Architektur : Ernst und Günther Paulus: Stein oder nicht Stein

Wenn es ums Handwerk ging, kannten sie keine Kompromisse. Jeder Berliner kennt ihre Kirche in Schmargendorf: Eine Doppelbiografie würdigt die Berliner Architekten Ernst und Günther Paulus.

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Eine feste Burg. Die expressionistische Optik der Kreuzkirche am Hohenzollerndamm ist im Werk der Architekten die Ausnahme. Aber Backstein verwendeten sie gerne.
Eine feste Burg. Die expressionistische Optik der Kreuzkirche am Hohenzollerndamm ist im Werk der Architekten die Ausnahme. Aber...Foto: p-a

„Willenskraft Wege schafft!“ lautete der Wahlspruch von Ernst Paulus. Mit Pragmatismus und Beharrungsvermögen hat er es in der Tat weit gebracht im Kaiserreich und der Weimarer Republik. Über 200 Bauten konnte der Architekt vollenden, vor allem in Berlin und Umgebung, erst zusammen mit den Partnern Georg August Dinklage und Olaf Lilloe, ab 1922 dann mit seinem Sohn Günther.

Jeder Berliner kennt wohl mindestens ein Paulus-Gebäude – freilich ohne es mit dem Namen der Architekten zu assoziieren. Die expressionistische Kreuzkirche in Schmargendorf am Hohenzollerndamm ist eine echtes Wahrzeichen, das Palais der Berufsgenossenschaft an der nördlichen Einfahrt zum Bundesplatz-Tunnel in Wilmersdorf zieht mit seinem neobarocken Portal die Blicke auf sich, die Künstlerkolonie am Südwestkorso gehört dank berühmter Bewohner wie Ernst Bloch, Lil Dagover, Ernst Busch, Peter Huchel, Johannes R. Becher oder Sebastian Haffner zu den legendären Orten des intellektuellen Berlin. Das Schloss Blücher in Mecklenburg schließlich dient heute als architektonisches Aushängeschild des Ferienkomplexes „Flesensee“.

In ihrer gerade erschienenen Doppelbiografie zeigt die Kunsthistorikerin Bettina Held Ernst und Günther Paulus als Meister des Machbaren. Wenn auch grundsätzlich von konservativem Geist, sind Vater wie Sohn jederzeit willens und in der Lage, sich den Wünschen ihrer Bauherren zu fügen. Um dauerhaft Erfolg zu haben, greifen sie in ihren Entwürfen architektonische Moden auf, passen sich, auch politisch, chamäleonhaft den Zeitläufen an. Lediglich bei der handwerklichen Ausführung machen die Baumeister keine Abstriche: Alle Gebäude sind äußerst solide ausgeführt, die Grundrisse funktional, die Proportionen stimmig. Vor allem der traditionelle märkische Backstein – um 1900 als Billigmaterial in Verruf geraten – wird vom Vater wie vom Sohn ebenso liebevoll wie variantenreich eingesetzt.

Der 1868 im niederrheinischen Kleve geborene Ernst Paulus erlernt zunächst den Beruf des Maurers und besucht dann die Königlich Preußische Baugewerkschule in Nienburg an der Weser. Mit 24 Jahren findet er seine erste Anstellung in Berlin beim Architekten Hans Grisebach, der sich in der Fasanenstraße gerade ein prachtvolles Wohnhaus errichtet hat. 1899 gründet Paulus mit Grisebachs Partner Georg August Dinklage und dem Norweger Olaf Lilloe ein eigenes Büro. Gemeinsam planen sie acht Kirchenprojekte, darunter die Segenskirche in der Schönhauser Allee sowie die Reformationskirche in Moabit. Parallel gelingt es ihnen, Kunden in adligen und großbürgerlichen Kreisen zu akquirieren: 40 Schlösser und Herrenhäuser entstehen bis 1922, Neubauten in historisierender Optik wie das neobarocke Schloss Blücher in Göhren-Lebbin, teilweise aber auch nur Umbauten wie beim Schloss Klink an der Müritz, dem ein Seitenflügel im Renaissance-Stil angefügt wird.

Gleichzeitig kommen Aufträge aus den Villenvierteln des stark expandierenden Berliner Westens. 1916 errichtet Paulus für den Unternehmer Adolf Heydenreich in Dahlem ein schlossartiges Landhaus am U-Bahnhof Podbielskiallee, das 1984/ 85 Schauplatz der ZDF-Familienserie „Eine Klasse für sich“ war und heute als „Ordenshaus der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland“ genutzt wird. 1933 heiratet Ernst Paulus Heydenreichs Tochter Irmgard, ein Jahr später kommt Günther als erstes von vier Kindern zur Welt. Für den Stammhalter hat der Selfmade-Architekt die höchsten akademischen Weihen im Blick. Günter besucht das gerade erst eröffnete Arndt- Gymnasium, muss 1916 an die Front, beginnt unmittelbar nach dem Krieg sein Studium in Karlsruhe, macht in Berlin den Dipl.-Ing. sowie die Prüfung zum „Regierungsbaumeister“, in Darmstadt schließlich seinen Doktor. Nach einem Lehrjahr bei Alfred Breslauer tritt er 1922 ins väterliche Büro ein.

