Animationsfilm: "Der Junge und die Welt" : Wo noch niemand war

Kleines großes Meisterwerk: der brasilianische Animationsfilm „Der Junge und die Welt“.

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Man möchte jedes einzelne Bild ausschneiden: Szene aus "Der Junge und die Welt".
Man möchte jedes einzelne Bild ausschneiden: Szene aus "Der Junge und die Welt".Foto: Grandfilm

Er sieht aus, als hätte ihn ein Kind gezeichnet: ein Kreis als Kopf, drei Haare obendrauf, Strichhände dazu, Strichbeine. Und doch verrät alles an dieser filigranen Figur eines Weltanfängers, dass sein Schöpfer kein Kind war, sondern ein Künstler von hohen Graden. Vor allem die Augen sind anders, beinahe Kommas statt Punkten.

Kind oder Künstler? Was für eine Alternative! Als ob nicht jeder Künstler, das Kind, das er einmal war, bewahrt hätte.

Das Kind also. Anders lässt es sich nicht benennen, denn es hat keinen Namen in „Der Junge und die Welt“ des Brasilianers Ale Abreu. Braucht es auch nicht, denn hier spricht niemand, und wenn doch, dann in einer Sprache, die keiner versteht: pures Zivilisationshintergrundgeräusch. Wo Menschen viel reden, scheint dieser Film zu sagen, hat das Unheil längst begonnen.

Ein Animationsfilm, stumm und auf Spielfilmlänge, ein kleines großes Meisterwerk: Die Welt des Kindes ist einfach und vollständig. Vater, Mutter, Kind, mehr braucht es nicht. Heimat ist das, was jedem in die Kindheit scheint und worin noch niemand war, hat Ernst Bloch gesagt. Man spürt sie erst, wenn sie verloren ist. Das Kind schaut auf das Feld, und das Feld ist leer. Denn der Anblick des Feldes und der des Vaters gehörten zusammen. Die Mutter ist noch da, aber wirkt nicht auch sie wie eine Verlorene?

Wie beredt sind diese einfachen Bilder. Und wie schön. Man könnte jede einzelne Szene rahmen und nur dem bezwingenden Spiel der Farben und Formen folgen. Oder man sieht den Film als gezeichnete Kulturkritik: Denn das kindliche Strichwesen, auf die Leinwand gehaucht, macht das Nächstliegende. Es folgt dem Vater, der Arbeit in der großen Stadt finden will. Die Stadt mit den Augen des Jungen: Die Menschen in ihr sehen aus wie der Aussatz der Erde.

Andererseits: Farben, Bilder und Töne verdichten sich, auch das schaffen Städte, sie bündeln Energien. So werden aus einfachen Zeichnungen hochkomplexe Collagen einer entfremdeten und doch schönen Welt, die Cineasten an die visuelle Sprache von Fritz Lang oder King Vidor erinnert. Ein Kinderfilm übrigens ist „Der Junge und die Welt“ kaum, eher einer für das unverlierbare Kind in jedem von uns.

In den Kinos b-ware, Sputnik

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