„An ihrer Seite“ : Was von der Liebe blieb

Sarah Polley ist mit ihrem Regiedebüt „An ihrer Seite“ nicht nur ein wunderbarer Film, sondern auch eine Seltenheit gelungen: Sie hat Julie Christie, die Lara aus "Doktor Schiwago", seit Jahren wieder in einer Hauptrolle auf die Leinwand geholt.

Kerstin Decker
Julie Christie
Julie Christie in "An ihrer Seite": "Im Vergessen liegt manchmal etwas Zauberhaftes" -Foto: dpa

Zwei Skispuren im Schnee, dicht nebeneinander, sie und er, Fiona und Grant. Ein Paarlauf, und der dauert schon über vierzig Jahre. Eine faszinierende Strecke, wenn man jung ist wie die sensible Schauspielerin Sarah Polley, die mit Filmen wie „Das süße Jenseits“ oder „Mein Leben ohne mich“ bekannt geworden ist. In ihrem Regie-Erstling hat sie den Lebensabend eines Paares verfilmt.

Lebensabend, eigentlich ein schönes Wort. Nur wird es eben immer dunkler, alles verliert sein Licht. Sogar die Skispuren. Ein wenig poesiegefährdet ist das Thema, dabei ist das Altwerden eine durch und durch prosaische Angelegenheit. Fiona klebt seit kurzem Zettel an ihre Küchenschränke. Damit sie weiß, was da drin ist. Im Grunde versteht Fiona nicht, warum sich das Etikettieren von Schränken nicht allgemein durchgesetzt hat. Andererseits bemerkt sie genau, dass ihr Mann sie oft so elegisch ansieht, etwa wenn sie die Bratpfanne in den Kühlschrank stellt.

Fiona und Grant, das ist der Vorteil alter Paarläufer, verstehen sich fast ohne Worte. Und Julie Christie und Gordon Pinsent können das spielen. Und das Paar hat sich sogar noch etwas zu sagen. Nur was Fiona neuerdings sagt, gefällt Grant gar nicht: „Ich gehe ins Heim! Ich habe Alzheimer.“ Aber warum schon jetzt? Noch hat Fiona ihren Mann nicht überfordert. Noch stellt sie ihm nicht im Minutentakt die immerselben Fragen, weil sie die Antworten ebenso schnell vergisst. Im Gegenteil, die beiden führen die tiefgründigsten philosophischen Gespräche über ihren Zustand. Und fängt Philosophie nicht ohnehin dort an, wo das Alltägliche – die Sphäre der Pfannen und Schränke – endet?

Im Heim darf sie ihren Mann einen Monat lang nicht sehen, wegen der Eingewöhnung. Glatter Minuspunkt für das kanadische Gesundheitswesen. Und als Grant wiederkommt, erkennt sie ihn nicht mehr und hat sich in einen anderen verliebt. Nicht schlecht, die Liebe in den Zeiten von Alzheimer! Die Liebe als das, wofür das helle Bewusstsein sie schon immer hielt: eine akute Bewusstseinstrübung. Eine glatte Fehlleistung der Synapsen. Diese Frau soll also ihren Mann nicht erkennen, nach nur 30 Tagen und über 40 Jahren Ehe. Dabei wissen wir Alzheimerspezialisten doch genau, dass das Nichterkennen von Nächsten einen Endpunkt bezeichnet. Eigentlich hätte sie sich auch diesen Neuen gar nicht merken dürfen. „Iris“ mit Judi Dench in der Hauptrolle hatte sich vor Jahren dem gleichen Thema viel glaubhafter und spröder genähert. Da bleibt nur eins: vergessen.

Capitol, Cinema Paris, Cinemaxx Potsdamer Platz, Kulturbrauerei; OmU Babylon Kreuzberg, OV Cinestar Sony-Center

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