Kultur : Am Grund der Oberfläche

Siegfried Kracauer beobachtete den Alltag der Weimarer Republik. Seine Feuilletons liegen jetzt gesammelt vor

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Die Trennung war schäbig. Am 25. August 1933 teilte die „Frankfurter Societäts-Druckerei“ dem „Sehr geehrten Herrn Dr. Kracauer“ mit, man sei „genötigt, die Beziehungen zu Ihnen abzubrechen“. Als Vorwand diente Kracauers Mitarbeit bei einer Pariser Emigrantenzeitschrift, die dezidiert gegen das Nazi-Regime Stellung bezog. So endete Kracauers Zeit als Redakteur bei der „Frankfurter Zeitung“, dem intellektuell herausragenden Blatt der Weimarer Republik.

Diese beinahe auf den Tag genau zwölf Jahre sahen eine staunenswerte Produktivität des Feuilleton-Redakteurs und – ab 1930 – Berliner Kulturkorrespondenten. Wer von den großen Zeiten des Feuilletons in den zwanziger Jahren schwärmt, nennt unweigerlich den Namen Siegfried Kracauers (1889-1966). Wiewohl er seine Zeitungstätigkeit mit Lokalreportagen begann, war er, von Haus aus promovierter Architekt, an allem Gesellschaftlichen interessiert, das sich ihm am prägnantesten in den Erscheinungen des Alltags zeigte. Darüber schrieb Kracauer Miniaturen, Denkbilder, Feuilletons.

Diese Beobachtungssplitter einer verwirrenden Alltagswirklichkeit haben unser Bild von der Atmosphäre der Weimarer Republik erheblich mitgeprägt. Und sei es nur durch den Titel der Aufsatzsammlung von 1963, die Kracauer noch selbst zusammenstellen konnte: „Das Ornament der Masse“, mit dem Titel eines programmatischen Aufsatzes, den Kracauer 1927 in die „FZ“ brachte. Zusammen mit dem Anfang 1930 erstveröffentlichten Buch „Die Angestellten. Aus dem neuesten Deutschland“, dessen Kapitel zuvor in der Zeitung erschienen, entstand für die Leser der bundesdeutschen Nachkriegszeit ein Grundgerüst an Vorstellungen über das Aussehen der Weimarer Republik und ihrer Hauptstadt Berlin.

Den „Ornament“-Aufsatz leitet Kracauer mit Sätzen ein, die seine gesamte feuilletonistische Arbeit kennzeichnen: „Der Ort, den eine Epoche im Geschichtsprozess einnimmt, ist aus der Analyse ihrer unscheinbaren Oberflächenerscheinungen schlagender zu bestimmen als aus den Urteilen der Epoche über sich selbst.“ Die Oberflächenphänomene gewährten „ihrer Unbewusstheit wegen einen unmittelbaren Zugang zu dem Bestehenden. An seine Erkenntnis ist umgekehrt ihre Deutung geknüpft“.

Und doch hat es Jahrzehnte gedauert, bis die enorme Zeitungsarbeit Kracauers jetzt endlich zugänglich wurde – im Großen und Ganzen jedenfalls, denn selbst die auf vier Einzelbände verteilte Sammlung der „Essays, Feuilletons, Rezensionen“ aus den gesamten Schaffensjahren von 1906 bis 1965, die soeben zusammen als Band 5 der „Werke“ erschienen sind, vermag bei Weitem nicht alle Texte zu vereinen. Die Forschung hat über 2000 Zeitungsartikel und sonstige Aufsätze Kracauers ermitteln können. Daraus hat die Herausgeberin Inka Mülder-Bach – eine ausgewiesene Kracauer-Kennerin – immerhin 775 ausgewählt. „Ob sie ihre alte Schlagkraft bewahren, wenn sie in geschlossener Phalanx aufmarschieren“ – wie Kracauer selbst einmal in der Besprechung einer Anthologie zweifelt –, ist eine Frage, bei deren Beantwortung viel vom Kenntnisstand des Lesers über die vermeintlich „Goldenen Zwanziger“ abhängt.

