Kultur : "Allein gegen Kohl, Kiep & Co.": Neues Buch im Christoph Links Verlag

Wolfgang Templin

Burkhard Hirsch, Sonder-Ermittler in Sachen Kanzleramtsakten, ist bestimmt wenig Menschliches fremd. Doch auch ihn hatte die "Geschichte einer unerwünschten Ermittlung" erstaunt. Er habe das Buch in einem Zuge durchgelesen und das Gefühl gehabt, wenn jemand diesen Stoff erfunden hätte, wäre er mit dem Hinweis "geht gar nicht" abgefertigt worden.

Was die Journalisten John Goetz, Conny Neumann und Oliver Schröm in jahrelanger Recherchearbeit mit detektivischem Gespür zusammentrugen, ist Stoff für einen Politthriller. Ihr Buch über die Augsburger Staatsanwälte Jörg Hillinger und Winfried Maier, die ab Sommer 1995 einer dubiosen, kriminellen Geschäftspartnerschaft nachspüren, beeindruckt durch den genauen Blick auf den Alltag der Justizarbeit in Bayern und die Sympathie für ihre Helden.

Gestützt auf die akribischen Vorarbeiten des Steuerfahnders Winfried Kindler, der, mit einem Selbstentlastungsvorstoß des Geschäftsmannes Karlheinz Schreiber konfrontiert, dessen Partner Giorgio Pelossi aufspürt und "abschöpft", arbeiten sich Hillinger und Maier an die Materie des wahrscheinlich größten politischen Skandals der Bundesrepublik heran. Spätestens als bei der ersten Hausdurchsuchung in der Kauferinger Villa Schreibers dessen Kalender und "Spendenbücher" beschlagnahmt werden und dort in kaum verhüllten Kürzeln immer wieder die Namen Walther Leisler Kiep (Waldherr), Holger Pfahls (Holgert), Agnes Hürland-Büning (Hübü) und Max Strauß (Maxwell) auftauchen, wissen die Fahnder, in welches Wespennest sie greifen.

Bayerische Rebellen

Der Name Strauß und alle Angehörigen seiner Dynastie sind in Bayern sakrosankt, die Protegés und Zöglinge von Strauß Senior sitzen an entscheidenden Stellen des bayerischen Justizapparates. Ihr Beziehungsgeflecht reicht bis in die Staatskanzlei, kann Ermittlungen blockieren, Akten und Beweismittel verschwinden lassen und unbotmäßige Staatsdiener kalt stellen. Hillinger und Maier, beides korrekte Beamte mit juristischen Bilderbuchkarrieren und patriotische Bayern, haben die Rebellen in sich gut versteckt. Der neobarocke Zweieinhalbzentnermann Hillinger schreibt in seiner Freizeit Kinokritiken für den Katholischen Filmdienst. Unter dem Pseudonym "Joe Hill", verreißt er mit Vorliebe zweit- oder drittklassige Western. Der wesentlich jüngere, eher schlanke Maier, nutzt sein primanerhaftes Aussehen und sein Talent als Laienschauspieler für Überrumpelungserfolge. Beide stellen sich dem Kampf gegen das Amigosystem, ohne zunächst zu wissen, wohin sie der Verfolg der Fährte noch führen wird.

Als erfahrener Steuerfahnder kann sich Kindler die Frage, warum ihn Schreiber und Pelossi mit wechselseitigen Beschuldigungen überziehen, beantworten: "Seine Arbeit nährte sich seit Jahren von Neidern, enttäuschten Mitarbeitern und den Indiskretionen übervorteilter Geschäftspartner."

Politische Landschaftspflege

Hintergrund der Kalendereinträge Schreibers und Hauptfeld seiner internationalen Aktivitäten als Geschäftsmann und "politischer Landschaftspfleger" in den 80er und 90er Jahren sind das Panzergeschäft mit Saudi-Arabien 1990/91, der gescheiterte Versuch, eine Panzerfabrik für Thyssen in Kanada aufzubauen sowie seine Vermittlerdienste im Airbusgeschäft.

