Architektur : Berlin muss über sich hinauswachsen

Der lange Weg zur europäischen Metropole: Deutschlands Hauptstadt hat zu viel Platz und zu wenig Zentrum. Sie hat die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt.

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Der Anzug der Weltstadt schlottert noch. Rund um den Hauptbahnhof soll eine „Europa-City“ entstehen. Doch das erste Gebäude, ein Billighotel, ist nur ein trauriger Klotz, weil es ins Korsett der Berliner Traufhöhe gezwängt wurde.
Der Anzug der Weltstadt schlottert noch. Rund um den Hauptbahnhof soll eine „Europa-City“ entstehen. Doch das erste Gebäude, ein...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Im Jahr 1999 war es, im Architekturbüro von Josef Paul Kleihues, dem Vater der kritischen Rekonstruktion Berlins. Als dieser den Entwurf eines Hochhauses am Bahnhof Zoo präsentiert, verlässt Senatsbaudirektor Hans Stimmann türenknallend den Raum. Das in den Himmel der City West ragende Hochhaus hätte die Berliner Traufhöhe um ein Vielfaches übertroffen.

Dass es gelungen ist, Bauboom und Spekulation in geordnete Bahnen zu lenken, ist ein Verdienst Stimmanns. Unter der ordnenden Hand der Stadtplanung sind vertraute Stadträume wiedererstanden, ist das durch Krieg und Mauer zerstörte Gesicht Berlins wieder erkennbar geworden. Die kritische Rekonstruktion hat sich als Leitbild für die Erhaltung und Entwicklung des gründerzeitlichen und älteren Berlin bewährt, sie fand ihren Niederschlag im Planwerk Innenstadt. Diese Renaissance Berlins als europäische Stadt wird bereichert durch den Schutz von Baudenkmälern sowie die historisch getreue oder zeitgenössische Rekonstruktion von prägenden Einzelbauten und Ensembles.

Berlin aber war immer auch Pionierstadt, Stadt der Moderne und in seinen besten Zeiten Preußen und Amerika. Deshalb darf ein zum Dogma erstarrtes Leitbild für das Berlin der Vergangenheit nicht zum Hindernis der Weiterentwicklung zu einer modernen Metropole werden.

Deutschlands größte Stadt tut sich schwer mit ihren Hochhäusern. Dass markante Türme das Postkartenbild des Potsdamer Platzes bestimmen und weltstädtisches Flair vermitteln, verdankt die Stadt weitblickenden Unternehmern wie dem Ehrenbürger Edzard Reuter, dem es gelang, den Bann der Traufhöhe zu brechen. Dass gegenüber dem Europa-Center, dem Wahrzeichen West-Berlins der 60er Jahre, ein weiterer Turm in den Himmel wächst, ist allein dem Zufall eines zeitweiligen Amts- und Farbwechsels im Senat geschuldet. Das Waldorf Astoria Hotel wird dem Umfeld des Bahnhofs Zoo neuen Glanz geben. Wird die Gedächtniskirche auf diese Weise marginalisiert? Sie wird inmitten des künftigen Hochhausreigens als Ort der Besinnung und Erinnerung vielmehr an Einzigartigkeit gewinnen.

Nach dem Fall der Mauer betraten die Stadtplaner aus dem Westen Neuland: den Osten Berlins. Aus der euphorischen Vision einer aufblühenden Stadtlandschaft mit fünf Millionen Einwohnern entstand 1993 der Plan für die City einer Weltstadt, ein Manhattan am Alexanderplatz. Aber wie schon zu Döblins Zeiten ist der Alex allen Verbesserungsbemühungen zum Trotz keine Eins-a-Lage. Er bleibt das vielbesuchte großstädtische Einkaufs- und Versorgungszentrum des Berliner Ostens – und der jährliche Höhepunkt die Skyline der Weihnachtskirmes mit Riesenrad am Fernsehturm. Für eine internationale Geschäfts-City ist der Alex nicht geschaffen. Dennoch werden dort bis heute Investitionswillige zum Bau von Hochhäusern verpflichtet. Aber nicht einer der zehn geplanten Türme wurde je gebaut. Manhattan am Alex, eine fixe Idee.

