Kultur : Altöl ist cooler als Erde

Dröhnung in 3-D: Der Maler Martin Eder und sein experimentelles Musikalbum „1/2 Skull“ – ein Treffen in Mitte

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Querköpfe. Künstler und Musiker Martin Eder (rechts) und sein Grafik-Mitstreiter Stefan Guzy. Foto: Thilo Rückeis
Querköpfe. Künstler und Musiker Martin Eder (rechts) und sein Grafik-Mitstreiter Stefan Guzy. Foto: Thilo Rückeis

Fleischer Domke denkt sich normalerweise nichts, wenn Kunden Schweineblut in der Tüte bestellen. Domkes Laden in der Warschauer Straße ist schon länger ein Hotspot für Hipster und Touristen, aber es kommt auch noch die ältere Klientel, die eine schöne dicke Blutsuppe zu schätzen weiß. Diese jungen Männer waren jetzt aber schon zum dritten Mal da, und diesmal wollten sie nicht einen Liter Blut, sondern zehn. Deshalb beugte Fleischer Domke seinen breiten Rücken über die Theke, blickte den Männern tief in die Augen und fragte: „Mal ganz ehrlich, Jungs: Was zum Geier habt ihr vor?“

„Die Technik des Siebdruck auf ihre Möglichkeiten befragen“, wäre die Antwort gewesen, wäre Herr Domke nicht Fleischer, sondern Kunstkritiker. Domkes suspekte Kunden waren Stefan Guzy und Björn Wiede vom Grafikbüro Zwölf. Sie haben schon für José Gonzalez Tourplakate mit rostender Farbe bedruckt und für die Berliner Band Elyjah CD-Booklets mit Schrot beschossen. Nun strichen sie Domkes Schweineblut auf Siebdruckplatten und pressten es auf 2000 quadratische Karten. Die liegen dem neuen Album des Projekts Ruin bei, zusammen mit elf anderen Riechproben, darunter Ruß, Seife, Metall und Knochenmehl.

Ruin ist die Band von Richard Ruin, und Richard Ruin ist das Synonym des Malers Martin Eder. In Eders Atelier in der Brunnenstraße herrscht aufgeräumte Leere, die meisten neuen Arbeiten seien gerade auf Messen in Basel und Mexiko. Ein üppiges Blumenstillleben auf großer Leinwand lehnt halbfertig an der Wand. Eder wurde um 2000 mit Ölbildern von Kätzchen bekannt, von Pudeln und Frauenakten, feuchte Albträume bürgerlicher Spießigkeit, ins Groteske gekippt. „Es muss immer ganz schrecklich sein“, erklärt Eder. „Ich mache eigentlich Hartz-IV-Kunst.“

Eders fallen die Haare lockig ins Gesicht. Sein Atelier atmet die rustikale Atmosphäre eines Herrenzimmers, auf dem Himmelbett ist die Wäsche aufgeworfen. In der Mitte – eine Szene wie ein Tatort – ein Lederlappen über einem Frauentorso aus Eichenholz: Eders neuestes Projekt, es kommen noch Glocken dran, Schmerztabletten und blutrote Topflappen. „Das wird eine Art Möbel-Hoeffner-Bondage“, sagt Eder. „Häkeln ist ja auch eine Form von unterdrückter Sexualität.“ Martin Eder treibt sein schmutziges Skalpell in eine visuelle Kultur, die das Nackte so sehr zur Ware gemacht hat, dass sie schon wieder richtig prüde geworden ist. Galerist Gerd Harry Lybke verkauft Eders Gemälde für bis zu 120 000 Euro, das reicht, um sich manchen Jungstraum zu finanzieren, wie ein Atelier mit angeschlossenem Tonstudio für ökonomisch unvernünftige Musikproduktionen.

„Jetzt nervt er auch noch mit Musik“, hätten manche gesagt, erzählt Eder, als er 2003 die Band Ruin gründete. Dabei hielt der Sohn von Tanzmusikanten die Gitarre viel früher in den Händen als den Pinsel. Musik und Malerei sind für ihn zwei Seiten der selben Leinwand.