Nachdem sich Ernst bereits 1910 den Traum vom eigenen Landhaus in der Rheinbabenallee 32/34 verwirklich hat, zieht auch die Firma 1929 nach Dahlem, in ein selbst entworfenes Atelierhaus am südwestlichen Ende des Breitenbachplatzes. Zeitgleich geht am Südwestkorso die Arbeit an der „Künstlerkolonie“ voran: Im Auftrag der Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger entstehen hier 548 Wohnungen für finanziell „Minderbemittelte“. Die vorwiegend mit SPD und DKP sympathisierenden Mieter sind den Nazis ein Dorn im Auge, gerade in diesem national-konservativen Umfeld. Bereits im Februar 1933 gibt es die erste Razzia, die Mieter organisieren einen bewaffneten Schutztrupp, der abends die Bewohner von der U-Bahn bis zur Haustür eskortiert. Seit 1988 erinnert ein Mahnmal auf dem Ludwig-Barnay-Platz im Zentrum der Wohnanlage an die politisch Verfolgten der Künstlerkolonie.

Künstlerisch ist das Projekt für Vater und Sohn Paulus wenig befriedigend: Bedingt durch die Wirtschaftskrise müssen sie massive Abstriche im Bereich des Dekorativen machen. Vor allem beim letzten, 1931 vollendeten Block wirken die Fassaden abweisend und kahl. Uneingeschränkt detailreich können die Architekten dagegen weiterhin bei den Privathäusern bauen, wie die vier zwischen 1926 und ’32 entstandenen Villen für wohlhabende Kunden in der Dahlemer Schweinfurthstraße zeigen. Das repräsentative, dreiflügelige Landhaus von 1928 in der Podbielskiallee 32, in dem einst eine einzige Fabrikbesitzer-Familie residierte, wurde gerade unter dem Label „Parkresidenz“ gewinnbringend in acht Eigentumswohnungen aufgeteilt.

Am Wettbewerb für die Schmargendorfer Kirche hatte Ernst Paulus bereits 1911 teilgenommen, 1916 sollte mit dem Bau begonnen werden – doch die Arbeiten wurden nach wenigen Wochen wieder gestoppt, „da alle irgendwie vertretbaren Arbeitskräfte für Zwecke der Kriegswirtschaft verfügbar zu halten sind“, wie es in einer Anweisung der königlichen Regierung in Potsdam, Abteilung für Kirchenbau und Schulwesen, heißt. Erst im Dezember 1927 kann der Grundstein gelegt werden, innerhalb von zwei Jahren entsteht ein völlig neu konzipiertes Gebäude, das sich mit seiner expressionistischen Formsprache deutlich an Fritz Högers Hamburger Chile-Haus orientiert. Gedrehte Klinkersäulen und ostasiatisch anmutende Schmuckelemente bezeugen handwerkliche Meisterschaft, die changierenden Rottöne der Backsteine werden durch blauglasierte Keramik kontrapunktiert. Ungewöhnlich auch die Dreiteilung der Kirche mit massivem Turm, verbindendem Kreuzgang und oktogonaler Halle für 1000 Besucher.

Auf die Vollendung dieses exquisiten Unikats folgt die Ernüchterung: Normierte Siedlungsbauten sind nun das tägliche Brot der Architekten, in Zehlendorf realisieren sie an der Sundgauer Straße (zwischen Mörchinger- und Berliner Straße) Wohnblöcke, in Marienfelde am Sonnenscheinpfad Reihenhauszeilen. Nachdem Ernst Paulus 1936 gestorben ist, arbeitet Günther, der im Jahr der Machtergreifung in die NSDAP eingetreten ist, alleine weiter, plant bis zur kriegsbedingten Schließung des Büros 1942 vor allem Massenunterkünfte für Arbeiter der Luftfahrtindustrie.

1946 emigriert er mit seiner Familie nach Brasilien, wo er zunächst für die Kaufhauskette seines Schwiegervaters arbeitet, sich später eine Fabrik für Kindermöbel aufbaut. Obwohl er unermüdlich am Zeichentisch arbeitet, kann er nur noch wenige Bauten vollenden, vor allem für deutsche Exilanten. 1968 schließlich kehrt Günther Paulus in seine Heimat zurück, an den Tegernsee, wo er 1976 stirbt. In Berlin ist er da längst vergessen.

Bettina Held: Ernst und Günther Paulus. Verlag Willmuth Arenhövel, Berlin 2010, 396 Seiten, 49,80 €.

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