Art Week: Die ABC Messe ist eröffnet : Spitzenkünstler, Basiswerte

Die Kunstmesse Art Berlin Contemporary setzt mit performativen Arbeiten auf die Leichtigkeit des Seins. Und ein Geldsegen hilft Berlins Projekträumen auf die Sprünge.

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Im Gewächshaus. Die Galerie Mehdi Chouakri zeigt hängende Äste von Luca Trevisani, an denen schmelzende Eisklumpen befestigt sind.
Im Gewächshaus. Die Galerie Mehdi Chouakri zeigt hängende Äste von Luca Trevisani, an denen schmelzende Eisklumpen befestigt sind.Foto: DAVIDS/Sven Darmer

Ihre Nester sind verlassen, die Künstler sind ausgeflogen. Björn Braun hat zehn Nester auf hellen Sockeln drapiert und besteht mit ihnen gleich am Halleneingang einen Härtetest: Können ein paar Perlen, Zweige und farbige Drähte gegen Baugerüste, Belüftungsrohre an der Decke und 119 konkurrierende Projekte bestehen? Die Galerie Meyer Riegger zweifelt keinen Moment an der Wirkmacht der winzigen Objekte (je 5000 Euro), die Braun von Zebrafinken fertigen lässt. Ihr Fleiß ist in den kleinen Nestern gespeichert und teilt sich jedem mit, der näher hinschaut. Auch deshalb passen sie zur Art Berlin Contemporary (abc), die sich als Ausstellungsformat mit Messe-Charakter – oder umgekehrt? – im sechsten Jahr locker auf performative, zeitbasierte Beiträge verständigt hat.

Dabei gibt es für die 130 Galerien seit vergangenem Jahr kein festes Thema mehr, nach dem die ausgestellten Arbeiten orchestriert werden. Wohl aber zeichnen sich Strömungen ab. Da sind liquide Arbeiten wie der große, 500 Kilogramm schwere Eisblock von Paula Doepfner (Galerie Tanja Wagner), der von der Decke tropft, während man nebenan ergründen kann, was die Künstlerin in ihre begleitenden Glasskulpturen eingeschlossen hat (je 4900 Euro). Oder die Soundinstallation von Pae White (Galerie Neugerriemschneider), die sich dank unzähliger Lautsprecher über das gesamte Areal verteilt. Alexandra Bachzetsis (Galerie Meyer Riegger) zeigt eine Performance, Diana Sirianni (Galerie Figge van Rosen) hat eine Ecke im hinteren Saal komplett mit ihrem temporären Mobile belegt. Von Anri Sala (Galerie Hauser & Wirth), Andy Hope (Galerie Guido Baudach) und Aino Laberenz stammen mehrere Skulpturen, die mit Christoph Schlingensiefs Operndorf Kontakt aufnehmen.

Statt globaler Wettstreit: In Berlin wird Zukunft gemacht

Dass sich die performativen Arbeiten eher auf der abc sehen lassen als auf anderen Messen, hat mit dem Charakter der Veranstaltung zu tun. Die imposanten Umsätze werden anderswo gemacht. Eine Präsentation ohne die Schwergewichte der Klassischen Moderne und Millionenware von Zeitgenossen wie Gerhard Richter muss sich aus dem globalen Wettstreit heraushalten. In Berlin wird stattdessen Zukunft gemacht. Eine Standmiete von 4000 Euro pro künstlerische Position lädt zum Experiment ein, wie es die Berliner Galerie Veneklasen /Werner wagt: Sie zeigt Michael Williams zum ersten und letzten Mal auf der abc, weil Galerist Michael Werner den jungen Maler nun in sein etabliertes New Yorker Programm aufnimmt. Andere Arrivierte wie Neu, Mehdi Chouakri, Konrad Fischer oder Johnen nutzen das Angebot, um Werke zu zeigen, bei denen die Sammler nicht reflexhaft zugreifen.

Dabei sind mit Santiago Serra, Klaus vom Bruch, Maria Eichhorn oder Tony Oursler viele international renommierte Künstler vertreten. Eichhorns blauer Container (Galerie Barbara Weiss) ist ebenso wenig Wohnzimmerware wie die monumentale Skulptur „Auf Wiedersehen“ (1996) von Olaf Metzel, die die Zerstörungswut von Hooligans auf drastische Weise vorführt: als habe jemand eine halbe, kaputte Fankurve in die Halle gebracht. Der Aufwand dafür und der Preis für die Arbeit (220 000 Euro) müssen von der Berliner Galerie Wentrup allerdings kalkuliert werden. Die abc gehört auf jeden Fall zu den Orten, an denen man solche Wagnisse sehen kann.

Noch etwas klärte sich am Eröffnungstag, der für geladene Gäste reserviert war. Wer dachte, die abc bekäme mit ihrer neuen künstlerischen Leiterin Maike Kruse mehr Messe-Look, der wurde eines Besseren belehrt. „Ist es farbig, ist es groß? Hängt es von der Decke, braucht es Licht?“, lauteten für Kruse die elementaren Fragen der vergangenen Wochen. Nach drei Jahren als Verantwortliche für die Kommunikation der Art Basel und damit der wichtigsten europäischen Kunstmesse sieht sie sich nun wieder in der kuratorischen Pflicht: In Berlin bekommen die Galerien keine Koje zugewiesen, sondern sollen mit einem Künstler eine räumliche Idee zu entwickeln.

So ähnelt die abc erneut mehr einer Ausstellung als einer auf Umsatz getrimmten Messe. Auch die Architektur, eine Konstruktion aus Baugerüsten, unterstreicht ihren provisorischen Charakter. Manche Teilnehmer ordern weiß gestrichene Wände, um ihre Bilder zu befestigen. Andere bringen eigene Aufsteller mit oder nutzen das Gerüst auf raffinierte Art für sich. Oft genug aber erweist sich die grobe Struktur als störend, lenkt ab. Zusammen mit der Nachlässigkeit vieler Details, wo Wände durch Keile gestützt oder Gerüste mit Gewichten beschwert werden, kippt allerdings der Eindruck charmanter Improvisation. Zumindest in diesem Punkt sollte sich die abc an den professionellen Messen ein Beispiel nehmen.

Art Berlin Contemporary (abc), Station Berlin, Luckenwalder Str. 4 - 6, bis 22.9., 12 - 19 Uhr

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