Analyse : Unsichtbare Feinde

Der Westen ist geprägt von postheroischen Gesellschaften. Und Kampfdrohnen sind die optimalen Waffen dafür.

Herfried Münkler
Zielsicher. Eine Drohne der U.S.-Navy bei einer Übung in der Karibik.
Zielsicher. Eine Drohne der U.S.-Navy bei einer Übung in der Karibik.Foto: REUTERS

Metaphysisch betrachtet sind Drohnen die für das 21. Jahrhundert typischen Waffen. Wie kein anderes System verkörpern sie die asymmetrische Kriegführung: Man kämpft nicht, sondern eliminiert einen Feind; man betritt nicht das Gefechtsfeld, um sich zum Kampf zu stellen, sondern „bewirtschaftet“ es aus einer Position tendenzieller Unverwundbarkeit. Dem attackierten Feind wird jede Chance der Gegenwehr genommen; der Tod ereilt ihn buchstäblich „aus heiterem Himmel“. So tendieren die Verluste derer, die über Drohnen verfügen, gegen null. Der Einsatz von Drohnen ist die Kriegführung postheroischer Gesellschaften.

Seit längerem haben Kriegstheoretiker eine schrittweise Verpolizeilichung des Krieges vorausgesagt. Die Kriege des 21. Jahrhunderts, so ihre Prognosen, seien nicht mehr die gewaltsame Entscheidung zwischen zwei gleichartigen Akteuren, sondern dienten der Aufrechterhaltung der Ordnung und der Durchsetzung der Normen, auf die sich die Weltgemeinschaft beziehungsweise die Großen in ihr verständigt hätten. In den Kriegen des 21. Jahrhunderts gehe es nicht darum, wer von zwei gleichartigen Kontrahenten der Stärkere und Mächtigere ist, sondern in ihnen sollten die Störer und Unruhestifter in einer Ordnung, die angelegt ist, ohne Krieg und Gewalt auszukommen, ausgeschaltet werden. In diesem Sinn sind Kampfdrohnen eliminatorische Waffen. Sie genügen nicht bloß den Anforderungen des Militärs, sondern sind Verkörperungen des Geistes einer Epoche. Im Vergleich mit ihnen sind die auf eine Konfrontation von gleich zu gleich angelegten Waffensysteme veraltet und werden eingemottet.

Man muss diese Sicht auf die gegenwärtigen und zukünftigen Kriege nicht teilen, und ganz gewiss tun dies nicht die als Unruhestifter und Störer Angesehenen. Sie erheben den Anspruch, in einer prinzipiell ungerechten Weltordnung für Gerechtigkeit und das Recht der Schwachen zu kämpfen. Dementsprechend haben sie einen erhöhten Legitimationsbedarf, der zurzeit vor allem aus religiösen Vorstellungen gespeist wird. Und weil sie die bestehende Ordnung verwerfen, sehen sie sich bei deren Bekämpfung auch nicht an deren Rechtsgrundsätze gebunden. Aus einer Position der Schwäche heraus setzen sie auf eine Strategie der Schreckenserzeugung, der gegenüber sich postheroische Gesellschaften als besonders anfällig erwiesen haben.

Es ist bemerkenswert, welche Bedeutung in dieser Konfrontation inzwischen der Vorwurf der Feigheit bekommen hat. Während Taliban und Salafisten die westliche, vornehmlich US-amerikanische Kriegführung mit Drohnen als feige bezeichnen, weil sich bei ihr die westlichen Streitkräfte nicht zum offenen Kampf stellen, sondern Waffen zum Einsatz bringen, die von Hunderte von Kilometern entfernten Soldaten gesteuert werden und von dort aus auch ihre Feuerbefehle erhalten, werden in den offiziellen Verlautbarungen der westlichen Staaten die an Terroranschlägen Beteiligten grundsätzlich als feige bezeichnet – selbst wenn es sich um Selbstmordattentäter handelt. Hier geht es um politische Delegitimierung. Pikanterweise ist dabei den moralischen Leitbegriffen des Duellkrieges, Mut und Tapferkeit, eine indirekt legitimatorische Qualität zugewachsen. Weil er nicht mutig und tapfer, sondern hinterhältig und feige ist, hat sich der jeweilige Gegner selbst delegitimiert. Man kann ihn nicht in einem „fairen Kampf“ stellen, und deswegen muss man ihn terrorisieren oder eliminieren. So sind der Selbstmordattentäter und die Hellfire-Raketen der Kampfdrohnen Funktionsäquivalente im asymmetrischen Krieg. Der Vorwurf der Feigheit soll der je anderen Seite den Gebrauch dieser Waffen moralisch erschweren. Der Feigheitsvorwurf ist also selbst eine Waffe, um den Gegner moralisch zu schwächen.