Kracauer entstammt einer kleinbürgerlichen jüdischen Familie mit starkem Bildungsdrang. Die Unsicherheit der eigenen materiellen Verhältnisse und des sozialen Ranges, die Kracauer zeitlebens begleitete, hat ihn besonders empfänglich gemacht für die Symptomatik des neuen Mittelstandes der Angestellten, die er so genau zu beobachten wusste. Deutlich wie selten wurde er 1931 in seiner umfangreichen Auseinandersetzung mit dem völkischen „Tat“-Kreis. „Es sind die depossedierten Mittelschichten, die rebellieren“, konstatiert er: „Die Mittelschichten sind heute zum großen Teil ökonomisch proletarisiert und in ideeller Hinsicht heimatlos.“ Dass diese Heimatlosigkeit geradewegs in die Nazi-Ideologie führte, wollte Kracauer allerdings, so lange es ging, nicht wahrhaben.

Die zunehmende Radikalisierung begleitet Kracauer mehr als Flaneur. Immer wieder ist ihm um die Ruhe der bevorzugten Kurfürstendamm-Gegend bange. „Die Straßen sind nicht mehr wie noch vor wenigen Monaten stumme unbeteiligte Zeugen politischer Manifestationen, sondern strömen selber ein starkes Unbehagen aus“, schreibt er im Winter 1930. Im heißen Juli hatte er eher folkloristisch bemerkt: „Ein nationalsozialistischer Trupp glaubte sich von den Gästen im Café verhöhnt, stieg über die Brüstung und begann zu toben. Zuletzt rückte die Schupo an, die den Frieden herstellte.“ Und wenn sein Feuilleton zu einer Nazi-Aktion gegen jüdische Geschäfte lediglich mitteilt, „Die Steinwürfe scheinen sich nach der Religion gerichtet zu haben, denn in der Hauptsache sind jüdische Namen getroffen“, dann verhält sich der Flaneur schlichtweg ignorant.

Nüchtern beschreibend bleiben die Beiträge, die der gelernte Architekt Kracauer über Architektur und Gestaltung geschrieben hat. Zur Stuttgarter Weißenhofsiedlung, der bahnbrechenden Ausstellung des Deutschen Werkbundes, verhält sich Kracauer reserviert: „Nicht das Menschliche wird in den neuen Wohnungen unmittelbar freigesetzt, sondern eher der Mensch des heute geltenden Wirtschaftssystems, der asketisch sein muss, wenn er ehrlich sein will“, schreibt er im Sommer 1927. Vier Jahre später, anlässlich der „Deutschen Bauausstellung“ in Berlin, lässt sich Kracauer über Stahlrohrmöbel aus: „Wahrscheinlich halten sie bald ihren Einzug in Drei- und Vierzimmerwohnungen, die dann ein Stahlbad sein werden wie einst der Krieg.“ Das ist so dahingeschrieben; aber es ist eben auch Ressentiment.

Oder nur Verstellung? Privat war Kracauer pessimistisch. „Ich erkenne nur ein allgemeines Schlamassel und beinahe wäre mir am liebsten, es könnte noch so fortgewurstelt werden“, schrieb „Krac“, wie er zeitungsintern gerufen wurde, seinem lebenslangen Freund Adorno im August 1930. Nachzulesen im Briefwechsel Adorno/Kracauer, der seit 2008 bei Suhrkamp vorliegt (771 S., 32 €), und der die Sorgen und Nöte spiegelt, über die hinweg die Brotarbeit entstand; aber auch die geistigen Freiräume, in die Kracauer vor der schlechten Wirklichkeit entwich.

