Kultur : Anti-Idyll

Die Naturgedichte von Richard Pietraß.

Thomas Wild

Vor ein paar Jahren wäre es um die Menschheit fast geschehen gewesen. Hale-Bopp, ein etwa 40 Kilometer dicker Komet aus Eis rauschte 1997 nur knapp an der Erde vorbei. „Wandelstern“ nannte Richard Pietraß damals lakonisch seine lyrische Hommage an jenes „babelhoch“ schimmernde „Reiskorn im Milchbart Gottes“. Seine Naturgedichte aus fast 30 Schaffensjahren tragen nun denselben Titel. Sie mahnen an die fortschreitende Bedrohung hausgemachter Umweltzerstörung; und sie stellen den Berliner Autor in der Vielfalt seiner poetischen Gewänder vor. Schon Anfang der 1980er Jahre setzte sich der gebürtige Sachse für den Schutz bedrohter Tierarten ein, was ihm den Zorn der fortschrittsgläubigen DDR-Parteioberen eintrug. Im Land von Buna und Leuna, getragen von europaweiten Protesten gegen das Waldsterben, sprang er lyrisch dem von „Pech und Schwefel“ bedrohten Baum, dem „Ringenden“ bei, den „die Dampframme des Straßenbaus“ bis in die „jüngsten Wurzeln erzittern“ ließen.

Die versehrte, verfremdete, auch dämonische Natur ist ein Topos moderner Dichtung von Georg Heym über Brecht bis Huchel. Der Skeptiker Pietraß steht dieser antiidyllischen Linie näher als den mal göttlichen, mal magischen Gebirgen und Wäldern, Gärten und Gewässern von Goethe bis George, von Brentano bis Sarah Kirsch. Pietraß preist seinen „Gepard“ so leidenschaftlich wie Rilke seinen „Panther“, doch schickt er dem „Bodenadler, jagend in der Mittagsglut“ die nüchterne Realität der Trophäenjäger hinterher: „Kühl sucht eine Kugel dich im Flug.“

Was nicht heißt, dass diese Naturgedichte sich im Finsteren vergraben. Munter blühen Worte und Stile, „Rappelschäume, Zappelträume“, „Honignäpfchen, Schüttelwiege“. Kaum ein Reim kuscht vorm Kalauer: „Laus um Laus im Affenpelz./ Auf dem Reißzahn rostet Schmelz.“ Schmunzelmaterial auch Pietraß’ funkelnde Dichte aus Scharfsinn und Ironie wie in „Auwald“: „Der Himmel hat das letzte Wort./ Es taumeln ihm die Vögel fort./ Im tauben Ei das blaue Wunder. Hol über, und Holunder.“

Rund 30 Bücher hat Pietraß veröffentlicht, überwiegend mit Gedichten. Er übersetzte Seamus Heaney und Boris Pasternak und ist Herausgeber der neu aufgelegten Lyrikreihe Poesiealbum. Seine Naturgedichte werden nun von Kupferstichen des Grafikers Baldwin Zettl begleitet, der auch eine Ausgabe von Goethes „Faust“ illustrierte. Kostbare Gestaltung kennzeichnet die Edition Ornament, in der Pietraß’ „Wandelstern“ erschienen ist. Als Vorbild dient Kurt Wolffs legendäre Broschurreihe „Der Jüngste Tag“.

Die alte Frage, inwiefern es Kunst vermag, politische Gegenwart zu verstehen, durchmisst Pietraß auf dem „Gartenweg“ im „Vaterwald“, zwischen „Abraum“ und „Aberraum“. Zugleich sichtet er, „was schon geschrieben steht“ und legt es darauf an „zu ersinnen/ Aus alten Fäden andres Garn zu spinnen“. Thomas Wild

Richard Pietraß: Wandelstern.

Die Naturgedichte. Kupferstiche von

Baldwin Zettl.

Ed. Ornament, hg.

von Jens-Fietje Dwars. quartus Verlag, Bucha 2013. 88 S., 14,90 €.

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