von 2012.Foto: def image/Galerie Max Hetzler

Kaum nachvollziehbar, dass jemand nicht nachvollziehen kann, wie es sich anfühlt, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Jeder Erwachsene hat das schon erlebt. Es kann allerdings sein, dass man das Gefühl vergisst. In dem Fall hilft die Installation des amerikanischen Choreografen William Forsythe in der Akademie der Künste. Besucher können ein mehrere Meter großes Feld auf Dutzenden von Turnringen durchsteigen, die von der Decke baumeln. Da kommt so einiges ins Wanken.

Das Ausstellungsprojekt „Uncertain States“ befasst sich mit gesellschaftlicher und politischer Unsicherheit, mit Flucht und Migration. Sind diese Themen nicht ohnehin omnipräsent? Die Antwort ist schnell gegeben: Ja, denn wir haben längst nicht genug darüber geredet. Ursprünglich wollten die Mitglieder der Akademie der Künste das Thema Flucht und Exil an einem langen Abend behandeln. Nun landeten sie bei einem mehrmonatigen Veranstaltungsprogramm mit Ausstellung, eigenen Bühnenproduktionen, Filmscreenings, Lesungen und Diskussionsabenden.

Die Erinnerungsstücke geflüchteter Künstler füllen das AdK-Archiv

„Wenn wir heute verstehen wollen, was Emigration und Exil bedeutet, müssen wir verstehen, was aus diesem Lande von 1933 bis 1945 rausgegangen ist“, sagt Akademiepräsidentin Jeanine Meerapfel am Tag der Eröffnung. Die Archive der Institution sind voll mit Erinnerungsstücken geflüchteter und verfolgter Künstler. Diese sind nun ein wichtiger Teil der Ausstellung, in Glasvitrinen sind unter anderem ein Revolver von Kurt Tucholsky und die Reisepässe von Bruno Taut, Helene Weigel und Walter Benjamin zu sehen. Benjamins Pass, ausgestellt in Berlin-Grunewald am 10. August 1928, enthält neben Verweisen auf Aufenthalte in Italien, der Schweiz und Norwegen auch eine Einreisegenehmigung für Frankreich 1933, das Datum seiner Flucht. Eindrücklich ist auch der Taschenkalender von Heinrich Mann mit einer aufgeschlagenen Seite aus dem Jahr 1933. „Konzert“ lautet sein Eintrag am Sonntag. Nur zwei Tage später heißt es „Abgereist“. So eng liegen Alltag und Ausnahmezustand zusammen.

Die Vergangenheit dient in dieser Schau dem Verständnis der Gegenwart. Oft wird beides miteinander verwoben, wie in den Arbeiten des iranischen Künstlers Reza Aramesh. Aramesh beschäftigt sich seit Jahren mit dem gedemütigten Körper. Er arbeitet mit Fotos aus Zeitschriften oder aus Hollywood-Spielfilmen und inszeniert sie neu. Oft bringt er die Posen der Unterdrückung in Verbindung mit der europäischen Kunst- und Kulturgeschichte. So auch in seinem monumentalen Foto-Triptychon von 2011, das gleich am Anfang der Ausstellung hängt. Es zeigt einen Mann mit aufgerissenem Hemd, kniend, in einem üppig dekorierten Saal. Aramesh hat für diese Inszenierung einen syrischen Flüchtling gecastet und ihn in einem Prunksaal in Schloss Versailles fotografiert. Seine Werke nennt er „Actions“. Kunst bietet für den Iraner, der selbst Opfer von Polizeigewalt wurde, die Möglichkeit, zu handeln. „Selbst das Klicken des Fotoapparats bedeutet Aktivität“, sagt er.

Der Todeskampf wird zu einem kraftvollen Tanz

Eines der Hauptwerke der Schau ist die Mehrkanal-Videoarbeit „Western Union. Small Boats“ von Isaac Julien. Der britische Filmemacher thematisiert in dieser Arbeit die oft tödlich endende Flucht aus Afrika über das Mittelmeer in winzigen Booten. Dabei zeigt der Künstler weder Gefahr noch Entbehrung direkt. Bei Julien wird der Todeskampf der Ertrinkenden zu einem kraftvollen Tanz, den der Choreograf Russell Maliphant unter Wasser und über Wasser ausführt. Auch Julien schickt schöne dunkelhäutige Menschen durch heruntergekommene, barocke Architekturen. Bei ihm ist dies eine Reminiszenz an Viscontis Film „Der Leopard“ von 1963, in dem der Untergang der sizilianischen Aristokratie in üppigen Bildern durchgespielt wird.

Künstler kennen die Außenseiterrolle oft aus eigener Erfahrung, die Position des anderen ist ihnen vertraut. Kunst lehrt Empathie. Um dieses Gefühl des Nachspürens geht es auch, wenn der in Berlin lebende Künstler Nasan Tur in einer Videoarbeit fast unbewegt dasteht, während sich auf dem Stoff seiner Jeans ein dunkler Fleck ausbreitet. Der Künstler macht sich in die Hose, am Boden bildet sich eine Pfütze. Auf seinem Gesicht zeichnet sich eine ganze Bandbreite von Gefühlen ab, von Trauer und Scham bis hin zu Erleichterung. In einem zweiten Video von Tur kann man zusehen, wie ganz normale Menschen zum ersten Mal eine Waffe abfeuern. Der Knall ist ohrenbetäubend, wieder reichen die Reaktionen von Euphorie bis Erschütterung. Künstlern wie Tur, Julien und Reza gelingt es, den Blick zu weiten und die eigene Wahrheit in Relation zu anderen Wahrheiten zu bringen. Wenn es um interkulturelle Probleme mit vielen Beteiligten geht, ist vielleicht nur noch die Kunst in der Lage, eine differenzierte Kommunikation anzustoßen, während in vielen anderen Diskussionsräumen nur noch polarisiert wird.

Nächste Termine

Ausstellung: bis 15.1.2017, Di 11-22 Uhr, Mi-So 11-19 Uhr
Vorträge: So 23.10., 12 Uhr, Katharina Lumpp „Forced Displacement as a Challenge for Global Responsibility-Sharing“; So 30.10., 12 Uhr, Michael Lüders “Nahostverwirrungen”

Bühnenprogramm: Sa 22.10., 19 Uhr, „Was der Diktator nicht gesagt hat“, Monologstück aus Tunesien von Meriam Bousselmi

Filmprogramm: Di 1.11., 17 Uhr: „Nomaden – Migranten – Kosmopoliten“, Gespräch mit den Filmemachern Peter Lilienthal, Jeanine Meerapfel, Samir und dem Medienarchäologen Siegfried Zielinski über Erfahrungen des Fremdseins; 19 Uhr: Film „Iraqi Odyssey“ von Samir mit Künstlergespräch.

Weitere Infos: www.adk.de

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