Kultur : Armenarzt im Orient

Das schwarze Schaf einer Berliner Bürger-Dynastie: auf den Spuren von Arnold Mendelssohn

Thomas Lackmann

Nachkommen des Philosophen Moses Mendelssohn – Bankiers, Künstler, Gelehrte – haben Preußens Geschichte geprägt. Seit 2005 entwickelt das Geschichtsforum Jägerstraße im Stammhaus der MendelssohnBank am Gendarmenmarkt einen Mendelssohn-Ort für Berlin. Im Rahmen der dort gezeigten Ausstellung liest heute unser Autor Thomas Lackmann in der Reihe „Zeitung im Salon“ aus seiner Biografie des Clans. Aus diesem Anlass drucken wir die (leicht gekürzte) Passage über einen Außenseiter, den Armenarzt Arnold (1817- 1854), der bei seinem Cousin Felix Mendelssohn Bartholdy Klavierstunden erhielt, bevor er sich zum Sozialisten mauserte. Ein Diebstahl bringt Arnold ins Zuchthaus; er wird begnadigt und muss Europa verlassen.

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Reisepläne und Projekte des Entwurzelten überschlagen sich. Abschied vom Vater. Bewerbung in Wien als Oberarzt der k.u.k. Armee. U-Haft in Preßburg: Kriegsgerichtsverfahren wegen des Verdachts revolutionärer Umtriebe. Ausweisung nach Preußen! Kontakt mit ungarischen Revolutionären im bulgarischen Sumla. Nach Stambul: Von dort Aussendung durch türkische Behörden, als Quarantänearzt für Syrien. Mit ungarischen Flüchtlingen und dem englischen Grafen Guyon auf dem Dampfer Sultan über Smyrna und Rhodos ins syrische Alexandrette. Arnold kuriert auf den Dörfern unentgeltlich Augenentzündungen. Ein Scheich lädt ihn ein, sich niederzulassen, dann bekomme er Milch, Butter, Geflügel, Trauben und eine Frau. Im Oktober 1850 kündigt ein Brief der Stambuler Verwaltung seine Entlassung an. Schreiben aus Berlin und vom preußischen Gesandten in Stambul teilen ihm seine Ausbürgerung mit. Das sei eine Lektion für alle Welt, sich vor preußischer Gnade zu hüten, schreibt er bitter an den Bruder Wilhelm und kombiniert, dass Preußen und Österreich aufgrund des Treffens in Sumla seine Entlassung bewirkt haben. Es gelingt ihm, als Untertan der Queen weiterzureisen. In Aleppo will er sich als Arzt bewerben, da revoltiert die türkische Garde. Bitte an den Bruder in Berlin: Falls ihr nach Amerika emigriert, teilt mir das mit, dort sehen wir uns wieder.

Im Mai 1851 erreicht er Jerusalem, wo er sich einen Ruf als der beste Privatarzt erwirbt. Sein Einkommen sei gering, berichtet er, „wie der Araber, der Jud. u. der Grieche an seinem Geld hängt davon habt Ihr in Europa keinen Begriff ... Ihre tiefe Schlauheit u. der gänzliche Mangel an was wir in Europa Ehre nennen (...) machen sie für mich mehr oder weniger intraktabel, weil ich im Ganzen derselbe bin als den du mich gekannt hast, offen, nichts weniger als schlau, u. nicht besonders sparsam. Bei alledem kann ich hier leben u. zwar ziemlich gut, ich esse u. trinke gut, rauche gut, halte ein gutes Pferd, auf dem ich täglich eine Stunde ausreite. Beinahe hätte ich mich vor einiger Zeit verheirathet, (...) ich bin aber mit blauem Auge u. ohne Frau weggekommen u. gedenke mein Junggesellenleben im Lande meiner Verbannung, in dem alten Lande des Fluches, fortzuführen, bis der Augenblick der Änderungen, die Stunde meiner Befreiung schlagen wird.“

Er träumt davon, in zehn Jahren mit Frau und Kind in Europa zu leben: „Meine frühern Thorheiten oder Irrtümer oder Verbrechen habe ich gebüßt u. büße sie noch, hoffe aber weise u. besser geworden zu seyn ...“ Er spricht Französisch, Englisch, Italienisch, Spanisch, etwas Türkisch und Arabisch.

