Anne Zohra Berrached : „Ich will an Grenzen gehen“

Anne Zohra Berrached ist mit „24 Wochen“ die einzige Deutsche im Wettbewerb der Berlinale. Nervös? Nö! Eine Begegnung.

von
Neugierig, energisch, cool. Regisseurin Anne Zohra Berrached.
Neugierig, energisch, cool. Regisseurin Anne Zohra Berrached.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Man muss schon weit zurückgehen, um einen Präzedenzfall für das zu finden, was an diesem Sonntag auf der Berlinale passiert. Im Jahr 2001 – im Abschiedsjahr von Moritz de Hadeln, bevor mit Dieter Kosslick der Pate des deutschen Kinos das Festivalruder übernahm – lief zum ersten und einzigen Mal ein Studenten-Diplomfilm als einziger deutscher Wettbewerbsbeitrag: „My Sweet Home“, die Multikulti-Komödie des DFFB-Absolventen Filippos Tsitos um einen Sponti-Polterabend in Berlin-Mitte. Die Filmkritik war eher weniger amüsiert und erledigte das Debüt so nebenbei.

"Das ändert gar nichts"

Filippos Tsitos ist heute ein gefragter TV-Serienkrimiregisseur; ins Kino allerdings hat er sich nach seinem ersten Versuch kaum mehr gewagt. So viel zu dem bombastischen Druck, der auf Regie-Anfängern lastet, die im Berlinale-Wettbewerb starten – noch dazu, wenn sie Deutschland ganz allein repräsentieren müssen. Nun ist mit Anne Zohra Berrached, geboren 1982 in Erfurt als Tochter einer Zahntechnikerin und eines aus Algerien stammenden Gaststättenbesitzers, eine Absolventin der Filmakademie Baden-Württemberg an der Reihe – noch dazu die erste Frau in dieser Rolle. Wie riskant findet sie es, dass sie die einzige Deutsche im Wettbewerb ist? „Ach“, sagt sie und wischt die Frage mit einem blitzend lachenden Blick weg, „das ändert gar nichts.“

"So eine muss für den Beruf brennen"

Stress? Unsinn. Lampenfieber? Naja, wer hat das nicht. Vorfreude? Überschäumend. Enthusiasmus? Extrem – und, wie es scheint, absolut festivalunabhängig. Anne Zohra Berrached ist eine Powerfrau, die hartnäckig kämpfen und zugleich großartig lachen kann, vom belustigten Kieksen angesichts eines kuriosen Gedankens bis zum ansteckenden Großgelächter. Die von Julia Jentsch gespielte Heldin ihres Berlinale-Films „24 Wochen“ – Drehbuch Berrached zusammen mit dem Autor Carl Gerber – ist nicht zufällig eine erfolgreiche Kabarettistin. „So eine muss für den Beruf brennen, mit voller Leidenschaft.“ Und, klar, diese Definition gilt auch für Regisseurinnen, die sich durchsetzen wollen.

Berlinale 2016 - Der Wettbewerb
24 WochenDas zweite Kind der Kabarettistin Astrid und ihres Mannes und Managers Markus wird, wie das Paar erfährt, nicht gesund zur Welt kommen. Zwischen anfänglichem Optimismus und wachsenden Sorgen erkennt Astrid, dass sie allein eine aller Leben betreffende Entscheidung treffen muss. Vor drei Jahren hatte die in Erfurt geborene Anne Zohra Berrached mit „Zwei Mütter“ ihr Debüt auf der Berlinale, mit ihrem  Abschlussfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg stellt sie nun den einzigen deutschen Beitrag im Wettbewerb. D, 102 Min., R: Anne Zohra Berrached, D: Julia Jentsch, Bjarne Mädel, Johanna Gastdorf, Maria Dragus
Weitere Bilder anzeigen
1 von 23Foto: dpa
02.02.2016 15:1124 WochenDas zweite Kind der Kabarettistin Astrid und ihres Mannes und Managers Markus wird, wie das Paar erfährt, nicht gesund...

