Kultur : Am Lachen sollst du sie erkennen

Zeichnen, collagieren, frickeln: Wie mit zwei Berlinern die alte Kunst der Illustration wiederkehrt und sich ein Festival gönnt

Kolja Reichert

Olaf Hajek und Martin Haake mögen es handgemacht. Das Klingelschild zu ihrem Atelier ist mit einem Klebestreifen überklebt, auf dem in krakeligen Großbuchstaben steht: „HAAKE HAJEK“. Drückt man drauf, öffnet sich neben dem Hauseingang eine Tür, und ein gut gelaunter Mittvierziger winkt heraus: „Hier sind wir.“ Passanten blicken durch eine Glasfront direkt auf Olaf Hajeks Schreibtisch. Der arbeitet gerade an einer Illustration für die „Park Avenue“. Gleich wird das Schweizer Magazin „Cash“ anrufen, Hajek wird den Auftrag ablehnen, schweren Herzens. Portugal wartet. „Eigentlich kann ich gar nicht in den Urlaub fahren“, scherzt er. Das Arbeitsleben eines Illustrators ist schwer planbar, vor allem, wenn die Kunden über den ganzen Globus verteilt sind.

Hajek und Haake sind zwei von zwanzig Illustratoren, die ab kommenden Freitag auf der Illustrative ihre Arbeiten zeigen werden, der ersten umfassenden Ausstellung für zeitgenössische Illustration in Deutschland. Mit dem Aufkommen der Fotografie hatte die Illustrationskunst, die seit dem Mittelalter der Bebilderung von Texten dient, an Bedeutung verloren. Dafür konnte sie sich, ihrer Anwendung beraubt, frei entfalten und neue Ausdrucksformen finden. Unter Illustratoren finden sich heute die verschiedensten Stilisten und Techniker, die Einflüsse reichen von Graffitikunst bis zu kirchlicher Glasmalerei. Pascal Johanssen, Kurator der Illustrative, ist sich sicher: „Da steckt ein enormes Potenzial, das noch nicht vom Kunstmarkt entdeckt worden ist.“

Das amerikanische Magazin „Wallpaper“ hat vor acht Jahren der Illustration ein Comeback beschert. Magazine und Werbung entdecken den Charme des Analogen, Handgemachten, nicht Reproduzierbaren. Gute Illustrationen strahlen eine Authentizität aus, die kein noch so realistisches Foto erreichen kann. „Es gibt einen Hunger nach Bildern“, glaubt Olaf Hajek und meint damit Bilder, die Neues schaffen statt nur abzubilden, Bilder mit einem starken subjektiven Blick, die die Auffassungsgabe des Betrachters herausfordern. Avantgarde-Magazine wie „Quest“ und „Form“ setzen seit einigen Jahren verstärkt auf Illustrationen, und neue Gesellschaftsmagazine wie „Cicero“ und „Park Avenue“ ziehen nach. Doch im Vergleich zu Amerika oder Großbritannien werden die Ausdrucksmöglichkeiten, die die Illustration bietet, in Deutschland immer noch wenig genutzt. Die meisten Art-Direktoren setzen weiterhin auf Fotografie. Grund: der deutsche Sicherheitstick. „Die Leute haben eine unheimliche Angst vor etwas Künstlerischem“, glaubt Hajek. „Ein Foto zeigt, was es ist, eine Illustration hat eine zweite Ebene.“

In Amerika ist Olaf Hajek ein Star. Er illustriert regelmäßig für den „New Yorker“, die Hochburg des Zeichnergenres schlechthin, hat Künstler porträtiert und Theaterplakate gestaltet. „Sie sagen dort ‚Artist‘ zu mir, ich muss mich auf Partys zeigen, und meine Agentin schickt mich rum.“ Hajek hat es durch Frechheit nach oben geschafft: Von Anfang an schickte er seine Arbeiten nur an die Besten der Branche. Seine Karriere begann vor dreizehn Jahren beim SZ-Magazin, wo er schon als Neuling große Freiheiten genoss. „Ich hatte Glück“, sagt er. „Ich musste mich nie selbst vergewaltigen.“ Vor allem hatte Hajek die richtige Strategie: Nur, wer einen unverwechselbaren Stil pflegt, kann sich von der Masse der Auftragszeichner abheben. In Deutschland gilt der Illustrator noch immer als Dienstleister, und lange aufgebaute Kontakte zählen hier mehr als der Glamour-Faktor. Kaum jemand weiß, wer hinter den Arbeiten steckt. „Manche Leute waren schon überrascht, dass ich nicht aussehe wie meine Bilder“, erzählt Kompagnon Martin Haake.

