Als die Nazis an die Macht kamen : Bleiben oder gehen...

...das wird im März 1933 für deutsche Juden plötzlich die große Frage. Sie fühlen sich bis dahin als sichere Bürger und vertrauen dem Staat. Doch kaum haben die Nazis die Wahl gewonnen, forcieren sie ihren Terror in beispiellosem Tempo. Eine Chronik entscheidender Wochen.

Karl Grünberg
Bei den Wahlen vom 5. März zeigte die SA Präsenz und schüchterte die Wähler ein.
Bei den Wahlen vom 5. März zeigte die SA Präsenz und schüchterte die Wähler ein.Foto: akg-images

Eigentlich hätte es ein ganz normaler Montag sein können. In den Kinos lief gerade „Die Lumpenkavaliere“, im Gericht Moabit begann die Verhandlung gegen eine Autoschieberbande. Immer noch waren sechs Millionen Menschen in Deutschland arbeitslos.

Doch nichts war normal an diesem Montag, einen Tag nach der Wahl zum Reichstag am 5. März 1933. Die Zeitungsjungen verkündeten die Schlagzeilen. Nüchtern titelte die „Berliner Montagspost“ mit „Regierungsmehrheit in Preußen und im Reich“, reißerischer der „Völkische Beobachter“, das nationalsozialistische Propagandablatt, mit „Unser beispielloser Sieg“.

Die Stimmen waren um zwei Uhr nachts ausgezählt, nun war es endgültig: Hitler würde Reichskanzler bleiben. 17 Millionen Wähler hatten der NSDAP ihre Stimme gegeben, das waren 44 Prozent. Zwar verfehlte die Partei damit die angestrebte absolute Mehrheit, holte aber immer noch mehr Stimmen als die drei großen Oppositionsparteien SPD, KPD und Zentrum zusammen.

Frederic M. Sackett, der US-amerikanische Botschafter in Berlin, telegrafierte nach Washington, dass die Demokratie in Deutschland einen Schlag bekommen habe, von der sie sich vielleicht nie mehr erholen werde. Frei waren diese Wahlen längst nicht mehr gewesen. Zwar traten alle Parteien zum letzten Mal an, doch Hitler nutzte seine Befugnisse als Reichskanzler, zu dem er am 30. Januar 1933 vom Reichspräsidenten Paul von Hindenburg ernannt worden war, um den Wahlkampf der SPD und der KPD zu behindern. Demonstrationen waren verboten, Zeitungen beschlagnahmt, Büros besetzt, Druckmaschinen konfisziert worden.

Das Tempo, mit dem die Nationalsozialisten ihr Terrorregime errichteten, war ohne Beispiel. Die politischen Gegner spürten es zuerst. Doch auch Deutschlands Juden waren längst im Visier. Und sie würden sich binnen Wochen die Frage stellen müssen: bleiben oder gehen? Nicht ahnend, dass es eine Entscheidung über Leben und Tod sein würde.

Eine Woche vor der Parlamentswahl hatte der Reichstag in Flammen gestanden, als Brandstifter war ein junger Kommunist verhaftet worden. Goebbels vermerkte in den Tagen danach: „Nun ist der entscheidende Augenblick gekommen. Die Verhaftungen sind reibungslos verlaufen. Die ganze kommunistische und sozialdemokratische Presse ist bereits verboten.“

Der 13-jährige Werner Mork aus Kronach war bei der SPD-Jugendorganisation „Rote Falken“. Er erlebte, wie ihre Zentrale von einem Tag auf den anderen besetzt wurde und die Hitlerjugend einzog: „Wir waren plötzlich illegal.“ Er sah, wie „die Großen“ aus der SPD, aus ihren Wohnungen geholt und verhaftet wurden: „Wo diese Männer hinkamen, das wußte keiner so genau.“

