Kultur : Auf der Kippe

Fatih Akins türkische Doku „Müll im Garten Eden“.

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Zuerst dachten die Dörfler, oben in den Teefeldern läge eine Leiche. Doch es war nur die neue Müllhalde, die ihren süßen Duft verströmte. Denn mitten in die prächtig sattgrünen Hügel der türkischen Schwarzmeerküste hatte die Provinzregierung eine Kippe gebaut, direkt oberhalb des kleinen Ortes Çamburnu mit seinen Bauernhäusern und Gärten. Man könnte sagen: Eigentlich ist das ein Fortschritt – so landen die Abfälle immerhin nicht mehr wild in Feldern und am Strand.

Doch auf dem Stand der Technik ist die Riesengrube nicht, offenbar wurden beim Bau Sicherheitsbestimmungen unterlaufen. Schon kurz nach der ersten Mülllieferung gibt es Lecks, und bei den in der Region üblichen heftigen winterlichen Regenfällen läuft die Kippe über und die Brühe ungehemmt durchs Dorf bis ins nahe Meer. Aber auch im Normalzustand stinkt die Fäulnis zum Himmel, drumherum kreisen vom Aas angelockte Hunderudel und Vogelschwärme.

Von Anfang an begleiteten Proteste der Dorfbewohner (den AKP-Bürgermeister eingeschlossen) das Projekt. Auch Regisseur Fatih Akin war schnell entflammt, als er bei einem Besuch von dem Bauvorhaben erfuhr – nicht nur, weil sein Großvater selbst aus Çamburnu stammte. Vielleicht, so die Idee, würde durch ein Filmprojekt des in der Türkei höchst prominenten Regisseurs der Widerstand eher Gehör bei den Behörden finden. Die Hoffnung trog, doch mit den Bauarbeiten ging das Filmen weiter, das Akin aus der Ferne regierte. Dorffotograf Seyrekbasan bekam einen Kurzlehrgang in Dokumentarfilm und eine Kamera verpasst, um neben Festen und Feiern auch die Vorgänge um die Müllkippe zu filmen. Die wurden fortwährend schlimmer, bis 2011 ein ganzes Abwasserbecken zu Bruch ging.

Die Chronologie der Katastrophe bestimmt die Dramaturgie des Films, der zudem ein paar freundlich zusammengestellte Sittenbilder aus dem Dorfleben versammelt. In der Montage argumentiert „Müll im Garten Eden“ allerdings oft rhetorisch, es fehlt an dialektischer Bewegung und der auch im Dokumentarischen notwendigen Verdichtung. Die besten Momente – und Mini-Lehrstunden in Machbarkeitswahn – sind die mitgefilmten Streitgespräche aufgebrachter Dörfler mit den Technikern und Ingenieuren, die nicht falscher Planung, sondern dem Regen Schuld am Desaster geben. In der Türkei, wo der Film im Oktober in die Kinos gekommen ist, stärkt er hoffentlich die wachsende Umweltbewegung. Silvia Hallensleben

Central, Delphi, FaF, Kant, Rollberg

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