So publiziert er einen hübschen Artikel über die Jungfernfahrt des „Fliegenden Hamburgers“ mit der klitzekleinen Anspielung auf „Zeiten, in denen uns zu lachen erlaubt ist“. Hochinteressant, dass Kracauer Anfang der dreißiger Jahre auffallend viele Rezensionen russischer Bücher veröffentlicht, so die noch Tage nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler erschienene Besprechung von Trotzkis „Oktoberrevolution“, in der er Parallelen zum Nationalsozialismus zieht. Nur Tage später musste Kracauer nach dem Reichstagsbrand, per Telegramm gewarnt, aus Berlin fliehen – nach Paris, mit einem Mal nicht mehr das Sehnsuchtsziel seiner früheren Jahre, sondern Ort bitterster Not. Im Pariser Exil bricht Kracauers journalistische Tätigkeit bis auf gelegentliche Ausnahmen ab, stattdessen häufen sich ungedruckte Typoskripte.

Knapp 3000 Seiten Kracauer’scher Tagestexte liegen nun vor, mehr als das Doppelte der vorangehenden Ausgabe von 1990 in der Gesamtausgabe der „Schriften“, die unvollendet abgebrochen wurde. Neben dem vorzüglichen Namensregister hätte der Nutzbarkeit der vier Bände von „Werke 5“ eine Art Themenregister gut getan, um die 775 Stücke zu ordnen und in Beziehung setzen zu können. Gleiches gilt, bei einem so reisefreudigen Redakteur, für ein Ortsregister. Dass beispielsweise der Text „Lichtreklame“ auf Paris gemünzt ist und in den Verlockungen des Montmartre – wo „die Amerikaner billige Sensationen teuer bezahlen“ – gipfelt, verrät kein Hinweis.

Wenngleich Kracauer nicht das gleiche Ausmaß an kultischer Verehrung erlangt hat wie etwa Walter Benjamin, der in seiner „Einbahnstraße“ gleichfalls den Berliner Alltag reflektiert, so ist doch seine Stellung als der soziologisch geschulteste Beobachter seiner Zeit unangefochten. Die Werkausgabe bestätigt diesen Rang. In seinen Berliner Jahren gelingen Kracauer, geschärft durch die zum Zerreißen gespannte Atmosphäre der Reichshauptstadt, die besten Stücke in Beobachtung und Analyse. Zugleich macht die Werkausgabe in ihrer überbordenden Fülle und dem schwindlig machenden Wechsel der Themen die Grenzen feuilletonistischer Tagesarbeit deutlich.

Auch eine derart sorgfältige Kommentierung, wie sie die Herausgeberin mit ihren vier Mitarbeiterinnen leistet, reicht nicht aus, die Zeitungsbeiträge in den vollen Rang von Zeitdokumenten zu erheben. Etwa „Zum Ende des Sklarek-Prozesses“ vom 1. Juli 1932. Die für sich genommen geringfügige, politisch jedoch enorme Bedeutung dieses Gerichtsverfahrens um Bestechung in Berliner Amtsstuben scheint in Kracauers Urteil auf, „eine maßlose Hetze“ habe sich „auf diesen Prozess wie auf eine willkommene Beute gestürzt“ und ihn „über jedes zulässige Maß hinaus zu Propagandazwecken verwertet“. Das gilt für NSDAP wie auch KPD, die gemeinsam das Ansehen der Republik und ihrer Repräsentanten ruinierten.

Die Entschlüsselung von Oberflächenphänomenen – betrachtet aus dem Abstand von nunmehr acht Jahrzehnten – gelingt eben nur da, wo der Leser zugleich ein Mitwisser ist. Wo er es nicht ist, bleiben ihm die von Kracauer selbst zusammengestellten Aufsatzbände, die „Angestellten“ und die „Straßen in Berlin und anderswo“. Sie bilden das Kondensat, das den Rang des Autors bestimmt.

Siegfried Kracauer: Werke Band 5. Essays, Feuilletons, Rezensionen 1906-1965. Hrsg. v. Inka Mülder-Bach. Suhrkamp Verlag, Berlin 2011. Vier Teilbände, 740/718/752/762 Seiten, kart., 112 Euro

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