Wie es in den Folterkellern der SA zuging, das musste der 17-jährige Paul Tollmann aus Berlin-Schöneberg im April 1933 erleben. Er hatte antifaschistische Flugblätter auf dem Dachboden seines Elternhauses versteckt. SA-Männer fanden das Material und verschleppten den Jugendlichen, seinen Vater und Bruder in das NSDAP-Haus „Rote Villa“ in die Albertstraße Ecke Feurigstraße. Sie wurden verhört und misshandelt. Ein paar Tage später wurde Tollmann in das SA-Gefängnis in der General-Pape-Straße verlegt. Mit 35 anderen pferchten sie ihn in einen der vielen Kellerräume. Tollmann kam nach fünf Tagen wieder frei, ebenso sein Vater und sein Bruder. So konnte er berichten, was er in der Pape-Straße erlebt hatte: „Ich habe in meinem Keller gesehen, wie ein jüdischer Arzt auf einem Feldbett, das in einem Vorraum stand, gestorben ist. Bei den Verhören hatte man ihn immer wieder verprügelt. Genauso erging es auch einem jüdischen Rechtsanwalt, der nicht mehr hoch kam und vor meinen Augen auf der Erde verblutete.“

Bereits in den Wochen nach der Machtübernahme flohen zwischen 30 000 und 40 000 politische Gegner, Künstler und Schriftsteller. Unter ihnen waren Bertolt Brecht, Alfred Döblin, Kurt Tucholsky, Theodor Adorno und Hannah Arendt. Doch nach den Wahlen vom 5. März, aufgestachelt durch die jahrelang eingetrichterte antisemitische Propaganda, konzentrierte sich die SA nicht mehr nur auf ihre politischen Gegner, sondern zunehmend auch auf die jüdische Bevölkerung.

Der Journalist Walter Gyssling erlebte vom 9. zum 10. März eine „Nacht des Grauens“. Am Abend hatten sich SA-Anhänger vor der Münchener Feldherrnhalle versammelt. Sie zogen in Trupps durch die Stadt und überfielen Juden in ihren Wohnungen. Walter Gyssling berichtete von misshandelten Frauen, von Scheinexekutionen und Entführungen. Sein schlimmstes Erlebnis hatte er dann am Morgen: „Vor meinen Augen, begeifert und bespien von hysterischen Bestien, treiben SA-Leute mit Peitschen am hellen Tag einen Mann vor sich her. Er trägt weder Schuhe noch Strümpfe, keinen Rock, keine Hose, nur ein Hemd und zerrissene Unterbekleidung. Um seinen Hals hängt ein Plakat mit der Inschrift ‚Ich der Jude Siegel werde mich nie mehr über Nationalsozialisten beschweren.’“ Gyssling wurde Zeuge der öffentlichen Demütigung des Anwalts Michael Siegel, der bei der Münchener Polizei die Zerstörung der Fenster des Geschäfts eines Mandanten melden wollte. Statt Hilfe zu bekommen, wurde er verprügelt und durch die Straßen getrieben. Einen Tag später stürmten SA-Leute in Breslau das Landgericht, zogen einen Staatsanwalt und einen Richter jüdischen Glaubens aus der laufenden Verhandlung.

Der SPD-Politiker Bernhard Kuhnt wird von SA-Leuten am 9. März 1933 in den Straßen von Chemnitz gedemütigt.
Der SPD-Politiker Bernhard Kuhnt wird von SA-Leuten am 9. März 1933 in den Straßen von Chemnitz gedemütigt.Foto: Cinetext/JudaicaSammlung Richter

Insgesamt lebten 525 000 Juden in Deutschland. Schon im Kaiserreich, aber erst vollständig mit der Weimarer Republik, konnten sie Berufe ergreifen wie jeder andere nichtjüdische Deutsche. Sie waren gleichberechtigt vor dem Gesetz. Sie vertrauten dem Staat und seinen Institutionen, der Justiz und der Polizei.

Der „Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ war mit 60 000 Mitgliedern die größte jüdische Organisation. Die „C.V.-Zeitung“, das Blatt des Vereins, erschien wöchentlich und war mit einer Auflage von 55 000 die bedeutendste von mehreren Dutzend jüdischen Zeitschriften, die es bis zu ihrem Verbot nach der Pogromnacht vom 9. November 1938 in Deutschland gab.

Die „C.V.-Zeitung“ vertrat noch am 16. März in einem Artikel unter der Zeile „Für Ruhe und Ordnung“ die Linie, dass die Ausschreitungen nur die „bedauerlichen Konsequenzen der nationalen Revolution“ seien. Es war einfach unvorstellbar, dass der Staat nicht auch für die Sicherheit der deutschen Juden sorgen würde.