Hajek und Haake haben sich vor sechs Jahren in London kennengelernt. Hajek kannte und schätzte die Arbeiten von Martin Haake und wollte ihn treffen. Dem ging es ebenso. Seitdem arbeiten sie gemeinsam, geeint durch ihre Liebe zu afrikanischer Kunst und American Folk Art. Beide kombinieren in ihren Bildern den naiven Blick folkloristischer Darstellungen mit dem wissenden Augenzwinkern des popkulturgeschulten Ironikers. Ihre Arbeitsweisen sind allerdings verschieden. Haake fügt in seinen Collagen Zeitungsausschnitte, Zeichnungen und Malerei zusammen, seine Arbeiten entstehen hauptsächlich am Computer. An Hajeks Arbeitsplatz finden sich dagegen nur Farben, Pinsel und Schere. „Ich liebe das Haptische“, sagt er. „Ich will die Farben sehen und anfassen und daran kratzen können. Am Computer würde ich melancholisch werden.“ Er gehört zu den wenigen Illustratoren, die ausschließlich malen. Seine Bilder strahlen einen verspielten Antirealismus aus, der zwischen der glatten Hochglanzoptik des Design-Mainstreams erholsam wirkt. In seiner Serie „Folklore“, die für die Illustrative entstanden ist, konnte er seine Leidenschaft für Folk Art ungebremst ausleben.

Auch Haake gibt nichts auf Realismus: „Ich habe das Ziel, dass meine Sachen irgendwie daneben sind.“ Seine Arbeiten haben den Charme von Kinderzeichnungen, und aus dem kindlich-unverschämten Blick entsteht auch ihre Komik. „Hi Paul, ich habe einen anderen. Mach’s gut!“ tippen Frauenfinger auf einer Illustration für den „Focus“ ins Handy. Man sieht den Figuren kaum Regungen an. Die Arbeit „6 Expressions of Surprise“ zeigt sechs Gesichter, die ausdruckslos sind. Der Künstler erklärt die Abwesenheit von Emotionen trocken: „Ich mag nicht, wenn Leute lachen.“ Und deutet ein Schmunzeln an.

Trotz Termingeschäften und Deadline- Druck wirken die beiden sehr ausgeruht. Ihr Atelier liegt in einer ruhigen Seitenstraße im Scheunenviertel. Der Boden ist aus grauem Estrich, die Wände sind kahl. In einer Ecke hängt ein Putzplan, darunter sammeln sich Pfandflaschen. „Schreib, dass das Olafs Flaschen sind“, sagt Haake. „Stimmt“, lacht der, „Martin trinkt nur Kaffee.“

Gegenseitige Konkurrenz ist hier nur willkommen: „Der Neidfaktor ist schön“, sagt Haake. Hin und wieder arbeiten die beiden zusammen wie kürzlich für ein Hongkonger Luxushotel. Hajek gestaltet derzeit Briefmarken für die britische Post, in ironisiertem Kolonialstil. Undenkbar in Deutschland. „Die Engländer sind einfach toll“, schwärmt Haake, der auf der Insel mehr Preise gewinnt als zu Hause, „es gibt dort eine ganz andere Ästhetik.“ Dann muss er wieder ans Telefon.

Obwohl es für beide ständig bergauf geht in dem engen Markt, erzählt Hajek auch von Tagen, an denen er ängstlich auf Anrufe wartet. „Illustration ist wie Lottospielen“, sagt er, „es gibt keine Garantie, dass die Aufträge anhalten. Ich habe immer noch Panik.“ Und lächelt.

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