Ausstellung : Kaaba an der Spree

Die Ausstellung "Du sollst dir (k)ein Bild machen" im Berliner Dom beschäftigt sich mit Bilderverboten und der Reformation.

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Anna selbdritt - eine Darstellung der heiligen Anna mit ihrer Tochter Maria und dem Jesuskind aus dem Diözesanmuseum in Bamberg, frühes 15. Jahrhundert Uwe Gaasch
Anna selbdritt - eine Darstellung der heiligen Anna mit ihrer Tochter Maria und dem Jesuskind aus dem Diözesanmuseum in Bamberg,...Uwe Gaasch

Der ehemalige Galerist Alexander Ochs zeigt im Berliner Dom eine Ausstellung zum religiösen Bilderverbot. Was gerade in den Zertrümmerungsorgien der Islamisten im Irak schreckliche Blüten treibt, spielt allerdings auch im Judentum eine entscheidende Rolle und gehörte im reformatorischen Bildersturm des 16. Jahrhunderts, den schließlich Luther beendete, auch zum Christentum. Doch das Ganze, sagt Ochs, sei keine Reaktion auf die Anschläge in Paris und den jüngsten Streit um Karikaturen. Die Aktualität ist Zufall. Und auch wieder nicht, denn die Freiheit der Kunst muss immer wieder neu verhandelt werden. Die Kirchengemeinde jedenfalls stellte ihre Toleranz unter Beweis, indem sie Ochs freie Hand ließ. Er überrascht die Besucher nun mit einem widersprüchlichen Erlebnis.

Bilder vom 12. Jahrhundert bis heute

Von dem mit Bildern überladenen Hauptraum des Doms blickt man in die seitlich gelagerte Tauf- und Traukirche, die nun nicht mehr nach sakralem Raum aussieht. Ochs ließ die üppigen Verzierungen des Raumes hinter einer sechs Meter hohen Wandverkleidung verschwinden. Der Eingang sieht aus wie der Eingang zur Kaaba, und kurz bevor man den Raum betritt, nimmt man im Innern eine blaue Neonschrift wahr. „Du sollst dir (k)ein Bild machen“, steht dort in hebräischen Lettern. So lautet auch der Titel der Ausstellung. Ochs zeigt Bilder von 60 Künstlern, vom 12. Jahrhundert bis zur Gegenwart, von Max Beckmann bis Marina Abramovic. Das geht nur nacheinander. Bis Pfingsten wird es immer wieder neue Bild-Konstellationen geben.

Ein in eine Wand eingelassener Schrein, der das eigentliche Altarbild verdeckt, enthält eine aufgeblätterte Bibel aus dem Jahr 1886. Das Wort verdrängt das Bild. Die Ratio setzt für einen Moment die Macht des Bildes außer Kraft, im Kern ein reformatorischer Gedanke. Das Hören auf Gottes Wort wurde mit Luther, zumindest zeitweise, als heilsamer empfunden als das Sehen. Jetzt, im Kontext der Ausstellung, verleitet die Bibel zu einem Gedankenspiel, das wir im Medienirrsinn unserer Zeit kaum wagen. Was, wenn wir kurz aufhörten, die Bilder so ernst zu nehmen, dass wir sie immer sofort reflexhaft interpretieren? Indem die Ausstellung Sakrales und Profanes kombiniert spielt sie unterschiedliche Glaubenssysteme gegeneinander aus. Lucio Fontanas aufgeschlitzte Leinwand in Pink trifft auf Ai Weiweis zerstörte Vasen aus der Ming-Dynastie, sie wiederum auf die Bibel und ein Elfenbein-Kruzifix.

Der Körper als Stein allen Anstosses

Seit 2000 Jahren wird versucht, das Falsche durch das Richtige zu ersetzen, was letztlich nie gelingt. Der Mensch tut stets auch das, was er nicht soll. Und wenn ihm die Religion und ihre Interpretatoren einflüstern, dass er keine Götter malen darf, dann behilft er sich, wie der flämische Maler Pieter Claesz, mit einem Trick. Claesz malte 1640 ein Stillleben mit Fisch und Zitrone. Der Fisch könnte ein Sinnbild sein für das Leiden Jesu, die Zitrone für den Essig am Ysopzweig.

Auch der Köper und das Fleisch spielen in der Schau eine Rolle. Es gibt eine überragende Blickachse in dem Raum. In einem Glaszylinder befindet sich eine Skulptur aus Wachs, die aussieht wie ein Berg aus menschlichen Knochen. Man mag an die Gebeine Jesu im Grab denken und findet dann das Fleisch in einem Gemälde von Chris Newman wieder, als abstrakte Form im hautfarbenen Ton , die direkt dem Seeleninneren entsprungen zu sein scheint. Newman malt diese Bilder mit verbundenen Augen, die Farbe bestimmt er per Zufallscodierung. Ochs, der seine Galerietätigkeit und sein Engagement in China, für das er in Berlin steht wie kein Zweiter, aufgegeben hat, tut hier, nüchtern betrachtet, auch dies: Er greift auf das Repertoire seiner langen Kunsthändlertätigkeit zurück, hier ein Werk aus einer Sammlung, da ein Künstler, mit dem er mal gearbeitet hat. Es ist eine persönliche Bildwelt, vielleicht mit einer zentralen Botschaft: Gott ist alle Bilder.

Berliner Dom, bis 14. Juni, www.du-sollst-dir-kein-bild-machen.de

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