Ausstellung im Chinesischen Kulturzentrum : Perspektivwechsel

Flugpioniere im Reich der Mitte: Das Chinesische Kulturzentrum Berlin zeigt die ältesten Luftaufnahmen Chinas - und kontrastiert sie mit Bildern der heutigen Megacities.

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Markttag in einem Dorf in Süd-Hunan, fotografiert von Wulf-Diether Graf zu Castell-Rüdenhausen in den 30er Jahren
Leica damals und heute. Markttag in einem Dorf in Süd-Hunan, fotografiert von Wulf-Diether Graf zu Castell-Rüdenhausen in den 30er...Fotos: Graf zu Castell-Rüdenhausen

Dicht an dicht ducken sich die ziegelgedeckten Häuser. Das Häusermeer liegt hinter einer meterhohen wuchtigen Stadtmauer, deren Tor bereits wie ein kleiner Palast aussieht. Nur eine einzige Straße bahnt sich fast schnurgerade ihre Bahn bis zum Horizont, zwei weitere Längsachsen durchziehen Xi’an, die alte Kaiserstadt von China. Die Luftaufnahme ist gestochen scharf, obwohl sie 80 Jahre alt ist. Sie stammt von dem Flugpionier Wulf-Diether Graf zu Castell-Rüdenhausen und ist noch bis Anfang Juli in der Ausstellung „Chinaflug“ im Chinesischen Kulturzentrum Berlin zu sehen, zusammen mit großformatigen Bildern des Architekturfotografen HG Esch aus den letzten fünf Jahren.

Graf Castell war von 1933 bis 1936 im Auftrag der deutschen Lufthansa für die deutsch-chinesische Postfluggesellschaft Eurasia nach China entsandt worden, um dort den Flugverkehr zu entwickeln. Der Graf flog über Gegenden, die noch kein Europäer gesehen hatte. „Schon nach den ersten Flügen war ich von der Eigenart der chinesischen Landschaft so überwältigt, dass ich beschloss, ihre besondere Struktur im Lichtbild festzuhalten.

Dabei kam es mir darauf an, nicht nur schöne Bilder zu erzielen, sondern Beispiele auszuwählen von dokumentarischem Wert, Beispiele, die wirklich das Charakteristische der Landschaft zeigen, ihre geologische Beschaffenheit, ihre Bodenkultur, ihre Besiedlung und ihre historischen Denkmale“, schreibt Castell in der Einleitung zu seinem Buch „Chinaflug“ von 1938.

Gestochen scharfe Bilder - dank Schlitzverschluss von Leica

Für das Buch hatte er viele seiner insgesamt 1500 Fotos ausgewählt – ein unermesslicher Schatz, der lange in den Depots des Deutschen Museums und des Museums für Völkerkunde in München schlummerte und von Leica in einem aufwendigen Verfahren digitalisiert wurde. Dass die Fotos nach 80 Jahren nun überhaupt ausgestellt werden können, hängt mit der Kamera des Grafen zusammen. Andreas Kaufmann, Aufsichtsratsvorsitzender von Leica, bekam das antiquarische Buch „Chinaflug“ geschenkt, in dem der Graf vermerkt, dass er eine Leica benutzt habe. Und zwar aus einem ganz praktischen Grund: „Diese Kleinkamera hatte für mich den Vorzug, dass ihr Schlitzverschluss von rechts nach links verläuft. Da der Führersitz sich auf der linken Seite befindet, konnte ich nur nach links aus dem Flugzeug heraus fotografieren. Daher genügte beim Tiefflug trotz der hohen Eigengeschwindigkeit von 200 km in der Stunde eine Belichtungszeit von 1/200 Sekunde, weil der Verschluss entgegen der Bewegungsrichtung des Objektes läuft."

Flugpioniere über China
Der Perlfluss bei Guangzhou mit seinen unzähligen Dschunken. Auf diesen Booten lebt ein Teil der Bevölkerung der Stadt. Wulf-Diether Graf zu Castell-Rüdenhausen hat zwischen 1933 und 19136 als Flugpionier der deutsch-chinesischen Postfluggesellschaft Eurasia nebenher mit seiner Leica insgesamt mehr als 1500 Luftaufnahmen gemacht - Zeugnis einer Welt, die so nicht mehr besteht.
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1 von 22Foto: © Wulf-Diether Graf zu Castell-Rüdenhausen
16.06.2015 13:07Der Perlfluss bei Guangzhou mit seinen unzähligen Dschunken. Auf diesen Booten lebt ein Teil der Bevölkerung der Stadt....

