Aufwachsen im Pfarrhaus : Im Dienst der Gemeinschaft

Von Katharina von Bora bis Angela Merkel: Viele spannende Persönlichkeiten sind in einem Pfarrershaushalt aufgewachsen. Christine Eichel schreibt in ihrem Buch über Freiheit und Repression im deutschen Pfarrhaus.

Margot Käßmann
Nährboden Pfarrhaus. Burghart Klaussner als Pastor in Michael Hanekes Film „Das weiße Band“ (2009).
Nährboden Pfarrhaus. Burghart Klaussner als Pastor in Michael Hanekes Film „Das weiße Band“ (2009).Foto: dpa

Ach ja, die Pfarrhäuser. Sie bringen immer wieder spannende Persönlichkeiten hervor und werden zum Ort des öffentlichen Interesses. Das gilt auch ganz aktuell. Der amtierende Bundespräsident war Pfarrer in Rostock, die Bundeskanzlerin entstammt einem Pfarrhaus, die Ministerpräsidentin von Thüringen ist Pfarrerstochter und Pfarrerin zugleich, die Spitzenkandidatin der Grünen ist im Nebenberuf Pfarrfrau. Hat das etwas zu bedeuten? Sie alle sind zudem in der DDR aufgewachsen, haben ein besonderes Pfarrhaus erlebt, das Freiheit in Zeiten der Repression ermöglichte und auch erforderte. Christine Eichel schreibt, von jeher habe man dem Pfarrhaus zugetraut, „eine ethische Gegenwelt zu repräsentieren“, es sei eine „Institution, die keinen offiziellen Charakter, aber immer noch eine große Anziehungskraft besitzt“.

Brauchen wir ein weiteres Buch über Pfarrhäuser? Wer das Buch von Christine Eichel, selbst im Pfarrhaus aufgewachsen, liest, erkennt neue Aspekte. Zunächst gibt es einen frischen Blick auf den „Mythos des deutschen Pfarrhauses“ und das „Pfarrhaus als Musentempel“ – da geht es traditionell von Luther und Katharina von Bora über Nietzsche und Benn bis Jean Paul. Aber 2012 kommen auch Elke Heidenreich, RTL-Nanny Katharina Saalfrank, Schauspieler Peter Lohmeyer, Journalist Christoph Dieckmann oder Architekt Meinhard von Gerkan in den Blick. Sie alle berichten über Pfarrhauserfahrungen von Offenheit und Empathie, die aktualisiert werden bis hin zum Asyl im Pfarrhaus, bei dem Pfarrhäuser den Konflikt mit dem Gesetz nicht scheuten. Den Höhepunkt von vermeintlichem Widerspruch und inhaltlicher Konsequenz birgt, dass selbst Erich Honecker Aufnahme in einem Pfarrhaus fand.

Eichel neigt aber nicht zur Romantisierung. Zum einen macht sie deutlich, dass das Pfarrhaus zunächst nicht gerade Hort der Bildung war. Viele evangelische Pfarrer der ersten Generationen hatten keine eigenständige theologische Ausbildung und mussten zudem ihren Unterhalt durch Feldarbeit erwirtschaften. Spannend zeigt Eichel die Entwicklung hin zu einem besonderen Bewusstsein für Sprache, Bildung und Wissenschaft im Pfarrhaus und auch der Musikalität als Erbe der Reformation. Das war der Nährboden dafür, dass so viele Pfarrhauskinder sich zu Literaten, Musikern, Geisteswissenschaftlern entwickelten. Gleichzeitig zeigt Eichel, welche Belastung die Erwartung bedeuten konnte, die ein Aufwachsen im Pfarrhaus mit sich bringt. Pfarrerskinder, schreibt sie, verbindet ein „Selbstverständnis, wirksam werden zu sollen“. Sie erkennt „weniger ein Leistungsethos … als ein Bewährungspathos“. Offen gestanden habe ich mich ertappt gefühlt. Wenn ich meinen Kindern etwas mitgeben wollte, dann das: die eigenen Gaben in den Dienst der Gemeinschaft stellen. Gewiss entsteht dadurch so manches Mal ein Druck, der belastet.

In diesem Zusammenhang wirft Eichel einen kritischen Blick auf das, was Tilmann Moser einst „Gottesvergiftung“ nannte. Bedrückend ist zu lesen, wie Gewalt, erzwungener Gehorsam und verordnetes Schweigen manches Pfarrerskind prägten. Wer den Film „Das weiße Band“ gesehen hat, hat eindrückliche Bilder davon im Kopf. Aber auch das Bewusstsein für Schuld, das nach der Zeit des Nationalsozialismus in vielen Pfarrhäusern herrschte, hatte seine Konsequenzen. Das Aufbegehren dagegen geht bis hin zu Gudrun Ensslin, die meinte, die Gewalt der RAF als Widerstand verstehen zu können. Eichel sieht Ensslins Mutter als „Kronzeugin einer Haltung, die Fanatismus zumindest begünstigt, eine säkulare Form religiösen Eiferertums“ – eine bedrückende Schlussfolgerung.

Zum anderen scheint mir erstmals hier die Widerstandskraft, die im „Dritten Reich“ wie in der DDR in Pfarrhäusern wuchs, in Verbindung miteinander aufgearbeitet. Von der Allianz von Thron und Altar hin zu den Fragen der Glaubwürdigkeit im Nationalsozialismus und real existierenden Sozialismus war es ein langer Weg. Der „Obrigkeit“ untertan oder Gott mehr gehorchen als den Menschen? Eine Gratwanderung. Eindrücklich zeigt Eichel, wie Pfarrhäuser in der DDR Orte wurden, in denen „so etwas wie eine Debattenkultur“ überhaupt möglich war und so eine „Befähigung zum Politischen“ entstand, die manch einen vom Pfarrhaus nach 1989 in die Politik führte. Dieser Teil über die DDR erscheint mir besonders wichtig, weil er wenig beleuchtet wurde. Insgesamt ist so die interessante Frage nach dem Zusammenhang zwischen dem Aufwachsen im Pfarrhaus und dem politischen Handeln mancher Akteure im aktuellen Geschehen gestellt.

Anregend ist auch der Ausblick auf das Pfarrhaus heute. Da ist die Sehnsucht nach Privatheit, so wird die Frage nach der Residenzpflicht immer lauter gestellt. Gleichzeitig wünschen sich Gemeinden das Pfarrhaus vor Ort als Repräsentation von Kirche – eine heftige Spannung. Überbelastung wird heute thematisiert. Zudem: Pfarrfrauen haben eigene Berufe und Pfarrerinnen verändern die Rollenverteilungen und Erwartungshaltung – das sind völlig neue Herausforderungen für die Bilder vom Pfarrhaus!

Eichels Buchs ist spannend, und das nicht nur für Pfarrerskinder! Da wird politische Geschichte, Glaubensgeschichte und Kulturgeschichte Deutschlands lebendig und gut lesbar vor Augen gestellt. Mich hat die Lektüre angeregt, zum Nachdenken gebracht – auch mit Blick auf die Pfarrerskinder, die ich selbst erzogen habe.

Die Autorin Margot Kässmann ist Theologin und Pfarrerin und war bis 2010 Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland.

– Christine Eichel: Das Deutsche Pfarrhaus. Hort des Geistes und der Macht. Quadriga Verlag, Berlin 2012. 320 Seiten, 22,99 Euro.

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