Ausstellung in der Humboldt-Box : Klein waren wir alle

Das Berliner Humboldt-Forum blickt in einer Ausstellung in der Box auf die Kindheit – und überbrückt dabei Epochen und Regionen.

von
Sicherheit gibt es nicht mal im Schlaf. Magnus Wennman hat Kriegskinder in Syrien fotografiert (Ausschnitt).
Sicherheit gibt es nicht mal im Schlaf. Magnus Wennman hat Kriegskinder in Syrien fotografiert (Ausschnitt).Foto: Magnus Wennman

Neil MacGregor fürchtete sich als Kind vor seiner großen Schwester, Hermann Parzinger fühlte sich allein im leeren Elternhaus mulmig. Die Ängste der Kinder sind nicht die der Erwachsenen. Dafür sorgen sie sich um ihren Nachwuchs. Die zweite Ausstellung des Humboldt-Forums unter der Gründungsintendanz von MacGregor und Co. hat sich mit „Vorsicht Kinder! geschützt, geliebt, gefährdet“ ein Thema vorgenommen, das wirklich alles und jeden verbinden kann. Jeder war einmal Kind. Und ohne Kinder hat keine Gesellschaft Zukunft.

Eine Eröffnungsveranstaltung neuen Typs rollt im Kino International als straff durchgetimtes Talkshowformat über die Bühne. In Videoeinspielern kommen Kinder zu Wort und dürfen mit GoPro-Actioncam die Berliner U-Bahn unsicher machen. Aus Venezuela eingeflogene indigene Aktivisten berichten, wie sie ihre mündlich tradierten Mythen neuerdings als Trickfilm an Nachgeborene weitergeben. Andere Brennpunktthemen bringt die Pankower Kinderbeauftragte aufs Tapet. Schützen müsse man die hiesigen Kinder vor Helikoptereltern.

Acht Berliner Sammlungen haben ihre Depots durchforstet

Zu viel oder zu wenig Schutz? Übergewicht oder Unterernährung? Freizügigkeit oder Fluchttrauma? Flankiert von Schlagzeilen über Kindersoldaten, Boko Haram und Migrationselend navigiert die Ausstellung in der Humboldt-Box durch ihr breites Themenspektrum, das elastisch tatsächlich die gesamte Welt umspannt. Acht Berliner Sammlungen, darunter neben der Preußenstiftung auch Botanisches Museum, Jüdisches Museum und Stadtmuseum, haben ihre Depots durchforstet und Exotisches, Schönes, Erschreckendes zur Verfügung gestellt. Im Schnellverfahren wurde seit Oktober daraus ein pointierter Parcours gestrickt. Erstaunlich gut gelingt der Spagat: Gezeigt werden soll die Andersartigkeit der heterogenen Kulturen, aber auch das Verbindende menschlicher Grunderfahrungen. 160 Objekte vom winzigen Augenamulett bis zur massigen Tuffsteinskulptur, vom Videointerview bis zum Plüscheinhorn fungieren als Pars pro toto der beteiligten Sammlungen. Ihr Potenzial für interkulturelles Networking ist natürlich immens. Zum Glück verzichtet die Ausstellung auf den niedlich-frechen Charme lachender Kindergesichter. Kindheit ist oft mies, bedrückend, traumatisch. Dagegen hilft, so hoffen es Menschen seit jeher, der Schutz magischer Kräfte.

Unverrückbar hält eine antike Muttergottheit in ihren Armen drei Kinder. Drei? Man sieht nur zwei straff gewickelte Babys auf ihrem Schoß ruhen. Das dritte ist der beschädigten Skulptur abhandengekommen. Wer Kinder schützen will, kann selbst in Gefahr geraten. Der ägyptische Gott Bes zeigt ein Fratzengesicht, schauerlicher Homunkulus. Aber wenn’s hilft: Schwangere vertrauten ihm. Kampfbereit schwingt daneben eine indische Göttin ihr Schwert. Die knallbunten asiatischen Seidenmützen in Tierkopfform dürfen Besucherkinder selbst aufsetzen, um deren Schutzwirkung nachzuspüren.

Das große Ganze besteht aus disparaten Momenten

Pragmatischeren Rückhalt geben Autokindersitze im Themenblock Mobilität. Die aus lindgrünem Seidentaft genähten Gängelbänder eines noblen Rokokokleidchens hielten einst kindlichen Bewegungsdrang im Zaum. Sie gaben aber auch Hilfestellung bei ersten Lauflernschritten. Bing – Crossover! In derselben Vitrine hängt eine digitale Armbanduhr mit Überwachungsfunktion, auch sie ein Tool, um Bewegung zu kontrollieren. Die Hunderten knallbunten Knetfigürchen im „Mini-Shop“ der Künstlerin Jia wurden von Waisenkindern in China gefertigt. Im Tausch gegen ein eigenes Objekt kann man sie bei den jungen Schöpfern erwerben. Schlaglichter, Kurztexte, Denkanstöße: Das große Ganze besteht immer aus disparaten Momenten. Von prägenden Erfahrungen ihrer Kindheit erzählen 16 Berlinerinnen unterschiedlichster Herkunft in einer Videoinstallation. Über Kriege, Fluchten, Brüche und Ängste retteten sie, was sie in der Hand halten: ein Familienfoto, ein Kinderrucksack, ein Plüschtier.

Sicher sein kann man nicht mal im Schlaf. Magnus Wennman hat syrische Kriegskinder fotografiert. Sie kuscheln sich auf der Straße ein, in irgendeiner Ecke, an einem Transitort. Die Farben scheinen aus den Aufnahmen der Schlafenden und Träumenden gewichen, ihre Welt ist kalt. Kein Zuhause. Dass man sich sogar an die Angst gewöhnen könne, erzählt einer der Protagonisten, ein 12-jähriger Junge. Das habe ihn selbst am meisten erstaunt. Die unprätentiösen Aufnahmen bleiben haften. Das Schlusswort hat Humboldt, der große Bildungsreformer. Ihm ist eine Selfmade-Bibliothek mit Basteltisch und Kuschelecke gewidmet. Draußen vor dem Panoramafenster spielt die Gegenwart. Dem Nachwuchs hat’s gefallen.

Bis 14. Januar, täglich 10-19 Uhr. Eintritt frei, Humboldt-Box, Schlossplatz 5, www. humboldtforum.com

0 Kommentare

Neuester Kommentar