Das erklärt die gestochen scharfen Bilder, die eine erhebliche Vergrößerung erlauben und kleinste Details erkennen lassen. Fünf Jahre Arbeit und Nachforschungen führten schließlich zu der Berliner Ausstellung, in der auch der kleine Fotoapparat zu sehen ist.

Wer die alten Bilder betrachtet, unternimmt eine Zeitreise, wiewohl die schneebedeckten Gipfel des Pamir und des Karakorum wahrscheinlich kaum anders aussehen als heute. Aber die Fotos von der Verbotenen Stadt, den Tempeln und Kaisergräbern in Peking sowie das Gewirr der Dschunken auf dem Perlfluss faszinieren schon deshalb, weil der Graf offenbar ein Gespür für ihren dokumentarischen Wert hatte. Zum Luftbild von Xi’an schrieb er 1938: „Kurze Zeit, nachdem ich diese Aufnahme gemacht hatte, begann man, die Stadt zu modernisieren. Dabei wurde die Hauptstraße, die, wie aus dem Bilde ersichtlich, vom West- zum Osttor verläuft, um ein Vielfaches verbreitert.“ Bei einer Vorab-Präsentation in der chinesischen Botschaft in Berlin betonte Botschafter Shi Mingde denn auch die Bedeutung der Fotos als „wertvolles Material für die Erforschung der Geschichte Chinas“. Es gebe nicht viele Fotos von damals, „Luftaufnahmen sind äußerst selten“.

Die Millionenstadt Shenzhen in einer Drohnen-Aufnahme von HG Esch.
Die Millionenstadt Shenzhen in einer Drohnen-Aufnahme von HG Esch.Foto: HG Esch

Drohnenflug über Millionenstädte

Welch dynamischer Wandel sich in China auch in den letzten dreißig Jahren vollzog, zeigt im Kontrapunkt der deutsche Fotograf Hans-Georg Esch, der sich mit seinen monumentalen Fotoserien „Megacities“, „City and Structure“ und „Cities Unknown“ über die Urbanisierung und die unbekannten Millionenstädte in China einen Namen gemacht hat. „Ein direktes Vorher-Nachher war nicht möglich, ein Hubschrauberflug wurde mir auch nicht genehmigt“, erzählt HG Esch. Also kam er auf die Idee mit der Drohne, seinem „Luftstativ“, wie er es nennt. Mit einer eigens für den Fotokünstler entwickelten Drohne, die 19 Kilo schwere Lasten tragen und bis zu 500 Meter hoch fliegen kann, ist Esch in der Lage, seine Kamera am Computer auf den Zentimeter genau zu positionieren. Das Fliegen überlässt er dem Operator, und Esch kann sich ganz auf die künstlerische Arbeit am Monitor konzentrieren.

Hatte er früher von Hochhäusern aus fotografiert, konnte er nun seinen Standpunkt in Schanghai und Guangzhou frei wählen. Mit diesem futuristisch anmutenden „Luftstativ“ sind Bilder von atemberaubender Schönheit entstanden, die Hochhausschluchten der Metropolen, die in den Himmel gezeichnete Grafik des Molochs Großstadt.

Chinas Metropolen wachsen rasant in die Höhe – kein Vergleich zu den Fotos von vor 80 Jahren. Wie werden die Fotos von China in 30 Jahren aussehen, wie werden die Menschen dann leben? Wird sich der malerische Dunst dann gelichtet haben, bei dem es sich in Wahrheit um Smog handelt?

So laden beide Fotografen dazu ein, sich auf die „Seelenbrücke“ (Shi Mingde) zu begeben, die Kunst und Kultur zwischen den Völkern schlagen kann. Von Berlin wird die Ausstellung nach Schanghai und Peking wandern, bevor die Abzüge einem chinesischen Museum als Geschenk vermacht werden sollen.

Chinesisches Kulturzentrum, Klingelhöferstr. 21, 10785 Berlin. 17.6. bis 5. Juli, Mo–Fr 9–18 Uhr, So 11–18 Uhr