• „Arsen und Spitzenhäubchen“ am Renaissance-Theater: Alte Schachteln, schwarze Schafe

„Arsen und Spitzenhäubchen“ am Renaissance-Theater : Alte Schachteln, schwarze Schafe

Ja, ja, der Holunderwein: Angela Winkler und Eva Mattes brillieren am Renaissance-Theater in „Arsen und Spitzenhäubchen“.

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Duo infernale. Angela Winkler (links) und Eva Mattes. Foto: Jim Rakete/promo
Duo infernale. Angela Winkler (links) und Eva Mattes. Foto: Jim Rakete/promo

Wenn Angela Winkler und Eva Mattes gemeinsam auf der Bühne stehen, ist das ein seltener Glücksfall. Die beiden großen Charakterdarstellerinnen kennen sich noch von der Arbeit mit dem legendären Peter Zadek und haben schon so manchen Bühnenexzess hinter sich. Nun verlegen sie sich auf das Fach „Alte Schachteln“ – ein Mordsspaß im doppelten Sinne. Denn als tödliche Schwestern Abby und Martha Brewster in „Arsen und Spitzenhäubchen“ machen sie gute Miene zum bösen Spiel. Joseph Kesselring Komödie ist ein Klassiker des schwarzen Humors. Ulrich Waller hat das makabre Stück 2009 am St.-Pauli-Theater in Hamburg inszeniert – mit einem Spitzenensemble. Die Krimigroteske läuft dort erfolgreich seit fünf Jahren – und gastiert nun für drei Tage am Renaissance-Theater.

Abby und Martha können keiner Fliege etwas zuleide tun, davon ist ihr Neffe Mortimer überzeugt. Als er entdeckt, dass seine reizenden alten Tanten im wahrsten Sinne des Wortes einige Leichen im Keller haben, ist er schockiert. Die schwarzen Witwen locken alleinstehende ältere Männer in ihre Pension – und befördern sie mit vergiftetem Holunderwein ins Jenseits.

Angela Winkler und Eva Mattes sind als Martha und Abby ein Herz und eine Seele. Winkler, die vor kurzem ihren 70. Geburtstag feierte, hat ein wunderbar mädchenhaftes Unschuldslächeln. Ihre Martha ist herrlich versponnen und verhuscht. Sie trippelt mit dem Silbertablett durch die gute Stube und ist rührend um das Wohl der Gäste besorgt. Doch dann flackert die Lust am Morbiden in ihrem Blick auf.

Arsen, Zyankali und Strychnin: Martha mixt für ihr Leben gern Cocktails. Abby ist die zupackendere und resolutere der fatalen Schwestern. Eva Mattes, die viele als „Tatort“-Kommissarin Klara Blum kennen, macht es offensichtlich Spaß, einmal die Seiten zu wechseln. Sie stattet die Abby mit einem gutherzigen Matronencharme aus. Die Schwestern sind mit sich im Reinen – sie morden ja aus Barmherzigkeit. Und wenn Abby über die nötigen Verrichtungen bei der Leichenbeseitigung spricht, dann klingt das, als gehe sie mal eben die Bügelanleitungen durch. Angela Winkler und Eva Mattes sind als Komödiantinnen eine Wucht. Sie vermeiden alle klamottige Übertreibung, die Pointen werden präzise und mit leichter Hand gesetzt.

Uwe Bohm, der ebenfalls zur Zadek-Familie gehörte, darf als Neffe Mortimer etwas dicker auftragen: Er spielt ja auch einen Theaterkritiker. Überhaupt sind die Brewsters eine Wahnsinnssippe; hier hat jeder einen an der Klatsche. Sein geistesgestörter Bruder Teddy (Gerhard Garbers) hält sich für den amerikanischen Präsidenten Roosevelt und bläst auf seiner Trompete zum Angriff. Die Tanten schicken ihn in den Keller, um Gräber auszuschaufeln – und lassen ihn in dem Glauben, er hebe den Panamakanal aus. Die Verwirrung ist perfekt, als auch noch sein Bruder Jonathan, das schwarze Schaf der Familie, samt Leiche im Schlepptau auftaucht. Sein Komplize, der „Schönheitschirurg“ Dr. Einstein, hat ihm das Gesicht umoperiert. Der grandios komische Christian Redl spielt den Serienmörder nicht als Frankensteindouble (wie Boris Karloff einst in der Broadway-Inszenierung), sondern in Hitlermaske. Der Running Gag ist denn auch der Satz: „Das Gesicht kenne ich doch!“ Richtig böse wird Jonathan, wenn man ihn für den „Großen Diktator“ hält.

Das Stück lebt vom Kontrast zwischen bürgerlicher Behaglichkeit und blankem Grauen. Aber „Arsen und Spitzenhäubchen“ ist nicht nur ein Klassiker des schwarzen Humor. Kesselring macht sich auch über das Theater lustig. Dass der Kritiker Mortimer sich die Haare rauft über die abstrusen Stücke, die er besprechen muss, ist das eine. Der Clou bei Kesselring aber ist: Die Realität kopiert hier das Theater, was Mortimer erst nicht kapiert. „Ich gebe dem Theater noch ein, zwei Jahre“, sagt auch Tante Abby. Aus dem Mund von Eva Mattes klingt das herrlich doppeldeutig.

Zuvor beweisen Angela Winkler und Eva Mattes als Komplizinnen aber: Alter schützt nicht vor Verbrechen. Großer Jubel. Sandra Luzina

wieder am 2.2., 20 Uhr

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