Angelika Reitzers Roman "Wir Erben" : Österreichisches Prosa-Wurzelwerk

Angelika Reitzer botanisiert in ihrem Roman "Wir Erben" zwei Frauenleben.

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Kühle Redseligkeit. Angelika Reitzer.
Kühle Redseligkeit. Angelika Reitzer.Foto: Manfred Werner/Wikipedia

Johann Wolfgang von Goethes Roman „Die Wahlverwandtschaften“ beginnt in der Baumschule, in welcher Baron Eduard „frisch erhaltene Pfopfreiser“ auf junge Stämme setzt. Diese Technik, die neue Aromen für alte Obstsorten kreieren soll, beherrscht in Angelika Reitzers Roman „Wir Erben“ auch die Gärtnerin Marianne aus dem Effeff. Schließlich hat sie von ihrer Großmutter Jutta Lex, einer wahren Patriarchin, eine Baumschule in der Nähe von Wien geerbt. Nach deren Tod und dem Auszug ihres Sohnes Lukas verlaufen Mariannes Tage arbeits-, aber nur wenig ereignisreich, da ihr Leben so fest mit dem der Baumschule verwurzelt ist: „Sie war da. Sie lebte hier. Sie würde immer sein, leben, arbeiten.“

Dieser feste, ja fast schon deterministisch fixierte Standort lässt ihren Gedanken und Erinnerungen umso größeren Raum, so dass ein regelrechter Jutta-Lex-Kosmos entsteht, der mehrere Jahrzehnte umfasst, Lehrjahre, Kämpfe um Selbstbehauptung und verflossene Lieben inklusive.

Dieses statische Leben kontrastiert Reitzer im zweiten Teil ihres Romans mit dem von Mariannes Freundin Siri, einer Frau ohne festen Halt, einer Luftwurzlerin, wenn man so will. Siri floh mit ihren Eltern und der Schwester aus der DDR und kehrte nach dem Mauerfall nach Berlin zurück. Sie bereist Japan und beginnt in Cloud/Ohio ein Kunststudium, immer unstet, immer in Bewegung. Gerade wegen dieses Kontrasts bleiben die Frauen in Verbindung. Welches ist der bessere Lebensentwurf?, fragt dieser ungewöhnliche, da kühn in die Fläche erzählte Text (was durch das beinahe quadratische Buchformat unterstützt wird). Sein Vorbild, klar, sind die „Wahlverwandtschaften“, die bei Marianne nicht ganz zufällig auf dem Tisch liegen.

Wie Goethes Roman ist „Wir Erben“ von einer Art kühler und wahrhaftiger Redseligkeit geprägt. „Laub“, „Oben“ oder „Störfeld“ lauten Kapitelüberschriften. Ähnlich „systemisch“ und distanziert beobachtet die gebürtige Grazerin Angelika Reitzer auch die Protagonisten ihres dritten Romans. Doch welche Fülle entfaltet sich in diesem Prosa-Wurzelwerk! „Wir Erben“ ist ein Buch, das sich wie manche Pflanze beim Botanisieren nur langsam erschließt, die Geduld aber mit einer neuen realistischen Sichtweise reich belohnt.
Angelika Reitzer: Wir Erben. Roman. Jung & Jung, Salzburg und Wien 2014.344 Seiten, 22,90 €.

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