Aribert Reimann zum 80. : Der Seelenverwandler

Für die Stimme schreiben: Zum 80. Geburtstag des großen Berliner Komponisten und Pianisten Aribert Reimann.

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„Ich kann nur für die Stimme schreiben, nicht gegen sie.“ Aribert Reimann in seiner Charlottenburger Wohnung.
„Ich kann nur für die Stimme schreiben, nicht gegen sie.“ Aribert Reimann in seiner Charlottenburger Wohnung.Foto: dpa

Sie heißen Melusine, Hekabe, Bernarda Alba oder Medea: Kein Zweifel, Aribert Reimann ist ein „Frauen-Komponist“. Er schreibt den Sopranistinnen die halsbrecherischsten Koloraturen in die „geläufige Gurgel“ wie weiland Richard Strauss, vertraut ihnen Partien von äußerster Expressivität an.

Selbst in seinem größten Erfolg, dem „Lear“ nach Shakespeares Königsdrama, sind Frauen die Drahtzieher, jede durch ganz eigene Tonfolgen charakterisiert. „Die weibliche Stimme hat einfach mehr Möglichkeiten. Sie ist flexibler, geht leichter an Grenzen und darüber hinaus“, findet der Komponist.

Dass Aribert Reimann einmal der meistgespielte deutsche Opernkomponist seiner Generation werden würde, ist ihm an der Wiege gesungen worden. Der 1936 in Berlin geborene Sohn eines Kirchenmusikers und einer Altistin begleitete die Schüler seiner Mutter schon früh am Klavier, lernte so die klassisch-romantische Liedliteratur von der Pike auf kennen. Und schrieb schon mit zehn Jahren erste eigene Lieder.

Liedbegleiter von Fischer-Dieskau: Beginn einer fruchtbaren Partnerschaft

Auf Empfehlung wurde er 1958, blond gelockt und 22 Jahre jung, der Korrepetitor und Liedbegleiter von Dietrich Fischer-Dieskau. Eine künstlerische Partnerschaft, die sich als überaus fruchtbar erweisen sollte und nach vielen fulminanten Liederabenden schließlich im durchschlagenden Erfolg der „Lear“-Oper gipfelte, dessen Titelpartie dem großen Sänger auf den Leib geschrieben war.

Gleichzeitig bewies etwa die Inszenierung Harry Kupfers an der Komischen Oper Berlin – fünf Jahre nach der Münchner Uraufführung 1978 –, welche Spannweite der Interpretation dem Werk innewohnt. Vom „Lear“ sind weltweit mittlerweile 20 Inszenierungen entstanden.

Es folgten die Opern „Gespenstersonate“, „Troades“, „Das Schloss“, „Bernarda Albas Haus“, „Medea“; „Ein Traumspiel“ und „Melusine“ waren vorausgegangen. Alle diese Stoffe gehen auf Weltliteratur zurück; neben Shakespeare sind August Strindberg, Euripides, Franz Kafka die Autoren. Zunehmend vollzog Reimann hier seine „Emanzipation als Librettist“, bearbeitete, kürzte, veränderte schon als Vorwegnahme des Kompositionsprozesses. Es ist verblüffend, wie nahe uns diese Geschichten kommen, die man als verstaubtes Bildungsgut betrachten könnte. Doch ihre Themen von Macht, Unterdrückung, Aufbegehren, Liebe sind zeitlos-zeitgemäß.

Ein Bewahrer der Lyrik, ein Freund der Stimme

Wie dies auch das Genre Oper für den Komponisten ist: „Oper ist ein weiter Begriff“, sagte er, aber „ich kann nur für die Stimme schreiben, nicht gegen sie.“ Folglich sind alle experimentellen Techniken, das Zerhacken der Worte in einzelne Laute, schrille Schreie oder dumpfes Ächzen, Röcheln und Hauchen, gar elektronische Verfremdung bei ihm nicht zu finden. Wohl aber ein Überschuss der Musik dem Text gegenüber, der sich in weitesten Intervallsprüngen, wahnwitzigen Koloraturen, Melismen und Lyrismen aller Art zeigt.

Der Gesang soll mehr über das Innere des Menschen auf der Bühne erfahren lassen, als dies durch bloßes Sprechen möglich wäre. Und immer wieder zeigt sich sein riesiges Talent zur melodischen Erfindung, in einer ganz eigenen und dabei variationsreichen Musiksprache. Von Anfang an ging Reimann darin konsequent seinen eigenen Weg, ohne Rücksicht auf Moden oder Märkte.

Durch das Studium beim Komponisten Boris Blacher kam er eher mit einer expressionistisch ausgerichteten Vorkriegsmoderne in Berührung; die serielle Avantgarde eines Stockhausen oder Boulez sagte ihm nichts. Dennoch ist seine Musik unzweifelhaft modern, von atonaler Durchstrukturierung, die durchaus auch einmal zu Vierteltönen greift – von handwerklichen Künsten ganz abgesehen, wie dem virtuosen Spiegelkanon mit 41-fach geteilten Streichern zum Schluss seiner Oper „Das Schloss.“

Seine Liedklasse wurde zur Kaderschmiede der intelligenten Interpretation

Den Faden zur Tradition hat Aribert Reimann, der heute in ungebrochener Schaffenskraft seinen 80. Geburtstag begeht, dennoch niemals abreißen lassen. Als hoch sensibler Liedbegleiter solcher Koryphäen wie Elisabeth Grümmer, Rita Streich, Catherine Gayer. Wie auch als Professor an der Hochschule der Künste im Fachbereich „Das zeitgenössische Lied“. Seine Klasse dort wurde zur wahren Kaderschmiede der intelligenten Interpretation, aus der Neue-Musik-Stars wie Christine Schäfer, Eiko Morikawa oder auch Claudia Barainsky hervorgegangen sind.

Letztere wird den Solopart in „Tarde“ für Sopran und Orchester singen, im Geburtstagskonzert, das Tugan Sokhiev und das Deutsche Symphonie-Orchester (DSO) Aribert Reimann am 12. und 13. März ausrichten. Seit der Uraufführung seiner „Lieder auf der Flucht“ nach Ingeborg Bachmann 1960 ist Reimann dem Radio-Ensemble verbunden. Schon heute bringt das DSO-Kammerensemble dem Jubilar in der Villa Elisabeth ein Ständchen.

Die Deutsche Oper Berlin wiederum, die vieles von Reimann zur Uraufführung brachte und für die er derzeit auch an seiner neunten Oper schreibt, schließt sich am 22. März mit einem Sonderkonzert an, in dem auch Mitglieder der Komischen Oper sowie Daniel Barenboim (als Klavierbegleiter) musikalisch gratulieren. Auf besonderen Wunsch Reimanns dirigiert Donald Runnicles, der Generalmusikdirektor des Hauses, neben einem „Melusine“-Fragment und drei Orchesterliedern nach Texten von Edgar Allen Poe dann auch Jean Sibelius’ 4. Sinfonie.

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