Kultur : Auf die Erde gefallen

Jochen Jung

Das Erstaunliche an diesem Buch ist sicher seine vollkommen unaufdringliche Souveränität, die sich ganz altmeisterlich darin zeigt, dass über nichts ein Wort zu viel - und schon gar kein lautes - verloren wird. Aber nicht nur darin: Schon in dem ersten knappen Satz zeigen sich Magie, Zügigkeit und die Gewissheit, daß man den Erzähler brauchen wird, um hinter die Geheimnisse dieser Geschichte zu kommen. Dieser erste Satz heißt: "In der Nacht, als das Mädchen vom Himmel fiel, wurde Ludwig mein Freund."

Nacht, Mädchen, Himmel, Freund - fast sind es schon zu viele schöne Wörter, die einen da fangen wollen und denen man sich doch gern überlässt. Aber lang dauert es nicht, bis man erst ahnt, dann weiß, dass es nicht die Liebe war, die da vom Himmel gefallen ist. Nein, es ist wirklich ein Mädchen, und es ist wirklich gefallen, von einer riesigen Autobahnbrücke obendrein, viele Pfeiler, sehr hoch, und jetzt liegt es tot im Garten von Ludwigs Eltern. Deren Haus steht direkt unter dieser Brücke, und da kommt es eben dann und wann vor, dass jemand springt: "Er war elf, und er kannte sich mit Toten aus." So alt ist zu diesem Zeitpunkt auch der, der uns viele Jahre später diese Geschichte erzählt, und der hat nun doch Angst. Obwohl er nicht allein ist, er schläft ja in dieser Nacht bei Ludwig, zum ersten Mal. Aber er weiß: "Man braucht einen Freund gegen die Angst."

Und dieser Freund ist jetzt da und soll bleiben, und es wird eine Freundschaft, wie noch keine war: unwiderrufbar, unverbrüchlich und unzerstörbar. Und unheimlich. Denn das ist sie auch in ihrer Entschlossenheit und dem Zerstörerischen, das in ihrer Ausschließlichkeit liegt. Um diese Freundschaft geht es hier, um das Bündnis zwischen zwei jungen Menschen, die, weil sie das eine oder andere gemeinsam haben, voneinander beanspruchen, alles gemeinsam zu haben: die ersten Erfahrungen und die letzten Geheimnisse, die Mädchen und den Erfolg. Und als Allerwichtigstes: darüber miteinander reden zu können, denn: "Nur ein Freund konnte einem das Gefühl geben, da zu sein."

So beschließen die beiden Jungen die Unzertrennlichkeit und sehen sich fortan als Zwillinge. Keiner hat dem anderen etwas voraus. Kann das so einfach sein? Kann man das so einfach sagen? Dirk Kurbjuweit hatte einen sehr einfachen, aber umso wirkungsvolleren Einfall: Sein Ich-Erzähler, den er aus dem Hintergrund außerordentlich dezent steuert, ist sehr treu und ein wenig schlicht. Was Ludwig sagt und was Ludwig denkt, ist sehr schnell auch seine Meinung, an der er eisern festhält. Ludwig selbst bleibt immer das Selbstverständlichste auf der Welt und ist doch ganz und gar rätselhaft.

Der Autor weiß offenkundig etwas, was seinem Erzähler verborgen bleibt und wir Leser vielleicht ahnen, aber nie wissen können. Und ab einem gewissen Zeitpunkt auch nicht mehr wissen müssen, weil es genügt, der Geschichte zuzuhören. Und die fängt dort an, weh zu tun, wo zum ersten Mal die Gemeinsamkeit nicht gelingt: Dann nämlich, als sie endlich das Mädchen gefunden haben, das bereit ist, mit ihnen ins Bett zu gehen, mit ihnen beiden, in derselben Nacht, eine junge Russin. Aber was für Johannes eine große Erfahrung wird, das ist für Ludwig offenbar verunglückt, musste für ihn verunglücken.

Sie sprechen nicht darüber. Sie stürzen sich vielmehr in das, wo ihr Zwillingseifer am verlässlichsten reagiert: in den Sport. Und der heißt Zweier ohne, also zu zweit ohne Steuermann im Ruderboot, und das funktioniert nur dann, wenn beide die gleichen physischen Voraussetzungen mitbringen, und nur dann perfekt, wenn auch die Einstellung gleichgestimmt ist. Bei ihnen ist es so; sie gewinnen. Erst immer, dann fast immer. Und dann - dann kommt das lange Ende dieser Geschichte, bei dem einem zwei-, dreimal das Herz stillstehen will. Und weil so etwas zu den schönsten Leseerlebnissen gehört, soll hier auch nichts weiter nacherzählt werden. Das ist es nämlich, was man hier denkt: Dies ist eine Jugendgeschichte, und das ist meine Jugendgeschichte, und endlich wird sie mir jemand erzählen. Alles, was in der Jugend einzigartig ist, neu und überwältigend, gleichermaßen beglückend wie schmerzhaft, immer aber intensiv und lebensentscheidend - die Sprache Dirk Kurbjuweits umfängt dies. Womit nur soll man sie vergleichen? Mit Matthias Claudius? In der derzeitigen Literaturwelt lässt sich jedenfalls kaum etwas Verwandtes finden, das Lebensklugheit, Neugier und Herzlichkeit derart mit Schonungslosigkeit verknüpfen kann, Illusionsbedürfnis mit Illusionslosigkeit. Kurbjuweit verbindet frühe Formen zuspitzender Novellistik mit präziser heutiger Psychologie und ist dadurch so wenig "modern" wie "unmodern". Unterscheidungen solcher Art gehen hier in rückhaltloser Bewunderung einfach unter. In Dirk Kurbjuweit hat Deutschland einen Erzähler allerersten Ranges und sollte das allmählich auch wissen.

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