Kultur : Alte Leier

Matthias Loibner spielt die „Winterreise“ anders

Paul Bräuer

Tauwetter hin oder her – es ist tiefer Winter, gräulich droht das Wintertief. Die beste Art, damit fertig zu werden, ist seit knapp 200 Jahren Franz Schuberts „Winterreise“. Die bosnische Sopranistin Nataša Mirkovic-De Ro und Matthias Loibner aus Österreich haben nun allerdings eine Fassung erarbeitet, die nichts mit düsterer Herrenromantik zu tun hat. Unter der hohen Stimme erklingt statt des Flügels eine Drehleier. Ja genau, dieser mittelalterlich dröhnende Handleierkasten.

Der Zeit der Barden und Ritter hängt Matthias Loibner nicht nach. Die Begründung für das Projekt liefert das letzte Stück des Liederzyklus, „Der Leiermann“, in dem die Bordun-Klänge kompositorisch schon angelegt sind. Die anderen 23 Lieder muss Loibner ein wenig reduzieren. Nichts für Puristen. Loibner interessiert die Klangvielfalt der Drehleier, bei der mittels einer Kurbel ein Rad im Inneren des Instruments bewegt wird, das wiederum die Saiten an der Vorderseite anschleift. Die Saiten können ebenso gezupft oder mittels eines „Schnarrstegs“ gespielt werden. Dynamisch ist das Instrument limitiert. „Es ist nicht möglich, damit besonders leise zu spielen“, sagt Loibner. Fast völlig vergessen wurde das Instrument in der Folkwelle der sechziger Jahre wiederentdeckt. „Heute gibt es so viele Exemplare wie nie zuvor“, weiß Loibner.

Der Wechsel zur Drehleier war für den 41-jährigen Pianisten eine Befreiung vom Eklektizismus aktueller Kunstmusik. „Ich bin in dem Sinne gar kein Musiker. Ich türme keine Klanggebilde auf, sondern beobachte Menschen und ihre Regungen und verarbeite sie in einem einzelnen Ton.“ Mit Volksmusik-Improvisationen wird er inzwischen nach Afrika, Australien, Japan eingeladen. Als Eigenbrötler möchte Loibner nicht dastehen, eher wie jemand, der sich vom üblichen Betrieb losgesagt hat und nur noch seinen inneren Regungen folgt. „Ich habe ein riesiges Plattenregal. Aber das habe ich bei meinem letzten Umzug zugeklebt und nicht wieder geöffnet. Seitdem spiele und höre ich nur noch Musik von Menschen, die ich kenne und mag.“

Die Winterreise, die Loibner am Sonntag im Radialsystem mit seiner Drehleier spielen wird, ist da nur auf den ersten Blick eine Ausnahme. In Franz Schubert, dem Wiener Melancholiker und Enthusiasten, hat Matthias Loibner, gebürtiger Grazer, einen Geistesverwandten erkannt. Je kälter der Winter, desto größer die Sehnsucht. Paul Bräuer

„Winterreise für Stimme und Drehleier“ mit Matthias Loibner und Nataša Mirkovic-De Ro, Radialsystem, So (9.1.), 20 Uhr

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