Kultur : Aus hohem Flug herab gesunken Zum Tod des Dichters Mario Luzi

Nico Bleutge

Es war ein wunderbar milder Tag im Oktober. Die kleine Gruppe von Dichtern und Journalisten hatte gerade die ersten Tage ihrer Reise hinter sich gebracht. Nach allerlei Vorträgen und Diskussionen war man losgefahren, um die Chinesische Mauer zu besichtigen. Mario Luzi wunderte sich kurz über die „vielen Leute, Amerikaner, Chinesen“, dann begann er zu staunen: „Die Große Mauer ist so angelegt, dass sie von ihren Zinnen und durch die Scharten das Schauspiel ihrer selbst zeigt, während sie sich durch das gebirgige Gelände schlängelt. Einbuchtungen, Steigungen.“

Gerade drei Wochen umfasst Mario Luzis Tagebuch einer Reise nach China aus dem Jahr 1980, und doch hat dieser große italienische Dichter auf den wenigen Seiten all das versammelt, was sein Schreiben ausmacht. Das hellwache Auge, dessen Schweifen der Bewegung des Meeres gleicht, „in einem immerwährenden Wechsel von klein und beschränkt, groß und ozeanisch“. Das Eintreten für die „menschlichen Anliegen“ und gegen jede Art von Machtmissbrauch – ohne die Kunst je ans Engagement zu verraten. Vor allem aber die Idee einer klaren poetischen Sprache, die ihren Glanz nicht verbirgt und trotzdem die Unebenheiten der Dinge zu zeigen vermag.

Man kann das alles nachlesen in Luzis Bändchen „Und ein Lächeln, das alles verwirrt“ (Anton G. Leitner Verlag), das eine schöne Ergänzung bildet zu den Gedichten, die unter dem Titel „Wein und Ocker“ bei Klett-Cotta erschienen sind. Leider gehören Mario Luzis Texte bei uns noch immer zu den Findlingen der Poesie. Das mag seinen Grund auch darin haben, dass der 1914 in einem Dorf bei Florenz geborene Luzi sich Zeit seines Lebens kein literarisches Stempelchen aufdrücken lassen wollte. Schon sein Debut „La barca“ aus dem Jahr 1935 wurde von der Kritik vorschnell dem ermetismo zugerechnet, einer Strömung, die sich am französischen Symbolismus orientierte.

Doch Luzi hielt sein lyrisches Boot stets auf eigenem Kurs und winkte auch als Essayist, Übersetzer und Wissenschaftler Vorbildern wie Leopardi oder Coleridge allenfalls aus der Ferne zu. In späteren Jahren wurde ihm die Welt zu einem Gefüge steter Verwandlungen. Ruhe und Bewegung, Zeit und Unendlichkeit sind die Momente, die seine Langverse fortan bestimmen: „Kaum hat am Himmel sich das Blau von jenem Licht getrennt/... bedecken sich die Dächer und Vordächer der Verbotenen Stadt ... / mit einem Krähenvolk / aus hohem Flug herabgesunken“. Eine Schar anderer Himmelswesen hat den Dichter Mario Luzi nun mit 90 Jahren für immer mit sich genommen.

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