Kultur : Ans Fleisch genagelt

Wie aus Gefühlen eine Theorie der Welt wird: Carl Schmitts Tagebücher aus den Jahren 1915/16

Konstantin J. Sakkas

Die heutige Geschichtswissenschaft hört nicht gern, dass zu einem Werk auch die Biografie seines Autors gehören kann. Carl Schmitts Tagebücher aus den Weltkriegsjahren 1915/16 bestätigt jedoch eindrücklich, dass es sich lohnt, die psychologischen Fundamente dieses politischen Philosophen (1888 –1985) zu ergründen, der als brillanter Rechtstheoretiker, aber auch als Erzjurist des Hitlerreichs Furore machte. Schmitt hegte heftige Antipathien gegen das Tagebuchschreiben – und hielt doch jede Gemütsregung fest. „Traurig, tief zerrissen und unzufrieden“. notiert der 26-jährige Kriegsfreiwillige, der im März 1915 in die Zensurabteilung des I. bayrischen Generalkommandos nach München versetzt wird. Schmitt zeichnet das Selbstporträt eines zutiefst unsicheren Menschen. Aufgerieben zwischen Minderwertigkeitsgefühlen, Geltungshunger („wahnsinniger Wunsch nach Macht und Wirkung“) und Geldsorgen, verbringt er kaum eine glückliche Stunde.

Die Abhängigkeit von den Zuwendungen des Onkels André Steinlein und seines Verlegers Georg Eisler wirkt degradierend, genauso wie die Launen seiner Frau Cari von Dorotic (einer vermeintlichen rumänischen Aristokratin, deren Hochstapelei später vor Gericht erwiesen wird) oder Schwierigkeiten auf der Dienststelle: Immer wieder vergisst Schmitt, Vorgesetzte zu grüßen; die Anpfiffe dafür kränken den Intellektuellen mit dem niedrigsten Dienstgrad – erst Oktober 1916 wird er Unteroffizier – umso mehr. Befriedigt zeigt sich Schmitt nur nach Augenblickserfolgen: „Morgens wunderbare Ejakulation auf meiner lieben Cari. Herrlich“, heißt es einmal; ein anderer Eintrag lautet: „Der Hauptmann ist freundlich und sehr mild; also bin ich zufrieden.“ Ist die Ehefrau abweisend, der Hauptmann widerborstig, bricht für ihn die Welt zusammen und er fühlt sich „dumm, unfähig mit Menschen umzugehen, weltfremd und verträumt“.

Schmitts Gemütsverfassung: himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. „Ziellos von einem Tag zum andern lebe ich.“ Schmitt erkennt seine wesenhafte Egozentrik als Grund der Malaise und beweist eine schier erdrückende Fähigkeit zur Selbstkritik. Die Lektüre von Stendhals „Rot und Schwarz“ und der Vergleich mit dem Protagonisten Julien Sorel gerät ihm zur zerknirschten Selbstanalyse: „Er ist ad alterum. Braucht immer fremde Menschen (Richard Wagner wartete immer nach seinem Tagebuch auf Briefe und Zeitungen!), frisst sie, untersucht sie auf ihre Nützlichkeit, beutet sie aus, geschickt, heuchlerisch, verlogen, lässt sie kaltblütig sitzen; all sein Tun ist für die Sekunde, was er gerade braucht.“ Schmitt weiß um sein Außenseitertum, die politische Zwangslage, die sein geistiges Potenzial an der Entfaltung hindert; aber er stilisiert die Lage zum Albdruck (cauchemar ist sein Lieblingswort) und die biografische Durststrecke zum Höhlengefängnis.

Er nimmt jede Rüge, jede Unpässlichkeit, jede Belastung als Indiz der Schlechtigkeit der Welt an sich. Der Bezug des persönlichen Erlebens auf seine politische Theorie, wonach Welt und Dasein fundamental negativ sind und Staatsgewalt das Monopol zur Entscheidung polarer, feindlicher Situationen bedeutet, tritt bei der Lektüre ans Licht. Schmitt selbst legt ihn nahe, wenn er die Wurzel seines Denkens im Dualismus der Gnostiker ausmacht, demzufolge die Welt im Ganzen ein Werk des Teufels ist: „Mich ekelt vor meinem Fleisch. Ich fühle mich ans Fleisch genagelt“: ein Satz, in dem all sein Selbst- und Welthass zusammenschießen. Diese Empfindungen stehen in engem Zusammenhang mit seinem Begriff des Politischen, den er in seinem gleichnamigen Werk aus der Zwischenkriegszeit auseinandersetzt: Für ihn ist das Dasein ein einziger Ausnahmezustand; die gesamte Ordnung dieser Welt hängt davon ab, die Entscheidungshoheit darüber zu erlangen.

Seine Ausfälle gegen Schopenhauer und Wagner täuschen darüber hinweg, dass – neben Heidegger und Ernst Jünger – vor allem er es war, der ihren radikalen, ontologischen Willensbegriff politisierte und seine Politisierung im zwischenmenschlichen Verhalten vorwegnahm. Die Welt ist ihm zu klein, immer verlangt er mehr von ihr, als sie geben kann; daher sein ständiges Anecken, sein wesenhaftes Missvergnügen, das er in die Worte fasst: „Wie viele Jahre lang bin ich inzwischen auf anderen herumgelaufen. Kein Tag war fröhlich. Mit Schreck und Qual denke ich an diese unaufhörliche Müdigkeit, Hilflosigkeit, Angst.“

Eine Aussage, die wie Anklage wirkt, die Selbstbeschreibung eines Mannes, der nur Opfer oder Täter sein kann, Sonderling und Menschenbenützer, großer Triumphator und großer Verzweifelter zugleich, aber niemals gelassen und ausgeglichen; trotz vielen versöhnlichen Zügen erschreckend ähnlich dem Diktator, dessen Morden er später die rechtfertigende juristische Draperie verlieh. Dass aber er selbst das Fatale dieser charakterlichen Disposition so illusionslos erkannte, macht diesen mit Materialien bis ins Jahr 1919 reichenden Band, der Faksimiles von Schmitt bearbeiteter Erlasse sowie im Krieg entstandene Abhandlungen enthält, zu einem Dokument von einzigartigem Wert.

Carl Schmitt: Die Militärzeit 1915 bis 1919. Hg. von Ernst Hüsmert und Gerd Giesler. Akademie Verlag, Berlin 2005. 587 Seiten, Gb., 49,80 €.

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