Arthur Rundts Roman „Marylin“ : Liebe auf der Flucht

Wiederentdeckt: Arthur Rundts Roman „Marylin“ von 1928 vereint Begeisterung über die Neue Welt mit Gesellschaftskritik und Melodram.

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Schöne neue Welt? Arthur Rundts Roman „Marylin“ von 1928 über Liebe und Rassismus in den USA.
Schöne neue Welt? Arthur Rundts Roman „Marylin“ von 1928 über Liebe und Rassismus in den USA.Foto: dpa

Geschichten über „A Face in the Crowd“, den Menschen aus der Masse, sind ein fester Topos in der amerikanischen Populärkultur. Wobei es in Arthur Rundts Roman „Marylin“ nicht das Gesicht, sondern die Arme sind, die den Architekten Philip auf die Titelheldin aufmerksam machen, „diese zarten Kinderarme, die aus den behutsam wiegenden Schultern hin- und herpendelten“.

Aus der Zufallsbegegnung in einem „Hochbahnzug“ in Chicago wird eine Obsession, Philip beginnt, die junge Frau zu verfolgen, von der U-Bahn über die Straßen, durch Cafés bis zur Haustür. Irgendwann spricht er sie an, plaudert über’s Wetter, und als sie vor ihm flieht, folgt er ihr nach Cleveland und New York, wo er einen schlecht bezahlten Job als Doorman eines Grand Hotels annimmt. Alles nur, um Marylin nahe zu sein.

Eigentliches Thema des Buches ist Rassismus

Philip, hochgradig besessen von dem Mädchen, das im „Verkaufsbureau einer Seidenstrumpffabrik“ arbeitet, ist zweifellos ein Stalker. Allerdings gab es den Begriff noch nicht, als der Text 1928 als Fortsetzungsroman in der Wiener „Neuen Freien Presse“ erschien. Arthur Rundt, Journalist und Theatermann, hatte 1926 den Reisebericht „Amerika ist anders“ veröffentlicht. Seine Begeisterung für die Neue Welt ist auch im Roman zu spüren, etwa wenn er die in Europa noch weithin unbekannten Reihenhäuser beschreibt: „Das sind jene kleinen Einfamilienhäuser, die von einer Straßenecke bis zur nächsten aufgestellt werden, alle völlig gleich, ohne Zwischenräume.“

Die Handlung schwankt zwischen Kolportage und Melodram. Auch Gesellschaftskritik fehlt nicht. Als Marylin und Philip zueinanderfinden, bekommen sie ein schwarzes Kind. Marylin war geflohen, weil sie sich schämte, eine Afroamerikanerin mit weißer Haut zu sein. Eigentliches Thema des Buches ist der Rassismus. „Schwarze Tiere“ war 1928 in den USA eine übliche Formulierung. Schöne Wiederentdeckung.

Arthur Rundt: Marylin. Roman. Edition Atelier, Wien 2017. 172 Seiten, 18 €.

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