Alec Empire im Gespräch : „Björk wollte Remixe von mir"

Sonic Youth baten ihn um ein Autogramm: Alec Empire ist Frontman von Atari Teenage Riot. Beim Elektronik-Festival Club Transmediale führt er sein Experimentalalbum "Low On Ice" auf.

Thomas Winkler
Noise-Hohepriester Alec Empire versteht sich auch auf ruhige Töne - wie „Low On Ice“ zeigte.
Noise-Hohepriester Alec Empire versteht sich auch auf ruhige Töne - wie „Low On Ice“ zeigte.Foto: CTM

Herr Empire, wie fühlt es sich an, ins Museum gestellt zu werden?
Das CTM ist doch kein Museum (lacht). Das hoffe ich doch sehr.

Aber es hat doch etwas davon, wenn Sie von einem Festival dazu eingeladen werden, ihr vor 20 Jahren aufgenommenes Album „Low On Ice“ aufzuführen.
Ich sehe das eher als Zeitmaschine. Auch weil das keine bloße Wiederaufführung irgendwelcher Lieder ist, die ich in den Neunzigern geschrieben habe.

So, wie das derzeit viele altgediente Bands machen, die ihre klassischen Alben auf der Bühne eins zu eins wiederaufführen.
Genau. Das würde ich nicht machen. So ein Album war „Low On Ice“ ja auch nicht, sondern ein Soundexperiment, der Versuch, in einer konkreten Praxis ein Klangbild zu entwickeln. Ich war damals mit Atari Teenage Riot bei einem dreitägigen Festival in Island. Man konnte sich aussuchen, ob man abends zurück ins Hotel nach Reykjavik fuhr oder dort in einem Zelt übernachtete. Die Nächte im Schlafsack waren sehr kalt, ich war mitten in der Natur und in einer sehr speziellen Stimmung. Ich habe nur analoge Instrumente wie Drum-Machines verwendet. Diese Situation kann man nicht re-inszenieren. Aber den Ansatz will ich noch einmal anwenden, indem ich dieselben Instrumente und dieselbe Soundästhetik benutze wie damals.

Warum muss das sein?
Ob das sein muss, weiß ich nicht. Aber mir haben Leute immer wieder gesagt, „Low On Ice“ wäre mein bestes Album. Das hätte ein Tiefe, die solch eine Musik sonst nicht hätte. Irgendwann kam Thurston Moore von Sonic Youth zu mir und wollte ein Autogramm auf sein Vinyl von „Low On Ice“. Dass jemand wie Björk und viele andere von mir Remixe haben wollten, das lag auch alles an „Low On Ice“. Offensichtlich hat dieses Album etwas ans Tageslicht gebracht, von dem ich zwar schon immer wusste, dass es in mir steckt, was die Leute aber wegen des harten Sounds und der Songs von Atari Teenage Riot bis dahin nicht gesehen haben.

Ist avantgardistische Musik, wie sie das CTM präsentiert, bald nur noch möglich, wenn es staatlich finanzierte Auftragsarbeiten gibt wie in der Neuen Musik?
Ich bin ja eigentlich Anarchist und sehe mich als ziemlich libertär, was das Thema angeht. Aber als Musikfan muss ich zugeben, dass viel spannende elektronische Musik in den Sechzigern und Siebzigern in Rundfunkstudios und an Universitäten entstanden ist, also quasi staatlich finanziert. Aus den USA ist zu der Zeit nicht viel Progressives gekommen, weil die solche Strukturen nicht hatten. Das kam alles aus Deutschland, Frankreich oder dank der BBC aus England. Aber natürlich – das beweist die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte – kann fortschrittliche Musik auch ohne solche Subventionen entstehen. Man muss von Fall zu Fall entscheiden. Jeder Musiker muss da für sich Grenzen ziehen. Ich bekomme manchmal Anfragen von Parteien. Die lehne ich natürlich alle ab.

Aufträge von Festivals sind in Ordnung?
Ja, die sind nötig, um sich wenigstens kurzfristig von Zwängen befreien zu können. „Low On Ice“ interessiert ja die Leute auch deshalb heute noch, weil ich einen viel freieren Ansatz verwendet habe, als er heute möglich ist, weil ich analoge Instrumente verwendet habe, die nicht von einem Computer kontrolliert werden. Heute ist in der elektronischen Musik doch alles in einen Laptop eingezwängt. Indem wir beim CTM den alten Ansatz noch mal anwenden, können wie auch darüber nachdenken, wo wir in der elektronischen Musik stehen. Die Leute bauen heutzutage irgendwelche Klangklötze zusammen wie Lego-Steine, das ist alles aus vorgefertigten Sounds. Es gibt doch kaum noch jemanden, der eigene Sounds verwendet, alle benutzen dieselben Sound-Bibliotheken. Ausgenommen die Modularszene, aber die ist ja eine Nische. Elektronische Musik ist oft nicht mehr Ausdruck einer Persönlichkeit, eines Musikers – und daran ist die Technologie schuld.

