Architektur in Berlin : Meine Hütte, mein Schloss

Junge Architekten haben es in Berlin nicht leicht. Aber sie imponieren mit visionärem Wohnungsbau: Innovative Architektur in der Hauptstadt findet nicht zuletzt bei Baugruppenprojekten statt.

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Das rote Haus am Lokdepot am südlichen Gleisdreieck stammt vom Büro Robertneun.
Das rote Haus am Lokdepot am südlichen Gleisdreieck stammt vom Büro Robertneun.Foto: Werner Huthmann

Architektur muss ein Jungbrunnen sein. Wie sonst lässt sich erklären, dass so mancher Baukünstler das Etikett „junger Architekt“ bis Ende 40 mit sich herum trägt. Der Bund Deutscher Architekten hat die Grenze sogar erst bei 45 gezogen.

Dummerweise ist die lange Jugendzeit des Berufsstands nicht die Folge eines sorgenfreien Architektenlebens. Sie begründet sich lediglich darin, dass Architekten hierzulande recht spät mit eigenen Werken bekannt werden. Ein Bjarke Ingels (kürzlich Preisträger beim Springer-Wettbewerb), der 1974 in Kopenhagen geboren wurde, mit 30 den Goldenen Löwen auf der Biennale in Venedig erhielt und seitdem zu den internationalen Superstars gehört, wäre in Deutschland undenkbar. Die Leute von Graft oder Jürgen Meyer H., die in Deutschland eine ähnliche Rolle als Avantgardisten und Darlings der Medien spielen und noch immer als jung gelten, gehen auf die 50 zu.

Berliner Architekturbüros und ihre Projekte
Das Michels Architekturbüro mit ihrem Projekt "Wohnen Charlotte", ein Berliner Apartmenthaus unweit des Checkpoint Charlie. Führungen beim Tag der Architektur am Sonntag, den 29. Juni, um 12 und 13 Uhr, Charlottenstr. 19. Alle Infos zum bundesweiten "Tag der Architektur" (28. und 29. Juni), an dem auch dieses Projekt teilnimmt, finden Sie unter www.tag-der-architektur.de oder mobil.tag-der-architektur.de, mit App zum Downloaden.Weitere Bilder anzeigen
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26.06.2014 18:30Das Michels Architekturbüro mit ihrem Projekt "Wohnen Charlotte", ein Berliner Apartmenthaus unweit des Checkpoint Charlie....

Zwei Hauptgründe dafür sind auszumachen. Zum einen das absurde Wettbewerbswesen, das junge Architekten praktisch ausschließt, weil zu den meisten Verfahren nur Teams mit Praxisnachweis zugelassen werden. Überspitzt formuliert: Wer am Kanzleramtswettbewerb teilnehmen will, muss nachweisen, dass er schon zwei, drei Kanzlerämter gebaut hat. Vorbei die Zeiten, als Meinhard von Gerkan und Volkwin Marg gleich nach dem Studium den Flughafenwettbewerb Tegel gewannen und bauen konnten. Den aus gesamteuropäischen Regelungen erwachsenen Unsinn beklagen die Architektenverbände seit Jahren und fühlen sich von der Politik alleingelassen.

Zum anderen hat sich das Berufsfeld verändert. Es geht immer weniger ums Entwerfen, immer mehr ums Dokumentieren, rechtliche Absichern, Prozessieren. Dazu benötigt man einen Apparat, den nur eingeführte Büros unterhalten können. Zudem steigen die Versicherungsprämien gegen Schadenersatzforderungen. Also ziehen viele Bauherren etablierte Büros der vermeintlich risikoreicheren Zusammenarbeit mit Newcomern vor.

In Berlin war zudem die Nachwendezeit mit der Stimmann-Ära für junge Architekten unerfreulich. Wer nicht der „steinernen Fraktion“ angehörte, hatte kaum Chancen bei öffentlichen Aufträgen. Viele heute namhafte Architekten wie Sauerbruch Hutton oder Barkow Leibinger engagierten sich erfolgreich außerhalb Berlins. Jüngere suchten sich Nischen, arbeiteten experimentell, im Selbstbaumilieu und an temporären Nutzungen und Ausstellungen. Nur wenigen gelang es, sich auf diesem beschwerlichen Weg zu etablieren, wie etwa die Gruppe Raumlabor, die mit wechselnder Besetzung Projekte jenseits kommerzieller Investorenarchitektur realisiert.

Als Robertneun firmieren die 1972 geborenen Architekten Nils Buschmann und Tom Friedrich, die sich ebenfalls seit Ende der neunziger Jahre um leer stehende Räume und provisorische Nutzungen kümmerten. Szenegänger kannten sie als Urheber der Week-end-Dachterrasse am Alexanderplatz und des zugehörigen Clubs. Ein Glücksfall war für sie der Auftrag, die Hamburger Niederlassung der Gourmet-Handelskette Frischeparadies zu gestalten. Das Projekt wurde ein Erfolg, zwei weitere Filialen in Berlin wurden mit Preisen ausgezeichnet. Der jüngste Bau von Robertneun in der Stadt ist der leuchtend rote Wohnblock am Lokdepot am südlichen Gleisdreieck.

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