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"Anna Karenina" : Der Stoff, aus dem die Frauen sind

05.12.2012 12:42 Uhrvon
Ich tanze mit dir in den Himmel hinein. Anna Karenina (Keira Knightley) und Wronski (Aaron Taylor-Johnson).Bild vergrößern
Ich tanze mit dir in den Himmel hinein. Anna Karenina (Keira Knightley) und Wronski (Aaron Taylor-Johnson). - Foto: epd/Universal

Joe Wright feiert in seiner Neuverfilmung von Tolstois „Anna Karenina“ – mit Keira Knightley – die bedingungslose Liebe.

Eros und Eisenbahn! Es handelt sich um ein oft unterschätztes Verhältnis, bei Modelleisenbahnern ebenso wie bei Cineasten. Befragten fällt die Schlussszene aus Hitchcocks „Der unsichtbare Dritte“ ein. Und vielleicht noch Marilyn Monroes rockauffliegendes Missgeschick auf einem New Yorker Lüftungsschacht, aber der Schacht gehört zur U-Bahn! Und der spätere Heißwasserdampfstoß zwischen die schönsten Beine einer inzwischen weltbekannten Damenkapelle war nur die Reminiszenz. Das Urbild aller Eisenbahnerotik aber steckt in „Anna Karenina“ – frisch angerichtet in der Version von Regisseur Joe Wright („Stolz und Vorurteil“, „Abbitte“), der die Kühnheit besaß, den zehn großen Verfilmungen von Tolstois Drama um eine untreue Ehefrau die elfte hinzuzufügen.

Auch hier beginnt alles im Zug. Die schöne junge Frau des Petersburger Regierungsbeamten Karenin fährt nach Moskau, um ihren Bruder zu besuchen. Sie teilt das Abteil mit der Mutter des Moskauer Offiziers Wronski. Die beiden sprechen, worüber die Frauen aller Jahrhunderte wohl immer zuerst geredet haben: über ihre Söhne. Nur ist jener der Offiziersmutter schon bestürzend erwachsen, der andere jedoch noch ein Kind; die junge Mutter lässt ihn zum ersten Mal allein. Das ist die dramatische Exposition. Bereits sie enthält alle späteren Konflikte.

Eros und Winter! Ausnahmslos alle „Anna Karenina“-Verfilmungen haben besondere Aufmerksamkeit auf die Lokomotive gelegt. Sie ist ein stampfender mobiler Eis- und Schneeberg, und – selbst wenn in dieser Kategorie Julien Duviviers Verfilmung von 1948 unerreicht bleiben sollte – auch Wright widerlegt die derzeit geläufige Annahme, wonach Schneeflocken auf Bahngleisen unweigerlich zum Verkehrsinfarkt führen, auf bildmächtigste Weise. Berliner S-Bahn-Verhältnisse hätten an den Zentralnerv des Zeitalters gerührt – wir aber befinden uns im Jahr 1874. Die Unbeirrbarkeit, mit der die Eisenbahn Anna Karenina nach Moskau bringt, ist die Unbeirrbarkeit des Fortschritts selbst, auch seine Zwangsläufigkeit.

Alle Statiken, alle Gemächlichkeiten, alles Das-war-schon-immer-so, jedes Von-Ewigkeit-zu-Ewigkeit wird er fortreißen, auch im Verhältnis zwischen Mann und Frau. Drei der größten Schriftsteller Europas arbeiteten längst daran: Zuerst Flaubert in „Madame Bovary“, dann Tolstoi, gefolgt von Fontanes „Effi Briest“. In Alice Schwarzers Geburtstagswoche ist es vielleicht nicht ganz unangebracht, daran zu erinnern, dass Europas männliche Schriftsteller die ersten Feministinnen waren. Tolstoi selber hielt nicht viel von der Eisenbahn. Sie sei für das Reisen ungefähr das, was das Bordell für die Liebe sei. Eine entseelende Beschleunigung.

Doch zurück zum Moskauer Bahnhof. Der Zug hält. Die Mutter des kleinen Sohnes sieht in die Augen des großen Sohnes der anderen. Unvergesslich, wie die Dampfschwaden einst einen Schleier nach dem anderen von Greta Garbos schönem, ein wenig statuenhaften Gesicht fortzogen.

Greta Garbos Anna Karenina verkörperte 1935 wohl am besten das, was man auch „sittliche Reife“ nennen könnte, ein wenig wirkte sie schon wie später Lubitschs „Ninotschka“, die Agentin der Weltrevolution: als schaute sie grundsätzlich aus den geschlossenen Abteilfenstern des Lebens. Keira Knightley nicht. Aus ihrem schönen Gesicht leuchtet eine Lust aufs Dasein, die doch nichts Vordergründiges, Kokettes oder auch nur Püppchenhaftes hat wie etwa bei Vivien Leigh, der wohl schlechtesten Anna-KareninaDarstellerin aller Zeiten.

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