Im Ausland wurde der Beginn der Judenverfolgung genau beobachtet. „Deutsche Flüchtlinge berichten von Nazi-Gräueltaten“, schrieb die „New York Times“ am 20. März. Noch am selben Tag meldete Friedrich Wilhelm von Prittwitz und Gaffron, deutscher Botschafter in den USA, nach Berlin: Die Einstellung gegenüber Deutschland verschlechtere sich ständig, zahllose Protestveranstaltungen würden im ganzen Land veranstaltet.

Der „Völkische Beobachter“ bezeichnete die ausländische Berichterstattung nicht nur amerikanischer Zeitungen als „Greuelpropaganda“ und schrieb am 22. März: „Immer die Juden. Tägliche neue Hetze gegen Deutschland“, und forcierte deren Verdrängung aus Wirtschaft und Gesellschaft. Joseph Goebbels behauptete derweil in einem Interview mit dem britischen „Sunday Express“, die in Deutschland lebenden Juden könnten „völlig unbehelligt ihren Geschäften nachgehen“. Keinem würde auch nur ein Haar gekrümmt.

Einen Tag später, am 23. März, verabschiedete der Reichstag das Ermächtigungsgesetz. Ohne Debatten und ohne die Gegenzeichnung des Reichspräsidenten konnte Hitler nun als Reichskanzler Gesetze erlassen. Die SPD stimmte als einzige Partei dagegen. Die 81 Sitze, die eigentlich der KPD zustanden, waren bereits am 8. März annulliert worden.

SA-Trupps drangen am 25. März in Niederstetten in Baden-Württemberg in die von jüdischen Familien bewohnten Häuser ein. Sie verschleppten die Männer in das örtliche Rathaus und schlugen sie dort brutal zusammen. Die Polizei bewachte derweil den Rathauseingang. Das Gleiche geschah in Creglingen. An den Folgen der Misshandlung starben der 67-jährige Hermann Stern und der 55-jährige Arnold Rosenfeld.

Die Stadtverwaltung Frankfurt a.M. entließ am 28. März alle jüdischen Bediensteten. Die „Vossische Zeitung“ berichtete am selben Tag, dass SA-Leute im Gerichtsgebäude in Gleiwitz mehrere jüdische Rechtsanwälte misshandelt hatten. Joseph Goebbels schrieb in sein Tagebuch: „Ich telephoniere mit dem Führer. Der Boykottaufruf wird heute veröffentlicht. Panik unter den Juden.“

Bis zuletzt hatten führende Mitglieder jüdischer Organisationen versucht, einen Aufruf zum Boykott jüdischer Geschäfte aufzuhalten. Sie trafen sich mit Hermann Göring, um ihm zu versichern, dass sie nicht für die „Greuelpropaganda“ verantwortlich waren. Sie veröffentlichten Pressemitteilungen und wollten der Welt erklären, dass es zwar zu Exzessen gekommen sei, dies aber Einzelfälle waren.

Doch am 30. März kündigte der „Völkische Beobachter“ den Boykott-Tag für den 1. April an: „Nationalsozialisten! Sonnabend, Schlag 10 Uhr, wird das Judentum wissen, wem es den Kampf angesagt hat.“ Der „C.V.-Zeitung“ blieb nichts anderes übrig, als ihre jüdische Leserschaft vorzubereiten: „Mit Würde und mit Mut werden wir die mitleidslose Maßnahme Deutscher gegen Deutsche auf eigener Heimaterde zu ertragen wissen.“

Die Szenen, die sich am Samstag, den 1. April 1933, im ganzen Land abspielten, waren für viele deutsche Juden ein Schock. „Schlag 10 Uhr bezogen uniformierte Nazis Stellung vor jedem jüdischen Geschäft, Kaufhaus, Café und anderen Unternehmen. In den kleinen Geschäften stand meist der Nazi-Posten – oft einen Revolver tragend – mit gespreizten Beinen im Türeingang“, beschrieb die englische „Times“ die Vorgänge.

