Anthologie „Verdammter Süden: Das andere Amerika“ : Nilpferde im Höllenfluss

Carmen Pinilla und Frank Wegner haben in der Anthologie „Verdammter Süden“ literarische Reportagen aus Lateinamerika zusammengetragen.

Moritz Scheper
Foto: Suhrkamp

Hungrig sieht Andrés das Schulmädchen an der Bushaltestelle an. Er beneidet sie um die kandierten Churros, deren Geruch ihm in die Nase fährt. Er kann sich so etwas nicht leisten. Wie viele Kolumbianer lebt er von 484 500 Pesos im Monat, dem Mindestlohn – dies allerdings im Dienst einer auf sechs Monate angelegten literarischen Reportage. Texte wie diese heißen im iberoamerikanischen Raum crónicas. 17 von ihnen haben Carmen Pinilla und Frank Wegner in der Anthologie „Verdammter Süden“ zusammengetragen.

Natürlich dominieren Themen wie Armut und Gewalt, allerdings sind die cronistas um neue Perspektiven bemüht. Fabrizio Mejía Madrid versucht, die Beklemmung in Ciudad Juárez, der gefährlichsten Stadt Mexikos, einzufangen. Sein „Theater der Gewalt“ ist kein Bodycount, der mit wohligem Schauer von Massakern berichtet, sondern ein Erfahrungsprotokoll aus dem Leben im Schatten des Todes. Eindrücklich auch Leila Guerrieros Text „Die Stimme der Knochen“, das Porträt einer Gruppe von argentinischen Anthropologen. Sie entstand aus einem studentischen Freundeskreis in den Achtzigern, als es die Disziplin der Forensischen Anthropologie noch nicht gab, doch von der Junta zurückgelassene Massengräber und Verschwundene nach Aufklärung verlangten.

Neben so viel Schatten bietet „Verdammter Süden“ auch Licht. Etwa Juan Pablo Menese mit „Amazon Boys“, einer Story über in der Tourismusbranche beschäftigte Indios, die sich als Liebhaber anbieten und davon träumen, in den goldenen Norden zu freien. Oder José Alejandro Castaños Bericht von höllenhaften Ungeheuern, die nordkolumbianische Flussfischer heimsuchen. Dieser Einbruch des Metaphysischen in die kolumbianische Landschaft stellt sich schließlich heraus als Ausbruch zweier Nilpferde aus der verwaisten Hazienda des Drogenbarons Pablo Escobar.

Es sind Geschichten wie diese, nach denen die cronistas fahnden, Geschichten, die die Drift des Realen ins Wunderbare aufnehmen. Südamerika, so die unausgesprochene Prämisse, ist voller Eigenheiten, denen eine Berichterstattung nach einem simplen Wer, Wo, Was, Warum nicht gerecht wird. Die crónicas greifen dabei auf die älteste genuin iberoamerikanische Textart zurück. Kolonisatoren wie Francisco López de Gómara, Pedro de Cieza de León und Bernal Díaz del Castillo schrieben Crónicas dos Indias: fantastisch ausgeschmückte Berichte von der Erschließung der neuen Welt, freilich immer mit dem Timbre europäischer Überlegenheit. Knapp 500 Jahre später erobert eine junge Journalistengeneration dieses Genre aus Tatsachenbericht und Literatur zurück.

Carmen Pinilla, Frank Wegner (Hrsg.): Verdammter Süden. Das andere Amerika. Suhrkamp Verlag, Berlin 2014. 320 Seiten, 20 €.

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