Arthouse : Expeditionen ins Seelenreich

Griechisches Kinowunder: Athina Rachel Tsangari hat einen skurrilen Film gedreht: „Attenberg“ handelt von zwei ungewöhnlichen Freundinnen und kann zahlreiche Festivalerfolge für sich verbuchen.

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Flotter Zweier. Bella (Evangelia Randou, links) und Marina (Ariana Labed) tanzen auf Beton. Foto: Rapid Eye Movies
Flotter Zweier. Bella (Evangelia Randou, links) und Marina (Ariana Labed) tanzen auf Beton. Foto: Rapid Eye MoviesFoto: dpa

Einen seltsamen Pas de deux tanzen die beiden jungen Frauen in den Gärten und Höfen der merkwürdig entvölkerten Küstenstadt. Immer wieder wird das luftige Nahezu-Nichts an Handlung unterbrochen durch die Zweiertänzchen, die Marina (Ariana Labed) und Bella (Evangelia Randou) auf Betonplatten aufführen, kühle Tänzchen in dünnen blauen Kleidern mit Sternenhimmelmuster obendrauf. Ja, die zwei Mädchen sind nicht von dieser Welt. Auch die Stadt, in der ihre Körper Wohnung genommen haben, kann nicht von dieser Welt sein, so leer, so weiß, so sonnenlos. Nur die Männer, mit denen die beiden zu tun haben, es sind bei sorgfältigstem Nachzählen zwei, wirken irdisch, ein bisschen jedenfalls.

Marinas Vater (Vangelis Mourikis) stirbt an Krebs, das immerhin ist sicher. Er war einer der Architekten, die die Stadt entworfen haben vor Jahrzehnten für die Arbeiter einer Aluminiumfabrik. Jetzt kümmert sich Marina um ihn, besucht ihn im Krankenhaus, guckt mit ihm Fernsehen, probiert mit ihm schnelle, kühle Dialoge, in denen für Illusionen und Lebenslügen kein Platz ist. Und bemüht sich, der letzten und leisesten Bitte des Vaters Folge zu leisten: Lebe!

Leben, das ist gar nicht so einfach in dieser leeren, weißen, sonnenlosen Welt. Immerhin gibt es Bella, die nun ihre Tanzfreundin erst mal unterrichtet in Sex. Beim Küssen zum Beispiel, weiß Bella, steckt man einander die Zungen tief in den Mund, und damit Marina das versteht, üben sie das gemeinsam wie eine jener Verrichtungen, die man aus Tierfilmen kennt. Solche Tierfilme, wie sie Marina und der Vater im Fernsehen gucken, hat der berühmte David Attenborough gedreht, und weil Marina – oder war es Bella – den Namen so überaus unbritisch ausspricht, heißt dieser wunderseltsame Film, wie er heißt: „Attenberg“.

Zweite Lektion oder dritte: Sex mit einem andersgeschlechtlichen Wesen derselben Art. Noch ein bisschen komplizierter, wenn man keinerlei Begehren kennt, diese zitternden, schwankenden Tempo- und Temperaturverhältnisse zwischen den säugetierischen Organismen Mann und Frau. Also engagiert Bella für Marina einen sanften Ingenieur, das verspricht eine gewisse Sorgfalt im Ablauf. Nur: Hitzige Bilder stellen sich nicht ein auf der Leinwand, nicht einmal gewöhnliche Emotionen, die bei der marinischen Eisschmelze behilflich sein könnten. Aber das sollen sie auch gar nicht, denn „Attenberg“ ist eine Art Psycho-Utopie. Nichts kann hier niemandem Wunden schlagen, nicht der Tod und nicht die Liebe.

Im echten Leben übrigens haben die beiden Hauptdarstellerinnen Tanz gelernt, und im echten Leben ist Regisseurin Athina Rachel Tsangari eine Choreografin der Seelen. Allerfeinste Ausschläge auf der Gefühlsskala hat sie in ihren Traumtänzer-Tanzfiguren festgeschrieben, alle Näherung und alles Einanderfernbleiben geschieht nach ihrem Plan. Manche sagen, „Attenberg“ besiegele endgültig ein neues griechisches Filmwunder – was ganz in Ordnung geht, wenn man bei derlei Superlativismen gleich mit Film Nummer zwei beginnt. Nummer eins („Dogtooth“) und drei („Alpen“, Start 14. Juni) hat Giorgos Lanthimos gedreht, Marinas diplomingeniöser Liebhaber. Auch er filmt Menschen wie ein Tierfilmer, aufmerksam, neugierig, befremdet. Und staunend.

Ach, und da wäre noch die Stadt, in der der Film gedreht wurde: Sie ist nicht geradewegs vom Mond gefallen, was niemanden wundern würde, sondern liegt am Nordufer des Golfs von Korinth. Sie hat sogar einen Namen: Aspra Spitia. Sollte man mal hinfahren, eines heißeren Sommertags. Und sich ins metallische Meer gleiten lassen.

Arsenal, Babylon Mitte, Brotfabrik, Filmrauschpalast, fsk (alle OmU)

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