Kultur : Alltag der Entrechtung

Eine umfassende Quellenedition dokumentiert die Vernichtung der europäischen Juden. Erster Band: Deutschland 1933–1937

Bernhard Schulz

„Wir stehen als Juden vor der Tatsache, dass eine uns feindliche Macht die Regierungsgewalt in Deutschland übernommen hat“, konstatierte die „Jüdisch Rundschau“ am 31. Januar 1933 nüchtern, am Tag nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler. Die noch im Sommer zuvor in der zionistisch ausgerichteten Zeitschrift geäußerte Ansicht, werde Hitler Reichskanzler, so dürfe „doch nicht das Programm der nationalsozialistischen Partei mit seinen bekannten antijüdischen Satzungen das Programm des Deutschen Reiches werden“, erwies sich von Stund an als bittere Selbsttäuschung. Mitten auf dem Kurfürstendamm wurden sogleich Hetzbroschüren mit Titeln wie „Die Forderung der Stunde: Juden raus!“ verkauft, und in der Provinz gab es spontane Übergriffe – Anfang März dann auch in München, der „Hauptstadt der Bewegung“, mit furchtbar blutigem Ausgang.

Nachzulesen sind diese Dokumente im ersten Band eines überaus anspruchsvollen Editionsvorhabens, das unter dem Titel „Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945“ sechzehn Quellenbände umfassen soll. Am kommenden Sonntag wird der erste Band, „Deutsches Reich 1933–1937“, in Form einer vierstündigen Lesung im Jüdischen Museum Berlin vorgestellt (Beginn 14 Uhr). Dabei geht die Edition gegenüber früheren Sammlungen einen neuen Weg. Gleichermaßen kommen öffentliche und private Stimmen zu Wort; staatliche und parteidienstliche Stellen ebenso wie Verfolgte oder Augenzeugen.

Das Ordnungsprinzip innerhalb der nach Staaten und Regionen aufgeteilten Bände ist chronologisch. So ergibt sich ein Gewirr von Stimmen unterschiedlichsten Gewichts, die doch, zusammengenommen, die schnelle Festigung und Ausrichtung der NS-Politik widerspiegeln. Nur eben im Blickwinkel des jeweiligen Tagesgeschehens, das den wissenden Blick des Historikers gerade nicht erlaubt. Der Gedanke an Walter Kempowskis eindrucksvolle Tagebuch-Collage „Echolot“ liegt durchaus nicht fern.

So handelt beispielsweise noch Hitlers Abschlussrede auf dem Reichsparteitag von 1937 – gleichfalls abgedruckt – nicht von „dem“ Judentum, von einigen wenigen Phrasen abgesehen, sondern ausführlich vom „jüdischen Weltbolschewismus“ und der Warnung vor einem „bolschewisierten Europa“. Wenn Hitler dann noch betont, „irgendwie und irgendwo gehören wir doch alle in der großen europäischen Völkerfamilie zusammen“ – welcher Zeitzeuge hätte da schon ein Anzeichen der kommenden Eroberungs- und Vernichtungspolitik erkennen mögen? Die deutet sich allenfalls in einem vertraulichen, zwölfzeiligen Dokument aus demselben Jahr 1937 an, einem Aktenvermerk des Sicherheitsdienstes der SS, über die Aufstellung einer umfassenden „Judenkartei“ für den „A-Fall“, den längst geplanten Kriegsbeginn.

Nach sechs Jahrzehnten der NS- und Holocaust-Forschung ist die Erkenntnis gesichert, dass die Vernichtungspolitik als kumulative Radikalisierung des NS-Regimes zu beschreiben ist. „Weitgehend herrscht Einigkeit darüber, dass die von der Führung des Deutschen Reichs gefällte Entscheidung zur Ermordung der europäischen Juden nicht auf einem lange zuvor gefassten Plan beruhte“, heißt es in der Einleitung des ersten Bandes. Eben diese allmähliche Verschärfung, die dem zeitgenössischen Blick weitgehend verborgen bleiben musste, macht die Reihung der Dokumente deutlich. Ein deutscher Beamter, so Aly in Anlehnung an ein Zitat des Holocaust-Forschers Raul Hilberg, habe 1933 keine Vorstellung davon haben können, was 1935, 1938 oder gar ab 1941 geschah.