Ein Abend kurz vor Festivalbeginn in einer noch nahezu leeren Kreuzberger Hinterhauswohnung: Hier ist ab jetzt das Zuhause für Anne Zohra Berrached – und während der Berlinale für ein Dutzend weitere Teammitglieder, die meisten Mitstudenten aus Ludwigsburg. Geschlafen wird auf Matratzen auf dem Fußboden, man darf sich das als entspannt postrevolutionäres Volksbett vorstellen. Natürlich lacht Anne Zohra Berrached bei der Vorstellung, so wie sie jede Herausforderung erst mal nach ihrem Freudepotenzial abzuscannen scheint. Um sie dann im Zweifel schalkhaft anzunehmen. Als sie etwa „24 Wochen“ bei der Berlinale einreichte, erinnert sie sich in schön erdigem thüringischen Rest-Timbre, „da haben wir Dieter Kosslick erst mal verheimlicht, dass das ein Studentenabschlussfilm ist. Er sollte doch den Film bewerten!“

So schmucklos wie anrührend

So viel Abenteuer, so viel Neugier, so viel Lustiges auch. Dabei ist der Film alles andere als lustig. Vielleicht braucht man genau dieses Temperament – „das hab’ ich vom Papa, meine Mama ist viel ruhiger“ –, um für ein paar Forschungsjahre voll in jene Brennpunktthemen einzusteigen, die Berrached besonders reizen. „Zwei Mütter“, ihr erster Langfilm mit Schauspielern und Fachleuten, die sich selber spielen, erzählte so schmucklos wie anrührend von einem Lesbenpaar und seiner Sehnsucht nach einem eigenen Kind. Die Chronik der mühseligen Odyssee zwischen geldgierigen Inseminationskliniken und seltsamen Treffen mit Samenspendern brachte dem Film 2013 den Hauptpreis der Berlinale-Reihe Perspektive Deutsches Kino ein.

Diesmal geht es um das Tabuthema Spätabtreibung. Wird ein Kind schon nach 24 Wochen Schwangerschaft geboren, gilt es als lebensfähig, und die Kliniken versuchen die Frühchen durchzubringen. Wird in der Pränataldiagnostik allerdings etwa Trisomie 21 festgestellt, noch dazu mit massivem Herzfehler, entscheiden sich viele Paare in einem oft qualvollen Ablösungsprozess für den Halt auf halber Strecke. Oder auch später. Neun von zehn Frauen, so sagen die Ärzte, treiben dann noch ab, gesetzlich ist das in solchen Fällen sogar fast bis zum Ende der natürlichen Schwangerschaft möglich. Und den Frauen, die das Kind austragen, obliegt letztlich allein die Entscheidung, mitunter auch gegen den Willen des Partners.

Schwanger war sie noch nie

Es ist eine gewissermaßen wissenschaftliche Leidenschaft, die Anne Zohra Berrached antreibt. Als Heterosexuelle wollte sie für „Zwei Mütter“ alles über den Kinderwunsch von Lesben in Erfahrung bringen. Schwanger, sagt sie in Sachen „24 Wochen“, sei sie noch nie gewesen – und hat sich doch in zahllose Gespräche mit Ärzten und Psychologen, Hebammen und Klinikverantwortlichen gestürzt und oft erst durch allerlei Überzeugungskünste Leute gefunden, die in ihrem Film aufzutreten bereit waren. Julia Jentsch und Bjarne Mädel sollten das glaubwürdigstmögliche Paar sein. Ein Hauptimpuls der Regisseurin: „Hochdramatisch“ findet sie es, wenn „ganz normale Menschen an Grenzen gehen und Lösungen finden müssen“.

Stars und Gewinner der Berlinale 2016
Gianfranco Rosi
Weitere Bilder anzeigen
1 von 205Foto: REUTERS/Fabrizio Bensch
20.02.2016 20:41Gianfranco Rosi schaut ganz gerührt auf seinen Goldenen Bären. Sein Film "Fuocoammare" dokumentiert das Leben auf der Insel...

Der Recherchefuror, das unbändige Interesse an den Dunkelzonen der Wirklichkeit: Klingt alles nach einer typischen Dokumentarfilmerinnenlaufbahn. Und so ging das ja auch los in Ludwigsburg. Mit einer Bewerbungs-Kurzdoku wurde sie angenommen „und, zack, war ich drin in der Nummer“. Aber weil sie auch gern mit Schauspielern arbeiten wollte, hat sie sich zäh aus den Ausbildungs-Genrekästchen rausgewunden, bis man sie nach den ersten Erfolgen einfach hat machen lassen. Tatsächlich ist Anne Zohra Berracheds Technik, Schauspielprofis mit Berufsfachprofis in konzipierten Geschichten für ein Optimum an Wirkung und Authentizität miteinander zu kombinieren, so häufig nicht im weiten Feld der Zwischenformen zwischen Dokumentation und Fiktion.

Und, zack, ist so jemand im Wettbewerb. Und wenn nicht alles täuscht, ziemlich gut drin in der Nummer.

14.2., 19 Uhr (Berln.-Palast), 15.2., 10 Uhr (HdBF), 15.2., 12.15 Uhr (Fr.-Palast), 18 Uhr (Zoo Palast), 16.2., 21.30 Uhr (Neue Kammerspiele), 21.2., 22 Uhr (HdBF)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben