Architekturgeschichte : Berlin, wie es nie gebaut wurde

16.07.2010 20:20 UhrVon Christina Tilmann
  • Berlin hat Architekten schon immer zu Visionen angeregt. Viele wurden nie gebaut. Das hier war zum Beispiel eine Vision für den Potsdamer Platz. Eine Ausstellung zeigt nun, wie... - Alle Fotos aus dem Austellungskatalog "Das ungebaute Berlin: Stadtkonzepte im 20. Jahrhundert", Juli 2010, Dom Publishers (www.dom-publishers.com)
  • So stellte sich Norman Foster ursprünglich den Reichstag vor: Ein freistehendes, transparentes Dach über dem eigentlichen Gebäude und Teilen der Umgebung war geplant. - Foto aus dem Austellungskatalog "Das ungebaute Berlin: Stadtkonzepte im 20. Jahrhundert", Juli 2010, Dom Publishers (www.dom-publishers.com)
  • Architekt Peter Eisenmann entwarf Anfang der 90er Jahre diese Version des Max-Reinhardt-Hauses. Gebaut wurde sie nie. - Foto aus dem Austellungskatalog "Das ungebaute Berlin: Stadtkonzepte im 20. Jahrhundert", Juli 2010, Dom Publishers (www.dom-publishers.com)

Zoo, Alex, Schlossplatz beflügeln die Fantasie bis heute. "Das ungebaute Berlin": Eine Ausstellung mit 100 Projekten, die zeigen, was aus der Stadt hätte werden können.

Sie haben in Gedanken den Kurfürstendamm überbaut und das Brandenburger Tor verrückt, haben Baumhäuser geplant und jede Menge Hochhäuser. Sie haben Schneisen durch Berlin geschlagen, von West nach Ost und Nord nach Süd, oder die Berliner Mauer einfach komplett überbaut. Ein Flugfeld sollte am Bahnhof Zoo entstehen, eine Universität am Teufelsberg, und Wohnbebauung auf dem Tempelhofer Feld. Sie haben von Sternstädten geträumt und von Stadtbändern, von Gartenstädten und autogerechten Städten, und sich im steinernen Berlin manchmal wie im Urstromtal gefühlt.

Berlin, die Stadt, die seit jeher permanent entsteht und vergeht, zerstört, wiederaufgebaut, überformt wird, die immer zu spät kommt und immer Avantgarde sein will, wie der Hase und der Igel, hat die Architekten und Stadtplaner immer besonders gereizt.

Anders als Paris, London und Wien wollte man sein, als diese repräsentativen europäischen Großstädte, moderner, zukunftsweisender, wahlweise amerikanischer oder russischer. Ein wahrer Wettstreit der Entwürfe setzt ein. Was die meisten von ihnen eint: Auf die reale Stadt nehmen sie wenig Rücksicht, planen den Abriss ganzer Stadtviertel, zugunsten von Autotrassen oder Schlafstädten. Großflächige Umwälzungen hat es in Berlin immer gegeben. Verfolgt man die Pläne, wären sie noch viel großflächiger ausgefallen.

Der Berliner Architekturhistoriker Carsten Krohn hat unter dem Titel „Das ungebaute Berlin“ nun 100 nicht verwirklichte Berlin-Entwürfe zusammengetragen, aus dem Zeitraum von 1907 bis 1997, und so ziemlich alle Architektenstars sind dabei. Eine Mammutarbeit, begleitet noch von Interviewaufzeichnungen von etwa dreißig noch lebenden Protagonisten, das Ganze gefördert vom Hauptstadtkulturfonds, an den Berliner Institutionen vorbei. Was durchaus auch ein Nachteil ist: Die Ausstellung im Café Moskau, eigentlich ein idealer Ort, um über visionäre Stadtplanungen nachzudenken, ist leider ziemlich hermetisch geraten, abgeschoben in ein schmales Seitenkabinett, mit hundert unkommentierten, unbeschrifteten Entwurfsblättern und dazu in Ordnern Texten zu den einzelnen Projekten. Dazu einzelne Holzmodelle, mit denen Studenten des Karlsruhe Institut für Technologie einige der Stadtvisionen ins Dreidimensionale übersetzt haben. Die Atmosphäre eines Architekturbüros solle nachempfunden werden, erklärt der Kurator, und lobt den Schaufenster-Effekt nach draußen. Und doch hätte man sich etwas mehr Didaktik gewünscht, vielleicht auch Fotos, die die Orte im Stadtbild dokumentieren, an denen sich die Fantasien festmachten – die sprühenden Utopien sehen auf den Plänen ziemlich schwarzweiß und nach Schwarzbrot aus.

Dabei ist das Thema großartig, von unerwarteter Aktualität und hätte einen großen, viel beachteten Auftritt verdient. Der Sammelband, mit klugen, ausgewogenen Kurzessays von hundert Berliner Architekturspezialisten, ist auch deutlich ergiebiger. Ein Bilderbuch der Utopien, mal wild, mal brutal und manchmal auch ziemlich verrückt – man ist ganz froh, dass das meiste Papier blieb. Da schlägt Rob Herron 1980 vor, die eingestürzte Kongresshalle mit einer raupenähnlichen Struktur zu überbauen, Leon Krier entwirft am Tegeler Hafen einen postmodernen Schinkel-Traum, Raimund Abraham lässt den Schatten einer Kirche über die Berliner Mauer fallen, Walter Gropius plant Hochhausscheiben am Wannsee, Georg Heinrichs eine Autobahnüberbauung in Rehberge. Verkehr, Wohnungsknappheit und die Suche nach einem Markenzeichen: Das sind wiederkehrende Aufgaben. Es scheint, Berlin sei schon immer ein einziger Wettbewerb gewesen.

Eine Kuppel am Schlossplatz, eine Shopping-Mall an der Friedrichstraße, die Entdeckung von Moabit oder Neukölln als „authentische“ Wohnquartiere: alles schon mal dagewesen. Verblüffend, wie sich die Themen wiederholen: Was soll am Kulturforum geschehen? Was am Alexanderplatz? Wie wird im Spreebogen gebaut? Und was macht man mit dem Flughafen Tempelhof? Friedrichstraße und Museumsinsel, Breitscheidplatz und Potsdamer Platz: Es sind immer wieder die gleichen neuralgischen Punkte, über die sich die Stadtplaner die Köpfe zerbrechen. Im Grunde bis heute.

„Das ungebaute Berlin“, Ausstellung im Café Moskau bis 15. August, täglich 10 bis 20 Uhr, Eintritt 6/3 Euro. Publikation (DOM publishers), 328 S., 48 €

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