Hat die Technologie vieles nicht erst ermöglicht?
Nein, das ist ein Trugschluss. Genau das versucht uns das Silicon Valley weiszumachen. Es wäre zwar toll, wenn es so wäre, aber es ist selbst in der Theorie nicht so. Denn Kompositionssoftware wie Logic oder Ableton ist in ihrer Klangästhetik viel beschränkter, als sie uns verkauft wird. Das ist vielen nicht bewusst. Alle sagen: Es gibt so viel Musik wie nie, aber hör dir das doch mal alles an. Geh doch mal auf Beatport ...

... den Online-Marktführer für elektronische Musik.
Versuch da mal auf Sachen zu stoßen, in denen eine Persönlichkeit zu finden ist. Schuld sind die Algorithmen und das konstante Feedback. Das Liken zwängt die Leute ein. Es ist wichtig, das zu verstehen. Denn die Konsequenzen werden wir erst in zwei, drei Jahren spüren. Da wird es eine kreative Wüste geben – und das liegt an der Technologie.

Beim CTM gibt es ein „Music Makers Hacklab“, bei dem die Möglichkeiten „von Biofeedback-Technologien und Körpersensoren als Bestandteil von neuartigen Klangmaschinen“ vorgestellt werden. Klingt, als könnte Sie das interessieren.
Auf jeden Fall. Ich finde das allerdings gar nicht so zukunftsweisend. Wenn man schon mal akustische Gitarre gespielt und gespürt hat, die Resonanz im Körper gespürt hat, dann weiß man, dass es darum schon immer ging beim Musikmachen: Eins zu werden mit dem Instrument und auszudrücken, was in einem vorgeht. Wenn es jetzt neue Tools gibt, ändert sich an dieser Grundidee nichts.
Selbst dann nicht, wenn es mal einen Stöpsel gibt, den man in den Kopf stecken kann?
Um aufzunehmen, was man denkt und fühlt? Wäre das etwas anderes als bei Beethoven, der taub aufgeschrieben hat, was er in seinem Kopf hörte? Wer spielt denn Trompete, wenn Miles Davis spielt? Doch auch nur das Gehirn von Miles Davis. Die Frage ist vielleicht eher: Will ich das wirklich alles hören, was andere denken? Das ist doch beim Schreiben genauso: Schreiben kann auch jeder, aber will ich wirklich alles lesen, was geschrieben wird? Andererseits könnte es natürlich sein, dass wir so erst an die wirklich tiefen Sachen rankommen, weil dann auch Leute, die kein Instrument lernen können oder wollen, sich einfach einstöpseln – und wir haben plötzlich die traurigsten Lieder, die wir je gehört haben. Ich bin da offen, aber ich glaube auch nicht, dass es die Erleuchtung sein wird.

Alec Empire kam in Berlin als Alexander Wilke-Steinhof zur Welt. Er wurde mit seiner Band Atari Teenage Riot und deren bahnbrechendem Amalgam aus Punk und Techno in den frühen Neunzigern bekannt. Er gründete das stilprägende Label Digital Hardcore, arbeitet als DJ, Produzent, Remixer und Musiker. 1994 zog Alec Empire nach London, seit 2007 hat er in seiner Heimatstadt wieder ein Studio und eine Wohnung. Anfang Februar erscheint ein neues Album von Atari Teenage Riot mit dem Titel „Reset“.
Beim Club Transmediale (CTM), dem wichtigsten europäischen Festival für experimentelle und elektronische Musik wird Alec Empire „Low On Ice (The Iceland Sessions)“ wiederaufführen, sein Solo-Album von 1995. Es gilt als wegweisend für Genres wie Ambient oder Lounge (Berghain, 28.1., 22 Uhr).
Das Festival findet unter dem Motto „Un Tune“ vom 23. Januar bis zum 1. Februar statt. Das Eröffnungskonzert gibt es im HAU 1, 24.Januar., 19.30 Uhr: Soundwalk Collective mit Nan Goldin und Visuals von Tina Frank, zudem treten auf: Rose Kallal & Mark O Pilkington sowie Thomas Ankersmit.