Archive und Künstlernachlässe : Gruß vom Großvater

Internationale Galerien haben Künstlernachlässe früh für sich entdeckt - nun geben sie den Ton in diesem Metier an. Dabei gilt es, das Werk zu würdigen und die gebührende Marktpotenz zu sichern.

Eva Karcher
Werke von Rupprecht Geiger in einer Ausstellung in Düsseldorf. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa
Werke von Rupprecht Geiger in einer Ausstellung in Düsseldorf.Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Das Archiv von Rupprecht Geiger liegt am Ende einer schmalen Straße, ein Gebäude mit großen Fensterflächen, Böden aus Holz, die Wände in Ziegelbauweise. Hier arbeitete Geiger – Architekt, Bildhauer und Maler –, bekannt geworden als Virtuose von Rotmagentarosé-Kompositionen, seit Ende der Neunzigerjahre bis zu seinem Tod 2009. Die Wände im Untergeschoss sind über und über mit Farbe besprüht; oben reihen sich Grafikschränke aneinander und auf einer Ablage Fundstücke, die Geiger zu Collagen fügte.

Zwei riesige Pinkpaneele hängen in der über beide Etagen reichenden Haupthalle, fluoreszierend betörende „all over“-Landschaften im Spektrum der energetischsten aller Farben. „Ja, sie sind wunderschön“, sagt Julia Geiger, die Enkelin, die das Archiv zusammen mit Vater Florian und Onkel Lorenz führt, „nur haben sie im Lauf der Zeit gelitten. Die Werke, die mein Großvater mit Acrylfarben und so wenig Bindemittel wie möglich sprühte, sind hoch empfindlich“. Was zu Fragen nach der Restaurierbarkeit der Werke führt. Doch sind sie nur ein Thema unter vielen, um die sich die Erben des Künstlers kümmern müssen.

Künstler Rupprecht Geiger Foto: Städtische Galerie im Lehnbachhaus/dpa
Der Künstler Rupprecht Geiger wurde 102 Jahre alt. Bis zu seinem Tod war er äußert produktiv.Foto: Städtische Galerie im Lehnbachhaus/dpa

Die einzigartige Kreativität, auf der künftige Generationen aufbauen

Einen Nachlass wie den von Rupprecht Geiger zu verwalten und zu managen, der beinahe 102 Jahre alt wurde und äußerst produktiv war, ist eine hochkomplexe und vor allem immer aktuellere Aufgabe. Inzwischen hat die Generation der Tycoons der Nachkriegsmoderne, geboren zwischen 1930 und 1940, ein Alter erreicht, in dem sich nicht nur ihre historische Bedeutung immer klarer abzeichnet, sondern auch ihre Zeit endlicher wird. Viele dieser Künstlerstars, unter ihnen Alex Katz, Gerhard Richter, Georg Baselitz, Gustav Metzger, Jasper Johns, Ida Applebroog, Olga de Amaral, dazu bald oder bereits 100-Jährige wie Pierre Soulages, Carol Rama, Carmen Herrera und K.O. Götz, sind nach wie vor produktiv, manche intensiv. Doch hinterlassen sie und die anderen Heroen der letzten originär schöpferischen Avantgarde vor dem Beginn der Postmoderne eines Tages ein abgeschlossenes Oeuvre. Und damit ein Erbe von geistig wie materiell unschätzbarem Wert, bezeugen ihre Werke doch ihre je einzigartige Kreativität, auf der künftige Generationen aufbauen.

Erst allmählich steigt die Aufmerksamkeit für das Thema Nachlässe und ihre Marktrelevanz beim Gros zeitgenössischer Händler und Galeristen. Etwa um die Jahrtausendwende begannen David Zwirner und Iwan Wirth, inzwischen zwei der mächtigsten globalen Akteure, mit Nachlässen bedeutender Künstler zusammenzuarbeiten, Zwirner 1998 mit dem von Gordon Matta-Clark, Wirth 2000 mit dem von Eva Hesse. „Wir fanden die Idee, das Erbe eines Künstlers in einem zeitgenössischen Kontext neu zu sehen, aufregend“, erklärt Kristine Bell, Seniorpartner von Zwirner, die den immer gewichtigeren Sekundärhandel des Unternehmens verantwortet. Inzwischen managt Zwirner 13 Nachlässe bevorzugt von Künstlern wie wie Dan Flavin, Donald Judd oder On Kawara, aber auch die Oeuvres und Archive von Alice Neel oder dem 2006 gestorbenen Jason Rhoades.

