Kultur : Alles muss raus

Heinz Rudolf Kunze schreibt „keinen Roman“.

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Dieses Buch von Heinz Rudolf Kunze macht es dem Leser schwer. Das könnte der Absicht Kunzes entsprechen. Schon als dichtender Rocksänger („Dein ist mein ganzes Herz“) hat er es mit seinen Texten niemandem allzu leicht machen wollen. Mit „Vor Gebrauch schütteln“ allerdings macht er eines nicht leicht: das Buch gut zu finden. Das liegt am unklaren Erzählerhabitus. Kunze changiert zwischen dem eines zwanghaft jung gebliebenen Alten und dem eines alt(-klug) gewordenen Jungen, gefangen in einer formlosen Sammlung von Sinnsprüchen, Anekdoten und dozierenden Beobachtungen. Was den Musiker und Texter Kunze auszeichnet, dass er seine Hörer intellektuell wie emotional mitzureißen vermag, misslingt ihm hier.

Der Untertitel „Kein Roman“ hält, was er verspricht. Hier wird keine Geschichte erzählt, Zeit und Ort sind vage, und es gibt nur eine Figur: ein gewisser Trubschacher, Kunzes Sidekick, laut Klappentext sein Alter Ego. Heinz Rudolf Kunze erklärt die Welt. Er betreibt Gutmenschen-Bashing. Oder jongliert mit altbackenen Klischees: „Mögest du beim Oralverkehr rülpsen müssen. Möge dein Handy klingeln auf der Herrentoilette. Möge dein Navigationssystem schlimmer sein als deine Frau.“

Kunze hat ein Gefühl für Mehrdeutigkeiten, er versteht es, Phrasenhohlräume auch mal witzig zu füllen, er hat einen wachen Blick und macht vor sich selbst nicht Halt. Aber mit der Sprache zu spielen, ist das eine. Am Ende bleibt jedoch die Aussage – und auf jeder dritten Seite finden sich immergleiche Totschlagfantasien gegen immer andere harmlose Unsympathen wie Laute-Discomusik-imAuto-Hörer oder Dieter Bohlen. Oder: „Jeder von einem Stier getötete Spanier ist ein guter Spanier.“ Aha.

Irgendwann bei der Lektüre kommt einem das Bild eines alternden Spießers in den Sinn, der auf dem Fensterbrett lehnt, alles und jeden auf der Straße anschnauzt und gern auch mal ausfällig wird. Da helfen selbst die Passagen nicht, die voll Sanftheit, Liebe und Klugheit sind, auch sprachlich. Man sucht nach Sinn, nach Zusammenhang, nach Satire. Nur fündig wird man nicht. Es bleibt: Ratlosigkeit. Des Autors inneres Navigationssystem würde dazu wohl sagen: Sie haben Ihr Ziel erreicht. Dennis Grabowsky

Heinz Rudolf Kunze: Vor Gebrauch

schütteln.

Kein Roman.

Aufbau Verlag,

Berlin 2011.

240 Seiten, 18,99 €.

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