Im Oktober 1851 gründet er mit einem italienischen Missionar und dem französischen Konsulatskanzler Lequeux ein 22-Betten-Hospital, heute das älteste der Stadt. Dem Vater berichtet er stolz über Behandlungserfolge unter Türken, Armeniern, Griechen, Katholiken. Die Muslime erlaubten ihm jetzt alles. „Die Christen nennen mich Abura (Unser Vater) u. rufen mir in arabischer Weise Katarakten von Segnungen auf mein Haupt herab.“ Am 8. Dezember lässt er sich in der Kapelle des Patriarchen taufen, während einer Messe „en famille“, aber „in vollem Pomp“ der katholischen Kirche. Er habe sich ausbedungen, dass kein öffentlicher Bekehrungs-Triumph daraus gemacht werde, aber der Schritt sei nötig: „Hier zu Lande ist die Religion Politik.“

Eine vom Patriarchen angebotene Anstellung schlägt Arnold allerdings aus; er will nicht „im Orient verfaulen“. Mit zwei Franzosen durchquert er Anfang 1852 – als Beduine gekleidet – die Wüste nach Damaskus. „Wir blieben 16 Tage in dem schönen Sham, der Perle der Wüste, der einzigen Stadt Syriens, die den orientalischen Charakter behalten hat.“ Es folgt ein Wiedersehen mit dem Abendland: Arnold kommt nach Rom, verlobt sich mit einer Neapolitanerin, verabredet sich noch im Frühsommer 1853 mit dem Bruder zur Hochzeit in Beirut. Wilhelm soll dazu, via Neapel, Arnolds Braut mitbringen. Doch am 3. Oktober 1853 erklärt das Osmanische Reich Russland den Krieg. Der Abenteurer auf der Suche nach einer bürgerlichen Existenz hat die Weltgeschichte gegen sich.

Bisweilen tauchen im Leben des heimatlosen Junggesellen teilnehmende Frauengestalten auf: „eine Dame, die mich gern hat“ in Beirut, dann eine deutsche Brieffreundin „Madame“, hinter der sich wohl die Kölner Verwandte Elisabeth Caroline Itzig verbirgt. „Der Orient hat meine Ideen wie meine Lebensweise geändert“, schreibt er der Freundin, „in Europa war ich vollgestopft mit Berliner hegelianischer Allwissenheit u. glaubte, die Welt müsse so sein wie ich sie mir vorstellte, oder wenn sie nicht so sey, müsse ich sie so machen.“ Nun lernt er, mit gekreuzten Beinen auf dem Diwan sitzend, Haschisch zu rauchen.

Im Dezember 1853, nach dem Beginn des Krimkrieges, berichtet er „Madame“ aus dem türkischen Winterquartier zu Kars: Als Militärarzt habe er ein Regiment zu versorgen und sei außerdem Geheimsekretär des Generals Guyon, der, obwohl nicht zum Islam übergetreten, den Oberbefehl übers örtliche Armeecorps ausübe. „Er hat mich, trotzdem ich bei ihm sehr verläumdet worden bin (man hat mich hier zu einem Jesuiten, einem österreichischen Spion u. ich weiß nicht was sonst gemacht) ... so nützlich gefunden, daß ich ihm jetzt schon unentbehrlich bin. Die Hauptsache ist, daß ich endlich das Glück haben werde, meine einst begangenen Dummheiten wieder gut machen zu können, und der Welt zu zeigen, daß ich, wenn auch einst ein entarteter, doch noch ein Mendelssohn bin, einer, von denen Heine im Atta Troll sagt: stolz wie ein Enkel von Moses Mendelssohn.“

Der letzte Brief an „Madame“ ist auf den 23. Januar 1854 datiert, nach den Schlachten von Gümri und Szubatan, über die Dr. Mendelssohn der „Times“ berichtet. Er hofft, im Lauf des Jahres nach Europa zurückzukehren.

Die heutige Lesung in der Mendelssohn-Remise, Jägerstr. 51, ist ausverkauft. Die Ausstellung „Die Mendelssohns in der Jägerstraße“ ist tgl. außer Mittwoch 12 bis 19 Uhr geöffnet. – Am 7. April findet die Führung „Die Wege der Mendelssohns“ zur Jägerstraße statt, Treffpunkt 15 Uhr, Hackescher Markt (vor dem Irish Pub).

– „Das Glück der Mendelssohns. Geschichte einer deutschen Familie“ von Thomas Lackmann erscheint im Aufbau-Verlag, Berlin, 576 Seiten, 26,90 €.

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