Doch in dem umtriebigen Lobbyisten und Waffenhändler steckt noch mehr. Als "Freund des Freistaates Bayern" pflegt er seit den 70er Jahren so intensive Kontakte zur CSU-Prominenz und insbesondere zu F.J. Strauß, dass dieser ihm seinen Sohn Max für die "internationale Bühne der heiklen Geschäfte" anvertraut. Das Duo agiert in den achtziger Jahren mit wechselndem Erfolg, aber die damit geknüpften Bande überdauern den Tod des Patriarchen und lassen Schreiber schier größenwahnsinnig werden.

Dem direkten Zugriff der deutschen Justiz entzogen, zunächst in der Schweiz und dann in Kanada, überzieht Schreiber später seine politischen Freunde in München und Bonn mit unverhüllten Drohungen, für den Fall weiteren Ungemachs. Obwohl die ermittelnden Staatsanwälte sich zunächst hüten, ihr "Steuerstrafverfahren" um die längst zutage getretenen Tatbestände Vorteilsnahme und Untreue zu erweitern, sind im bayerischen Justizministerium schon alle Warnlampen angegangen. Hillinger und Maier bekommen im Dezember 1995 noch die Durchsuchungsbefehle für die Wohnungen und Büros von Kiep, Pfahls, zweier hochrangiger Thyssen-Manager und anderer Personen durch, scheitern aber an der Person von Strauß jun. Als nach Interventionen der Staatsanwälte und mit neuem Belastungsmaterial endlich die Durchsuchung auch bei Max Strauß stattfinden kann, hat dieser längst seine Computerfestplatte gelöscht. Erfolg versprechende Versuche ihrer Rekonstruktion werden durch das Verschwinden der Festplatte vereitelt. Ein von Schreiber an Edmund Stoiber gesandtes hochbrisantes Aktendossier landet im bayerischen Justizministerium und wird den ermittelnden Staatsanwälten dauerhaft vorenthalten.

Dennoch, neu gefundene und akribisch zugeordnete Unterlagen belegen Provisionen, Schmiergeldzahlungen und "Spenden" in Millionenhöhe, die über Schreiber und den später ins Visier geratenen "Geschäftsmann" Dieter Holzer an gefällige Politiker. Immer stärker weisen die Spuren in die Zentrale der CDU. Um die Indizienkette zu schließen und der Fluchtgefahr vorzubeugen, setzt Hillinger im April 1999 Haftbefehle gegen Holger Pfahls und zwei Thyssenmanager durch. Sein Vorgesetzter blockt den Vollzug in letzter Minute ab. Staatsanwalt Hillinger steigt am Rande des Nervenzusammenbruchs ins Auto und wird kurze Zeit später Opfer eines Verkehrsunfalles.

Millionen im Koffer

Von da ab ruht die Last der ungeliebten Ermittlungen allein auf Maiers Schultern. Der Steuerfahnder Kindler bleibt an seiner Seite und verhilft ihm zu Querverweisen, die den Leuna-Deal berühren und wieder ins Finanzzentrum der CDU führen.

Die Geschichte nähert sich dem Finale, als die Barübergabe der Millionenkofferspende im Dreiländereck ruchbar wird und die Herren Kiep und Weyrauch wieder Besuch von der Staatsanwaltschaft erhalten. Im Keller der Kanzlei des CDU-Finanzberaters Horst Weyrauch gelingt der entscheidende Fund: "Maier beschlich eine leise Ahnung, worauf er hier gestoßen war. Er hatte soeben das Schwarzgeld-System der CDU entdeckt", heißt es im Buch. Staatsanwalt Maier wurde inzwischen der Fall entzogen. Er ist als Familienrichter in München für Sorgerechtsfragen zuständig. Der bayerische Justizminister trat allen Vermutungen vehement entgegen, darin eine politische Einflussnahme zu sehen.

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