Die Rechnung wurde von Anfang an ohne den Wirt gemacht. Investoren für Spitzenimmobilien drängen wie eh und je in den Westen und die Mitte Berlins. Dort aber gilt: Achtung! Traufhöhe! Immobilienhändler bieten ihren Kunden zuerst die besten Räume an. Berlin geht – verkehrte Welt! – den umgekehrten Weg.

Dabei hat Berlin mit seinem neuen Hauptbahnhof einen City-Standort, der sich international sehen lassen kann. Grandios und weltstädtisch, harrt er mit seinen unausgeschöpften Potenzialen der Weiterentwicklung Berlins zu einer europäischen Wirtschafts- und Verkehrsmetropole. In der neuen Mitte der Hauptstadt gelegen, im Parlaments- und Regierungsviertel, mit Blick auf Reichstag und Kanzleramt, in der Nachbarschaft von Wirtschafts- und Verkehrsministerium, von Landesvertretungen und Bundesrat, in der Nähe zu Pariser Platz, Unter den Linden und Gendarmenmarkt mit ihren Hotels, Restaurants, Botschaften und Repräsentanzen, nahe den Orten der Weltkultur wie Opern, Theatern, Philharmonie und Museen, bietet er eine einzigartige Chance zur Entwicklung einer modernen City.

Die Marktplätze der globalisierten Welt sind Hochhaus-Citys. In ihnen konzentrieren, bündeln und türmen sich die wirtschaftlichen und finanziellen Kräfte, sie bieten Fühlungsvorteile und Synergien. Wie eh und je auf Marktplätzen wird der Austausch von Waren, Geld und Ideen gesucht, der rasche Verkehr und Handel, die räumliche Nähe, die Erregung und Anregung persönlicher Kommunikation. Das erfordert hohe bauliche Dichte – wie es schon 1902 der große Berliner Walther Rathenau wusste: „Je dichter die Tagesbevölkerung der City ist, desto leichter finden sich die Menschen, die an die Kette gemeinsamer Geschäftstätigkeit geschmiedet sind; je höher und gedrängter sich die Geschäftshäuser hier türmen, desto lustiger und freier können draußen die Wohnhäuser sich ausdehnen. Arbeit, wird mir häufig gesagt, ist ein Vergnügen; dieses Vergnügen mehr intensiv, denn extensiv zu genießen, hätte uns eine City zu lehren.“

Mit dem Großflughafen Berlin Brandenburg International beginnt für die Stadt ein neues Zeitalter. Nach 20 Jahren der wirtschaftlichen Konsolidierung und des Wiederaufbaus eröffnet er die Perspektive für die kommenden Jahrzehnte. Der Hauptbahnhof – Eingangsportal zu Berlin und zur weiten Welt – verbindet den neuen Großflughafen direkt mit der hauptstädtischen Mitte. Wenn Mittel- und Osteuropa, Ostseeraum und Balkan sich politisch und wirtschaftlich entwickeln, braucht es neben den Wirtschaftsmetropolen im Westen auch eine Metropole im Osten Deutschlands, als Drehscheibe zwischen Ost und West, als politische Kapitale wie als Wirtschafts-, Industrie-, Technologie-, Wissenschafts-, Medien- und Kulturmetropole.

In den Untergrund von „Berlin 21“ hat die Bundesrepublik Deutschland Milliarden investiert. Mit Bahn-, U-Bahn- und Autotunnel unter Tiergarten und Spree hat die Stadt mit dem größten Kreuzungsbahnhof Europas das Zeitalter der Dampflokomotiven und Sackbahnhöfe endgültig hinter sich gelassen. Dies alles ganz ohne Protest und Blockaden. Doch es scheint, die Stadt blockiert sich selbst.