Künstler müssen ja nicht die besseren Musiker sein, oft geht ihnen eine gesunde Naivität ab. Eine Lösung ist die Pose. Als Richard Ruin gniedelte Eder Sechziger-Jahre-Rock im Stil von Scott Walker, „cheesy, mit Pathos und Geigen“. Vor drei Jahren hatte er aber genug von der klassischen Ordnung, der Sänger an der Rampe, im Rücken die Musiker, vor ihm versammelt die Kumpanen, „dieses Bündlerische, der homoerotische Touch“.

Richard Ruin räumte auf. Er begann bei sich selbst, strich den Gesang. Dann die Songstruktur. Dann das Komponieren. Das Album „1/2 Skull“ entstand wie eine Theaterinszenierung. „Ich hatte den Stoff im Kopf und suchte die Mittel, ihn umzusetzen.“ Es half das Solistenensemble Kaleidoskop. Eder ließ die Musiker immer wieder improvisieren, schnitt mit und erarbeitete in wochenlangen Proben und Collagieren den Ablauf. Im April 2010 wurde das Album in den Sophiensälen eingespielt, vor Publikum, mit Eder an der Gitarre. Das Ergebnis ist eine zähflüssige Ursuppe aus mahlenden Gitarren und tiefer gestimmtem Cello, suchenden Trommelläufen, fiependen Analogsynthies, schnalzenden Cellosaiten und chromatischen Geigenläufen wie von Anton Webern – ein Amalgam aus Ambient, Doom Metal und Neuer Musik.

Die Faszination für die transgressiven Klanglandschaften von Doom und Drone hat in den letzten Jahren Metal-Fans, intellektuelle Pophörer und Neue-Musik-Liebhaber in den Sälen von Volksbühne und Berghain vereint, bei Konzerten von Bands wie Earth oder Sun O))). Auch Ruin spielten letzten Oktober im Berghain. Das Schwelgen in Apokalyptik trifft dieser Tage einen Nerv.

Eder geht in der Musik vor wie in seinen Bildern: Voll auf die Zwölf. Er spielt das theatrale Potenzial von Black Metal aus, ohne Metal zu machen und ohne in die Parodie zu kippen. „1/2 Skull“ bannt den Hörer wie ein Film. Die Stücke heißen „Satan Comes, Satan Leaves“, „Grave“ oder „Gekämmtes Haar, Appolonia“. In letzterem spricht Pianist Roderick Miller Texte des Philosophen Georges Bataille über Tod und Eros. Die Laufzeit von einer Stunde und die verschrobenen Spiellängenangaben spielen mit Zahlenmystik und Surrealismus.

Der künstlerisch spannendste Einfall kommt allerdings von Leuten, die sich gar nicht als Künstler sehen wollen. Das Artwork von Stefan Guzy und Björn Wiede komplettiert das Werk zum synästhetischen Gesamterlebnis: Unter den Kopfhörern sitzend, greift die Hörerin mit jedem Stück eine neue Riechkarte aus der Pappschachtel und zieht geschlossenen Auges den Duft von Asche ein, von Fett und Aspirin. Die Sinneserfahrungen beklemmen, berauschen und stören die Orientierung. Manchmal ist der Geruch nur schwach, aber Konzept heißt in der Kunst ja immer auch: Die Idee zählt. Die Karten gleichen den Farbproben einer Druckerei, was ihnen eine nüchterne Erdung verleiht.

Wochenlang probierten Guzy und Wiede in ihrer Siebdruckwerkstatt Materialien aus. Honig: verklebt Siebe und Drucke. Erde: Altöl ist cooler. Rotwein: Es ist doch eher ein Wodka-Album. Sie sammelten in Clubs Zigarettenasche, suchten einen Sponsor für die Tabletten. Das Altöl brauchte drei Tage, um zu trocknen, was die Produktion des Covers in die Länge zog, auf dem alle zwölf Schichten übereinander gedruckt sind. Über die Wochen schwand in der exotischen Duftküche die Geduld der Bürokollegen: „Werdet endlich fertig mit Eurem Scheißprojekt!“

Kürzlich wurde „1/2 Skull“ bei einem Konzert in der Volksbühne veröffentlicht und gleich der Nachfolger eingespielt. „Above A Blinding Sun (.i. N.)“ soll Ende des Jahres erscheinen. „Es wird ein akustischer Albtraum“, verspricht Eder, der Mann, der nur in Extremen spricht.

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