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Alexis Jenni : Der zwanzigjährige Krieg

04.11.2012 00:00 Uhrvon
Strahlend erfolgreich. Goncourt-Preisträger Alexis Jenni. Foto: Luchterhand LiteraturverlagBild vergrößern
Strahlend erfolgreich. Goncourt-Preisträger Alexis Jenni. - Foto: Luchterhand Literaturverlag

Alexis Jenni rührt mit seinem spektakulären Debüt-Roman an französische Tabus – von der Résistance über Indochina und Algerien bis heute.

Und dieser große Wurf soll ein Romandebüt sein? Patrick Rambaud, Schriftsteller und Mitglied der Jury für den Prix Goncourt, war zunächst äußerst misstrauisch – nach allerhand schlechten Erfahrungen mit Pseudonymen. In seiner „Le Monde“Rezension über „L’art français de la guerre“ vom August letzten Jahres fand er zunächst, sogar der Name des Autors töne verdächtig. Und dann, eines Tages, die Erleichterung über Alexis Jennis Stimme im Radio: „Er existiert, er ist 48, er lebt in Lyon, er ist Biologielehrer, er zeichnet auch.“ Und: „Dieser erste Roman haut einen um.“

Genau vor einem Jahr, Anfang November, gewann Alexis Jenni dann eben jenen Prix Goncourt, den wichtigsten Literaturpreis Frankreichs, und das Staunen ist noch immer ganz seinerseits.

Am Donnerstag stellte er die frisch erschienene Übersetzung seines kolossalen 768-Seiten-Werks im Berliner Literarischen Colloquium vor und nannte sich bescheiden einen „Sonntagsschriftsteller, so wie es Sonntagsmaler oder auch Sonntagsangler gibt“. Gewiss, in den vergangenen 20 Jahren habe er „vier, fünf, sechs Romane“ an Verlage gesandt, ohne Erfolg, weshalb er die Rumschickerei eigentlich leid gewesen sei, sagt der elegant gekleidete Mann mit dem grauen Sechstagebart. Aber dann, eines Morgens, sei ihm die Charakterskizze einer literarischen Figur eingefallen, und sie habe, mit Bleistift gekritzelt, auf ein Post-it gepasst. Und los ging es doch noch mal, fünf Jahre später, mit einem fertigen Roman an die Verlage, und wieder ganz altmodisch: per Post.

Man darf sich Alexis Jenni also als besonders glücklichen Menschen vorstellen. Aus einer provinziellen Gymnasiallehrerwelt, in der er im Fach „Sciences naturelles“ Biologie, Geologie und Ökologie gleichermaßen vermittelt, ist er in den Olymp der französischen Literatur aufgerückt, in die Nachbarschaft etwa von Marguerite Duras oder Pascal Quignard, und zuletzt Marie NDiaye und Michel Houellebecq. In seinem Roman hingegen beschäftigt er sich vehement mit zwei düsteren Jahrzehnten, in denen Frankreich ununterbrochen Kriege geführt – und verloren – hat. Erst die Besetzung des Landes im Zweiten Weltkrieg und die Résistance, dann von 1946 bis 1954 der Indochinakrieg und schließlich das Gemetzel in Algerien, das erst 1962 mit der Unabhängigkeit des nordafrikanischen Landes endete. Und die Zwischenräume zwischen den Kriegen? „Gerade so lange“, sagt Jenni, „wie es dauert, Soldaten per Schiff von einem Schauplatz zum nächsten zu bringen.“

Der Held, dessen „physische Intelligenz, Entscheidungskraft und moralische Unkompliziertheit“ Jenni auf das Zettelchen am Nachttisch notiert hatte, heißt Victorien Salagnon. Ein Krieger par excellence und nur insofern, wie sein Vorname suggeriert, ein siegreicher Teilnehmer dieses zwanzigjährigen Kriegs, als er alle Feldzüge überlebt hat. Als der Ich-Erzähler – ein vergleichsweise junger Taugenichts, der seinen Job ebenso klaglos drangibt wie seine Ehe und sein Leben mit dem Verteilen von Werbeprospekten fristet – ihn kennenlernt, ist Salagnon ein Veteran in Voracieux-les-Bredins, einer Fantasie-Banlieue von Lyon. Hier lebt er in einem hässlichen Einfamilienhaus mit seiner Frau Euridice Kaloyannis, einer jüdischen Algerienfranzösin, die er – seine letzte Kriegstat – vor bald 50 Jahren aus dem brennenden Algier gerettet hat. Von einem biografischen Abendfrieden allerdings kann keine Rede sein.