Im Hinterland des Hauptbahnhofs soll nun „Europa-City“ entstehen. Der verheißungsvolle Name täuscht. Treffender wäre „Neu-Moabit“. Der Gründerzeit- Stadtteil soll bis zum Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal erweitert werden, geplant ist ein gemischt genutztes, von der Traufhöhe und Baublöcken geprägtes Stadtquartier.

Auf dem großzügigen Bahnhofsvorplatz ist als erstes Gebäude ein Billighotel entstanden. Ein trauriger Klotz. Schon jetzt zeigen die Entwürfe weiterer Bauten, dass sie, in das Korsett der Berliner Traufhöhe gezwängt, aus allen Nähten platzen. Aus Berliner Bau-Bouletten werden Burger und Big-Macs. Aber der europaweit einzigartige Standort wird die Grundstückspreise in die Höhe treiben, ebenso die Bauten. Das ist so seit Erfindung des Fahrstuhls.

So entsteht im Norden des Hauptbahnhofs die Baugrube für ein erstes, 70 Meter hohes Hochhaus. Der französische Energiekonzern Total, der seinen Hauptsitz im Pariser Hochhausviertel La Défense hat, konzentriert seinen Deutschlandsitz in Berlin. Der elegant in einen Businessanzug gekleidete Turm könnte der Auftakt sein für ein Zentrum, das sich mit Unternehmenszentralen und Kongresshotels zum Markt- und Schauplatz für die internationale Geschäftswelt entwickelt. Für eine „Europa-City“, deren Türme in Architektur und Höhe miteinander wetteifern. Eine Herausforderung: Wie lässt sich der Maßstab der traditionellen Stadt mit den Anforderungen einer hoch hinausstrebenden Moderne verbinden, wie die kritische Rekonstruktion mit einer kreativen Transformation?

In den Jahren seit der Wiedervereinigung ist Berlin nach dem Bankrott der DDR samt ihrer Hauptstadt und nach dem Wegfall der Subventionen für Westberlin eine beachtliche Aufbauleistung gelungen. Als dem Jubel nach dem Mauerfall mit Krisen, Schulden und Arbeitslosigkeit Katerstimmung folgte, hat die Stadt – „arm, aber sexy“ – sich Mut gemacht. Heute lockt sie Besucher aus aller Welt. Doch der Blick in die kommenden 20 Jahre ist verhangen.

Deutschlands größte Stadt ist immer noch Nehmer- und nicht Geberstadt. Berlin kann seine 3,5 Millionen Einwohner nicht ohne fremde Hilfe von Bund und Ländern ernähren. Der Anzug der Weltstadt schlottert noch. Um hineinzuwachsen, muss Berlin sich dem internationalen Wettbewerb der Metropolen stellen und mit seinem Weltflughafen, seinem Eisenbahn- und Autobahnnetz am globalen Wachstum teilhaben. Berlin hat zu viel Platz, aber zu wenig Zentrum. Deshalb muss es seine Kreativität in Kraftzentren und Kraftfeldern bündeln.

Vor dem Roten Rathaus wird die mittelalterliche Stadt ausgegraben. Als Teil der nordeuropäischen Hanse, dieser frühen Vorläuferin der europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, hatte Alt-Berlin bereits weitreichende Handelsbeziehungen. Heute sind Europas Grenzen wieder offen, Deutschland ist der Wirtschaftsmotor der Europäischen Union. Warum sollte Berlin nicht Mittelpunkt einer neuen Hanse werden? Das Nachbarland Polen – mit 40 Millionen Menschen, die ein besseres Leben wollen – entwickelt stetig seine Wirtschaft. Zur Fußball-EM 2012 wird die Autobahn Berlin – Posen – Warschau vollendet. Die Architekten des Berliner Hauptbahnhofs und des Großflughafens errichten in Warschau das Nationalstadion. Das sind die Zeichen der Zeit. Wenn Berlin sie erkennt, wird es über sich hinauswachsen.

Florian Mausbach war von 1995 bis 2009 Präsident des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung. Bei Dom Publisher ist sein Buch „Ideen für Berlin – Bausteine für eine Metropole“ erschienen (158 Seiten, 28 €).

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