Das Herausgebergremium spiegelt die Breite der bundesdeutschen Forschung, von Götz Aly, dem zu hohem Ansehen gelangten Privatgelehrten, über den Freiburger Historiker Ulrich Herbert sowie Horst Möller, den Direktor des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, bis zu Hartmut Weber, der als Präsident des Bundesarchivs über das umfassendste Material gebietet. Finanziert wird das Langzeitvorhaben von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die umgerechnet pro Band rund 250 000 Euro zur Verfügung stellt. Es wird sich zeigen, ob die Nachfrage hinausreicht in eine breitere Öffentlichkeit, die doch mit dem Dahinsterben der Zeitzeugen dieser dunkelsten deutschen Epoche eines differenzierten Bildes umso stärker bedarf. „Komplementär zum Berliner Holocaust-Denkmal“, so der Anspruch, solle die Edition als „Schriftdenkmal für die ermordeten Juden Europas“ dienen.

Unendlich viel ist bereits publiziert worden, doch immer noch ist unendlich viel zu entdecken. Zwei Drittel der Dokumente, so der Richtwert, sollen noch unveröffentlicht sein; im Falle der osteuropäischen Länder kann diese Marge auf 80 Prozent steigen. Ein Viertel der Dokumente soll die Sicht der Verfolgten wiedergeben, um den bekannten, vielfach abgedruckten Quellen wie etwa den Verordnungen auf dem Weg zur Machtsicherung 1933/34 oder den „Nürnberger Gesetzen“ ein Gegengewicht zu liefern. „Die ständig wechselnde Perspektive und die chronologische Anordnung erzeugen im Kleinen unübersichtlich erscheinende Dokumentenfolgen“, warnt das Vorwort die Leser: „Doch entspricht das zufällige und widersprüchliche Nebeneinander der Ereignisse besser der zeitgenössischen Wahrnehmung als ein nachträglich konstruierter Aufbau.“ Es bedarf der Vorkenntnis, um die Dokumente recht zu verstehen oder, anders gesagt, durch sie hindurch den roten Faden der „mörderischen Dynamik“ der Judenverfolgung zu erkennen.

Von den 16 Bänden sind fünf für das Deutsche Reich vorgesehen, elf jedoch für die außerdeutschen Schauplätze der Judenvernichtung. Die Öffentlichkeit beginnt, so Aly, „den Holocaust nicht allein als Tiefpunkt der deutschen, sondern vielmehr der europäischen Geschichte zu verstehen“. Dazu ein Blick auf den demnächst erscheinenden Band „Polen 1939– 1941“: Der „beachtliche polnische Antisemitismus und dessen Instrumentalisierung“, so Aly, müssten „thematisiert werden“. Oder Ungarn: Dort organisierte Eichmann mit nur 64 Mitarbeitern die Deportation von 400 000 ungarischen Juden im Sommer 1944. „Die Kollaboration oder Interessenkongruenz darzustellen, ohne die deutsche Verantwortung und Tatherrschaft verschwinden zu lassen, erfordert von den deutschen Herausgebern eine Menge Aufmerksamkeit“, beschreibt Aly Besonderheit und Tücke des europäischen Ansatzes.

Die frühen Jahre des Naziregimes belegen die Gleichgültigkeit der übergroßen Mehrheit der Deutschen gegenüber der Judenhetze. Erst diese, im ersten Band der so ungemein vielversprechenden Edition nachzuverfolgende Gleichgültigkeit ermöglichte die Radikalisierung eines Regimes, das sehr wohl auf die Stimmung der Bevölkerung achtete, wie die Proteste gegen die Euthanasie zeigen. Nur den Juden, eben noch Nachbarn und mit einem Mal Ausgestoßene, kam keine Solidarität ihrer „arischen“ Mitbürger zu Hilfe.

Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945. Band 1: Deutsches Reich 1933–1937. R. Oldenbourg Verlag, München 2008. 811 Seiten, 59 €.

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