Nicht, dass dieses Ich ihn rücksichtslos konfrontierte; es erkundigt sich bloß, und dieser moralische Schwebezustand ist eine der Stärken des Romans. Zunächst neugierig wird der Erzähler auf Salagnon, als sich herausstellt, dass diese eigentlich unnahbare Bistro-Bekanntschaft ihr Leben lang gezeichnet hat – angefangen mit zahllosen Skizzen auf Patronen-Verpackungspapier. So kommt es zu einer Art faustischem Pakt: Du bringst mir das Zeichnen bei, ich erzähle dafür dein Leben. Nur dass die kühle, präzise Beichte einer mörderischen Biografie nicht etwa den Erzähler selber mephistophelischer werden lässt, sondern den Täter in aller Ruhe immer tiefer mit sich selber konfrontiert. Es ist eine ausschließlich dem Militär geweihte Lebensstrecke, die mit dem feurigen Widerstand eines jugendlichen Maquisards gegen die Nazis beginnt und mit der brutalen Unterdrückerrolle in Algerien endet. Und als der Erzähler die naheliegende Frage stellt, ob Salagnon dort, wie so viele französische Soldaten, auch gefoltert hat, ist es Zeit für die bitterstmögliche Bilanz.

„Wir haben uns an der Menschheit versündigt. Wir haben sie geteilt, obwohl es keinen Grund dazu gab. Wir haben eine Welt geschaffen, in der jemand, je nachdem welche Form sein Gesicht hatte, wie er einen Namen aussprach, wie er unsere gemeinsame Sprache modulierte, Untertan oder Bürger war“, sagt Salagnon. „Wir haben uns darauf eingelassen, diese Welt zu verteidigen, und haben alle erdenklichen Sauereien begangen, um sie aufrechtzuerhalten.“ Und: „Wir haben uns alle wie Schlachter aufgeführt, wir alle.“

Bei dieser scharfen Einrede an sein französisches Publikum aber, die an die immer noch virulenten Tabus der vergangenheitsauseinandersetzungsscheuen Nation rührt, lässt es Jenni nicht bewenden. In dem kapitelweise zwischen Vergangenheit und Gegenwart oszillierenden Roman findet er immer wieder Spuren alltäglicher, heutiger Kriegslüsternheit. In einer brillanten langen Szene, die den Leser à la Jonathan Safran Foers „Tiere essen“ schnurstracks zum Vegetarismus verführen könnte, sprengt der Ich-Erzähler seine Ehe, indem er ein Abendessen mit Freunden – und damit ein heiliges französisches Ritual – zu einer Orgie in Tierblut pervertiert. Oder er gibt immer wieder Salagnons einzig überlebendem Kriegskameraden Mariani das Wort, der sich schwerbewaffnet und umgeben von jugendlichen Bodyguards zwischen Sandsäcken im 18. Stockwerk eines Banlieue- Hochhauses verbarrikadiert.

Für diesen Mariani ist der Krieg nicht zu Ende, er geht bloß mit anderen Mitteln weiter – und deshalb schließt er sich einer Bürgerwehr namens GAFFES an (die französische Aufpasser-Vokabel hat Übersetzer Uli Wittmann versimpelnd pejorativ in SIFF eingedeutscht). Hier schrammt die sparsam, aber wirkungsvoll inszenierte Satire, um richtig wehzutun, nur knapp an der Realität Frankreichs im Zeichen Sarkozys und Marine Le Pens vorbei. Wobei Jenni, der für sich eine „sozialdemokratische Sensibilität“ postuliert, die das „Verständnis für andere Sensibilitäten“ einschließt, die in Frankreich vor allem araber- und schwarzenfeindliche Paranoia ebenso ablehnt wie die gescheiterte Multikulti-Harmoniesucht. Für Lösungsvorschläge allerdings im Leitartikelstil sieht sich der Romancier nicht zuständig.

Die satirische Distanz zu aller Flinkmeinerei wird sogar bis in den Titel deutlich. In das bis heute sogar unter Ökonomen und Psychologen gefragte, zweieinhalb Jahrtausende alte Militärstrategen-Standardwerk „Die Kunst des Krieges“ des chinesischen Generals Sun Zi, dessen 13-Kapitel-Struktur er zumindest formal übernahm, hat Jenni listig das nationale Adjektiv eingefügt. Von Kunst kann keine Rede sein, eher von einer Reihe bellizistischer Katastrophen, der schon Sun Zis schlichteste Postulate, etwa ohne Kampf zu siegen oder wenigstens lange Kriege zu vermeiden, klar entgegenstehen.

So funktioniert „Die französische Kunst des Krieges“ als schonungslose Diagnose einer Nation, deren Selbstverständnis sich allein aus Ressentiments und Verdrängungsmechanismen zusammensetzt. Der Roman wird in Frankreich übrigens, zu seinem Nachteil, gern mit einem anderen historischen Monumentalepos verglichen – „Die Wohlgesinnten“, womit Jonathan Littell vor sechs Jahren den Prix Goncourt gewann. Auch Jennis Erfolg ist dort schmaler ausgefallen als der jenes 1400-Seiten-Werks, das aus dem Blickwinkel eines deutschen SS-Offiziers geschrieben war. An der durchaus wechselnden stilistischen Brillanz des Romans, dem das Funkeln allerdings nie ausgeht, dürfte es nicht liegen – eher daran, dass der französische Leser die Täterperspektive lieber meidet, selbst im fiktionalen Raum. Was zu beweisen war.

Alexis Jenni:

Die französische Kunst des Krieges.

Aus dem Französischen von Uli Wittmann. Luchterhand, München 2012.

768 Seiten. 24,99 €.

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