Robert Weltsch, der Chefredakteur der „Jüdischen Rundschau“, beschrieb seine Eindrücke von diesem Tag so: „Viele Juden hatten am Sonnabend ein schweres Erlebnis. … Von Haus zu Haus gingen die Trupps, beklebten Geschäfte und Schilder, bemalten Fensterscheiben, 24 Stunden lang waren die deutschen Juden gewissermaßen an den Pranger gestellt.“ Weltsch rief in seinem Artikel dazu auf, sich der Kennzeichnung als Jude mit einem gelben Fleck oder einem roten Zettel nicht zu schämen: „Juden, nehmt ihn auf den Davidsschild und tragt ihn in Ehren.“

Am 4. April schloss der deutsche Boxer-Verband alle jüdischen Boxer aus. Am selben Tag beurlaubte der kommissarische Stadtschulrat von Berlin alle jüdischen Lehrer. Der 32-jährige Heinrich Marx, der in Berlin als Journalist sein Geld verdiente und Jura studierte, reflektiert angesichts der „deprimierenden Boykotterfahrungen“ vom Samstag die immer drängendere Frage nach dem Bleiben oder Gehen in diesem neuen Deutschland. In seinem Tagebuch schrieb er am 5. April 1933: „Abwarten. Ich selbst vertrat von Anfang an den Standpunkt, hier in Berlin auszuhalten. Ich weiß, was dagegen spricht, ich sehe auch ein, daß es für ihres Leben Unsichere falsches Märtyrertum wäre, hier zu bleiben. Aber man soll eins bedenken: ein Weggehen hat nur Sinn, wenn man imstande ist, alle Brücken hinter sich abzubrechen, wenn man die begründete Aussicht hat, sich im Ausland eine neue Existenz zu schaffen, ohne irgendwie darauf angewiesen zu sein, je wieder in dieses Land mit diesem Regime zurück zu müssen.“

Während die deutschen Juden die Ereignisse der letzten Tage noch verarbeiten mussten, kam schon der nächste Schlag. Am 7. April wurde das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums eingeführt. Jüdische Beamte waren sofort in den Ruhestand zu versetzen. Einzige Ausnahme waren auf Intervention Hindenburgs Juden, die im Ersten Weltkrieg gekämpft hatten.

Damit war der erste „Arierparagraph“, die gesetzliche Unterscheidung zwischen Nichtjuden und Juden, etabliert und die seit 1871 bestehende Gleichberechtigung der Juden in Deutschland beendet. In vielen Berufszweigen, Vereinen und anderen Organisationen wurde der „Arierparagraph“ ohne direkte Anweisung einfach übernommen. Von einem Tag auf den anderen waren tausende Juden arbeitslos, konnten ihr Studium nicht mehr beenden, Anwälte und Richter durften nicht mehr im Gericht arbeiten.

37 000 Juden verließen in diesen ersten Wochen das Land. Bis zum endgültigen Ausreiseverbot von 1941 schafften es mehr als die Hälfte der 525 000 in Deutschland lebenden Juden, zu emigrieren. Am höchsten war die Emigrationswelle nach der Pogromnacht vom 9. November 1938.

Der 31-jährige Fritz Rosenfeld aus Stuttgart wählte nicht die Flucht ins Ausland, sondern den Freitod. Der gelernte Kaufmann war begeisterter Sportleiter des Turnerbundes Bad Cannstatt. Auf seinem Schreibtisch fand sich eine angestrichene Pressenotiz über die Einführung des „Arierparagraphen“ im Deutschen Turnerverband, daneben lag sein Abschiedsbrief, den die Jüdische Rundschau am 25. April veröffentlichte: „Hierdurch ein letztes Lebewohl! Ein deutscher Jude konnte es nicht über sich bringen … als Vaterlandsverräter betrachtet zu werden! Ich gehe ohne Haß und Groll. Ein inniger Wunsch beseelt mich – möge in Bälde die Vernunft Einkehr halten. Wie es in uns deutschen Juden aussieht, mögt ihr aus meinem Schritt sehen. Trauert nicht, sondern versucht aufzuklären und der Wahrheit zum Sieg zu verhelfen.“

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