Verantwortung für die Arbeiten

Noch etwas mehr direkte oder indirekte Beteiligung an Nachlässen weisen Hauser & Wirth auf, die sich derzeit um rund sechzehn Vermächtnisse, darunter jene von Lee Lozano, Josephson, Allan Kaprow oder in jüngerer Zeit Mike Kelley und Fausto Melotti kümmern. Beide Händler haben die „wachsende Hinwendung des zeitgenössischen Markts zu gesicherten historischen Positionen“, so Florian Berktold von der Züricher Stammgalerie, weitsichtig vorweggenommen.

Durch den Tod zweier Künstler seiner Galerie, Andy Warhol und Robert Mapplethorpe, war auch ein anderer Big Player, Thaddaeus Ropac, früh für die Rolle von Nachlässen sensibilisiert. Aber erst seit Kurzem bemüht er sich aktiv um das Oeuvre von Künstlern, „deren Bedeutung noch nicht adäquat erkannt worden ist und zu denen ich eine auch persönliche Beziehung habe“. So arbeitet die Galerie seit Kurzem mit den Nachlässen von Emilio Vedova und in Europa dem von Robert Rauschenberg. „Die Ansprüche sind sehr hoch“, meint Ropac. „Man muss das Vertrauen der jeweils Beteiligten gewinnen, besonders, was die Verantwortung für die langfristige Positionierung der Arbeiten in privaten und öffentlichen Sammlungen betrifft. Es wäre zum Beispiel hochproblematisch, wenn ein Werk, das platziert wurde, zwei Jahre später auf einer Auktion wieder auftauchen würde!“ Damit hat sich seit der Jahrtausendwende ein Perspektivwechsel weg von der Fixierung auf den schnellen „next big shot“, den nächsten Jungstar, vollzogen. Doch bevor Nachlässe Gewinne bringen, sind über einen längeren Zeitraum Investitionen zu tätigen. „Eine Reihe unterschiedlichster Fähigkeiten sind Voraussetzung, um einen Künstlernachlass erfolgreich zu managen, der schließlich auch eine wirtschaftliche Entität ist“, meint die Juristin Loretta Würtenberger, die in Berlin zusammen mit Daniel Tümpel Fine Art Partners führt und Künstlernachlässe wie den von Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp strukturiert und organisiert.

Neubewertung der Kunst durch den Filter der Gegenwart: Ein Langzeitprojekt

Ist für primäre Aufgaben wie die Erstellung von Werkverzeichnissen und die Dokumentation des Archivs eine kunsthistorische Expertise Voraussetzung, so sind darüber hinaus restauratorische und kuratorische Fähigkeiten ebenso gefragt wie juristische, betriebswirtschaftliche und steuerliche Kenntnisse. Schließlich geht es darum, die Reputation des Künstlers auch durch Schenkungen und Dauerleihgaben, Publikationen und die Vergabe von Stipendien wie Preise dauerhaft zu sichern und zu vergrößern. Je prominenter und umfangreicher ein Nachlass, desto höher die Anforderungen.

„Ohne Frage haben finanzstarke Händler wie Zwirner oder Wirth den Umgang mit Nachlässen auf ein händlerisches High-End-Level gehoben, das sehr kapitalintensiv und damit nicht einfach zu übertreffen ist“, stellt der Münchner Händler Fred Jahn fest, der seit 50 Jahren im Geschäft ist. Neben dem Nachlass von Karl Bohrmann, den er „direkt betreut“, verantwortet er die Sparte Zeichnungen bei Michael Croissant und Norbert Tadeusz exklusiv und kooperiert mit den Familien von Ernst Wilhelm Nay, Willi Baumeister und Karel Appel. Wie seine Kollegen betont auch er die Verantwortung, die jedes Mandat erfordert: „Es geht um die Neubewertung und Gewichtung retrospektiver Kunst durch den Filter der Gegenwart, das ist ein Langzeitprojekt“. Für geradezu „desaströs kurzsichtig“ hält auch Kristine Bell von Zwirner zu schnelle Verkäufe zu übersteigerten Preisen. „Man muss im Gegenteil immer darauf achten, dass das Ansehen des Künstlers in Harmonie mit den Preisen für seine Werke wächst.“

Diese Balance zu meistern, das Werk für die Nachwelt zu würdigen und ihm die gebührende Marktpotenz zu sichern, macht die Arbeit mit künstlerischen Nachlässen zu einer der spannendsten Herausforderungen der nächsten Zeit.

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