Gibt es in dieser Situation politisch-strategische Alternativen, die es ratsam erscheinen lassen, auf den Einsatz von Kampfdrohnen zu verzichten? Klar ist, dass diejenigen, die zu den Strategien des Partisanenkriegs und des Terrorismus gegriffen haben, über keine andere Option verfügen. Sie sind zu einer symmetrischen Konfrontation weder organisatorisch noch waffentechnisch in der Lage. Angesichts der gewaltigen Überlegenheit des Westens, insbesondere der USA, steht ihnen nur die Option der Asymmetrierung zur Verfügung. Und für die westlichen Staaten gilt, dass sie nicht bereit sind, in für sie nicht existenziellen Konflikten größere Verluste in Kauf zu nehmen. Einsätze an der Peripherie der Wohlstandszonen, bei denen es um die Herstellung von Stabilität und die Durchsetzung von Werten geht, sind bereits durch geringe Verluste verwundbar. Sofort schwindet die Bereitschaft der Bevölkerung, diesen Einsatz weiter zu unterstützen. Die Folge sind Rückzugsforderungen. Deshalb ist die Vermeidung eigener Verluste zentral. Und dafür ist kaum etwas besser geeignet als der Einsatz von Drohnen.

Derzeit beobachten wir in Afghanistan, Pakistan und im Jemen einen grundlegenden Wechsel in der westlichen Strategie bei der Bekämpfung von Aufständischen, die sich die Unwegsamkeit des Geländes zunutze machen und in der Zivilbevölkerung untertauchen. Die herkömmlichen Schläge des Westens mit Jagdbombern oder Lenkraketen haben zu moralischen und politischen Desastern geführt: Immer wieder wurden Unbeteiligte getroffen, und die Häufigkeit, bei der es sich dabei – unabhängigen Berichten zufolge – um Hochzeitsgesellschaften handelte, zeigt gravierende Aufklärungsdefizite und ein geschicktes, an politischen Effekten orientiertes Gegenhandeln der bekämpften Gruppen.

Fast ebenso verheerend wie eigene Verluste wirkt der massenhafte Tod Unschuldiger auf die Unterstützung eines solchen Einsatzes im Entsendeland. Kampfdrohnen bieten hier erhebliche Vorteile: Der Feuerleitoffizier ist nicht unmittelbarer Bestandteil des Geschehens; er unterliegt nicht den Dynamiken der Beschleunigung, sondern kann am Monitor die von den Kameras der Drohne übermittelten Bilder in aller Ruhe analysieren, kann Personengruppen per Zoom heranholen, sich mit dem Völkerrechtsoffizier beraten, um schließlich eine Entscheidung zu treffen. Technisch betrachtet läuft das auf eine erhebliche Optimierung der Entscheidung hinaus. Die jüngsten Zahlen belegen: Herkömmliche Luftschläge treffen nach wie vor Unschuldige, Drohnenangriffe sind relativ präzise. Der Aspekt politischer wie militärischer Effizienz spricht für die Kriegführung mit Drohnen.

Aber der mit dem Einsatz von Drohnen einhergehende Strategiewandel bei der Terroristenbekämpfung ist noch sehr viel grundsätzlicher: Zunächst ging es darum, in Afghanistan und ähnlichen Fällen durch eine Kombination von Friedensschaffung, humanitärer Hilfe und wirtschaftlichen Impulsen die Bedingungen zu beseitigen, unter denen, wie man sagte, der Terrorismus gedeihen konnte. Das war ein großes und ehrgeiziges Projekt, an dem der Westen jedoch gescheitert ist. Die Verluste waren erheblich und die Erfolge gering. Und auf Dauer waren auch die finanziellen Lasten zu hoch. Der Einsatz von Drohnen wird über kurz oder lang auf ein gänzlich anderes Konzept der Bekämpfung von Terrorgruppen hinauslaufen: Man geht nicht, jedenfalls nicht mit großen Einheiten, in das Land hinein, um es umzugestalten, sondern attackiert die terroristischen Gruppen permanent durch den Einsatz von aus der Luft herangeführten kleinen Kampfgruppen und eben mit Hilfe von Drohnen.

Die Waffen seien das Wesen des Kämpfers, heißt es bei Hegel. Die Drohnen werden über kurz oder lang zu der Waffe werden, mit der sich postheroische Gesellschaften ihrer Feinde erwehren – trotz aller moralischer und rechtlicher Bedenken gegenüber dieser Art der Exekution. Ein gravierendes Risiko freilich birgt der Drohnenkrieg: dass die so attackierten Gruppen ihr Operationsgebiet in die Länder verlegen, aus denen die Drohnen entsandt worden sind. Europa und Nordamerika werden viel häufiger von Anschlägen erschüttert werden, als dies bislang der Fall war. Wer einen Drohnenkrieg führt, muss darauf gefasst sein und entsprechende Abwehrmaßnahmen treffen.

Herfried Münkler lehrt Politikwissenschaft an der Humboldt-Universität Berlin. Zuletzt erschien von ihm „Mitte und Maß. Der Kampf um die richtige Ordnung“ (Rowohlt Berlin).

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