Kultur : Anleitung zum Glücklichsein

Boulevard und Pathos: neue Filme von Mike Leigh, Woody Allen und Bertrand Tavernier in Cannes

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Woody Allen ist verschnupft. Er sitzt vor der Pressemeute in Cannes, schnäuzt sich die Nase, fingert an der Brille und schaut tief in seinen Teebecher, den er mit beiden Händen umfasst. „Das Leben“, sagt er, „ist eine finstere, schmerzliche, albtraumartige und sinnlose Erfahrung.“ Auch Nietzsche, Freud und Eugene O’Neill hätten das schon gewusst: Dass man es nur aushält, wenn man sich was vormacht. „Ohne Illusionen wird es unerträglich.“

Der beste Woody-Allen-Film der 63. Filmfestspiele von Cannes ist der Auftritt des Regisseurs (nachzusehen als Podcast auf www.festival-cannes.fr). Wie er den Vergesslichen mimt, um im nächsten Moment mit einem brillanten Gedächtnis aufzuwarten, von den Schrecken des Altwerdens spricht („Rückenschmerzen, die Augen lassen nach, man hört schlechter, lassen Sie’s bleiben“), vom Tod („Meine Meinung dazu ist immer gleich: Ich bin dagegen“) und vor allem davon, wie frustrierend es ist, nur noch zugucken zu dürfen, wie die jungen Kerle vor der Kamera die schönen Frauen abkriegen. „Wie geht es denn dir mit dem Älterwerden?“, fragt er Naomi Watts. Die kommt kurz ins Stottern. Woody Allens Pessimismus verdankt die Welt bereits 43 Filme, im Unglück des Filmemachers liegt das Glück seines Publikums. Sein 44. Werk, das in Cannes außer Konkurrenz uraufgeführt wurde, trägt den doppelsinnigen Titel „You Will Meet A Tall Dark Stranger“. Kein Meisterstück, aber eine seiner leicht verdaulichen, etwas plumpen, für Momente aber doch hinterlistig bösen Komödien, die nicht zuletzt von der Starpower ihrer Ensembles leben.

Diesmal sind Anthony Hopkins, Josh Brolin, Antonio Banderas, die Inderin Freida Pinto (aus „Slumdog Millionaire“) und eben Naomi Watts mit dabei. Hopkins verlässt seine Ehefrau und heiratet ein Callgirl, das sich nur für sein Geld interessiert; Hopkins’ schöne Tochter (Watts) ist mit einem gescheiterten Schriftsteller (Brolin) verheiratet, der aber nur Augen für die Inderin im Haus gegenüber hat, während Watts sich unglücklich in ihren Boss verliebt, einen von Banderas gespielten Galeristen. Die Einzige, die am Ende ein Stück vom Glück abbekommt, ist Hopkins’ Ex-Frau (Gemma Jones), die jeden Unsinn glaubt, den ihr eine Wahrsagerin einflüstert, bis die Wirklichkeit ihren Illusionen tatsächlich erliegt.

Allens in London gedrehte Burleske hatte es schwer an diesem Cannes-Wochenende, lief sie doch gleich im Anschluss an Mike Leighs Wettbewerbsfilm „Another Year“. Beide, der 74-jährige New Yorker Allen wie der 67-jährige Brite Leigh, erzählen von einem älteren Ehepaar und ihrem Freundes- und Familienkreis, beide geben Anleitungen zum (Un-)Glücklichsein. Allen macht Boulevardtheater daraus und hat vor allem Spott (Off-Erzähler!) dafür übrig, Leigh empfiehlt Empathie. Sein hellwacher, sensibler Blick schärft die Sinne derart, dass man fast glaubt, das Kino könne einen lehren, ein besserer Mensch zu werden. Früher nannte man das sozialen Realismus. Tom und Gerry heißen Leighs Protagonisten, er Geologe, sie Therapeutin, sie gärtnern und kochen zusammen, sind ewig verheiratet, einander unendlich zugetan und unendlich vertraut. Als ihr erwachsener Sohn endlich auch eine Freundin mitbringt, trinkt man Rotwein und freut sich. Frühling, Sommer, Herbst, Winter: ein ganz normales Jahr ganz normaler, bereits ein wenig vom Dasein erschöpfter Leute. Man möchte ihnen stundenlang beim Alltag zuschauen.

Nur die verlorenen Seelen, die bei den beiden auftauchen – Gerrys hysterische Single-Kollegin Mary, Toms frustrierter Studienfreund Ken sowie sein apathischer, verwitweter Bruder –, sie verlangen ein Höchstmaß an Geduld und Gelassenheit. So selbstlos sind Tom und Gerry auch wieder nicht, dass ihnen Marys peinliches Trinken oder Kens Fressanfälle nicht auf die Nerven gehen. Als zwei der Unglücklichen es notgedrungen mal selbst mit dem Sichkümmern probieren, als sie sich stockend zu verständigen beginnen, da ist es eine kleine Sensation. Wie wenn Kinder laufen lernen.

Mike Leigh ist ein Meister des stillen, hochpräzisen Naturalismus. Nichts gegen Künstlichkeit, aber auch die Illusion muss stimmen, sonst glaubt man sie nicht. Christoph Hochhäuslers Finanzkapital-Film „Unter dir die Stadt“ in der Reihe „Un Certain Regard“, der einzige diesjährige Beitrag eines deutschen Filmemachers im Hauptprogramm, hat genau dieses Problem. Zwar hält Hochhäusler die entfremdete Welt der Frankfurter Bankhochhäuser mit virtuoser Kamera (Bernhard Keller) und einer faszinierenden, die Wirklichkeit entwirklichenden Ästhetik fest. Aber die Story, die der Regisseur mit dem Schriftsteller Ulrich Peltzer im gläsern-kühlen Design angesiedelt hat, funktioniert nicht. Weder die Affäre zwischen der Banker-Gattin Nicolette Krebitz mit Robert Hunger-Bühler als Chef ihres Mannes, noch der Banker-Jargon, noch der verrätselte Plot. Bei dem Versuch, die abstrakte Welt des Geldes in Bilder zu fassen, zielt Hochhäusler auf Stilisierung, kippt jedoch ins Prätentiöse.

Das Leben und nichts anderes. Auch Mike Leighs französischer Autorenfilmer-Kollege Bertrand Tavernier ist Experte dafür. „La Princesse de Montpensier“, der jüngste Kostümfilm des 69-Jährigen (nach dem Roman der Madame de Lafayette von 1662), bescheidet sich zwar mit dem Plot einer TV-Soap, nach dem Motto „eine Frau, vier Männer, fünf gebrochene Herzen“. Aber Tavernier beherrscht sein Handwerk. Die Fürsten und Chevaliers in ihren hübschen Beinkleidern, die furchtlose Prinzessin, die dampfenden Pferdeleiber, die Heiratspolitiker des Hochadels, die ihre Töchter und Schwestern verschachern wie Vieh, das beiläufige Töten auf den Schlachtfeldern: Tavernier verleiht einer Epoche Konturen, die Menschenwürde und Frauenrechte nicht kennt. Ein Duell, die Liebe, Fleisch und Blut: All das sieht anders aus in einer Zeit, in der ein Menschenleben nichts wert ist.

In Cannes dominiert nach fünf Tagen das Kino der Alten. Mal sehen, ob es den Jungen den Rang abläuft.

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